Bundesliga

Bilanz: Hertha läuft wenig und kann keine Joker-Tore

Die ultimative Saison-Auswertung: Lukas Klünter ist der schnellste Spieler der Liga. Aber über den Fitness-Zustand ist zu reden.

Hertha BSC, Marvin Plattenhardt (l.) im Duell gegen Eintracht Frankfurt, spielte eine komplizierte Saison mit Höhen und Tiefen

Hertha BSC, Marvin Plattenhardt (l.) im Duell gegen Eintracht Frankfurt, spielte eine komplizierte Saison mit Höhen und Tiefen

Foto: Matthias Hangst / Bongarts/Getty Images

Berlin. Die wichtigste Zahl für Pal Dardai ist in diesem XXL-Daten-Rad über die Hertha-Saison 2018/19 nicht enthalten. „Dass wir bei so vielen Verletzungen nichts mit dem Abstieg zu tun hatte, ist eine Top-Leistung“, sagte der Cheftrainer nach seinem letzten Bundesliga-Spiel mit Hertha BSC, der 1:5-Heimpleite gegen Leverkusen.

In der Tat hatten die Berliner mit Davie Selke, Niklas Stark, Karim Rekik, Marko Grujic, Vladimir Darida, Jordan Torunarigha, Javairo Dilrosun oder Arne Maier außergewöhnlich viele Ausfälle von wichtigen Spielern zu verzeichnen. Dennoch geben die Zahlen einige Erkenntnisse her. Da die Stimmung in Berlin nach Rang elf – das Saisonziel war ein einstelliger Tabellenplatz – eher mau ist, zwei positive Nachrichten zum Beginn:

49 Saisontore - bester Wert seit 2006/07

Mit 49 Treffern hat Hertha die meisten Tore in der viereinhalbjährigen Ära unter Trainer Dardai geschossen. Um das einzuordnen: Hertha ist ein Verein, der sich grundsätzlich schwer tut mit Toren. Mehr Erfolgserlebnisse, exakt 50, konnten die Hertha-Fans in der Saison 2006/07 bejubeln, damals unter Trainer Falko Götz.

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So schnell etwa Ante Rebic (Eintracht Frankfurt/35,1 km/h) oder Kai Havertz (Leverkusen/35,0) sind – den schnellsten Spieler im Lande stellt Hertha BSC. Rechtsverteidiger Lukas Klünter ist mit 35,4 km/h der Speedy Gonzales der Liga.

Grundsätzlich muss man sagen: Hertha hat mit Rang elf das bekommen, was man dafür bekommt: 49 Treffer bedeuten im Liga-Vergleich den elftbesten Wert, das gleiche gilt für 57 Gegentore.

Positiv hervorzuheben ist die Arbeit von Rune Jarstein: Der Norweger kassierte im gesamten Spieljahr lediglich ein Gegentor aus einem direkten Freistoß – das Dirigieren seiner Abwehrmauer gehört­ zu den Stärken des Hertha-­Torwartes.

Nur Schalke ist weniger unterwegs

Die Zahlen belegen allerdings auch den Eindruck vieler Stadionbesucher: Hertha läuft nicht so arg viel. Im Schnitt sind es pro Spiel 113,2 Kilometer – nur Schalke (113,1) ist weniger unterwegs. In der Rubrik „intensive Läufe“ ist Hertha Drittletzter (629) vor Düsseldorf (627) und Gladbach (625). Bei Sprints pro Spiel ist Hertha Viertletzter (204).

Die Frage, wie gut es um die körperliche Verfassung der Blau-Weißen bestellt ist, verstärkt sich beim Blick auf die Rubrik „Tore in der Schlussviertelstunde“. Acht Treffer in den letzten fünfzehn Minuten bedeuten Platz 17, nur Absteiger Hannover ist schlechter (sieben).

Allerdings hat Trainer Dardai immer wieder die sportwissenschaftliche Trainingssteuerung betont. In der Tat lohnt es sich, genauer hinzuschauen: So hat Hertha in der Schlussviertelstunde zehn Gegentore kassiert – achtbester Wert in der Bundesliga.

Das Problem mit den Ballverlusten

Ante Covic, der neue Trainer, kann den Daten entnehmen, wo Hertha Steigerungsbedarf hat. So fällt auf, dass keine Mannschaft so viele Gegentore bekommt hat nach Steilpässen wie Hertha (neun). Damit korrespondieren die Gegentore nach Ballverlusten: 16 – der viertschlechteste Wert der Liga. Hier geht es um das Thema Konzentration bei eigenem Ballbesitz und der Aufmerksamkeit dafür, bei Ballverlust die zu verteidigenden Räume eng zu halten.

Die Zahlen stützen nicht zwingend die These von Manager Michael Preetz zur Qualität des Kaders. Auf der Mit­gliederversammlung am Sonntag begründete­ Preetz den Abschied von Dardai unter anderem damit, dass „für uns in dieser Saison wesentlich mehr drin gewesen“ wäre. „Wir sind in zu vielen Spielen unter unseren Möglichkeiten geblieben.“ Auch viele Fans sind der Meinung, dass mit dem aktuellen Kader deutlich mehr als Rang elf möglich gewesen wäre.

Dem Kader fehlt es an Tiefe

Die Zahlen sagen jedoch: Hertha hat in der gesamten Saison lediglich ein Joker-Tor erzielt – Minuswert der Liga. Hertha hat nur ein Tor nach einem Steilpass erzielt und nur drei Treffer durch Weitschüsse – ebenfalls Minuswerte. Wenn es um Kreativität und Überraschungen ging, wenn in den letzten 20 Minuten durch Wechsel frischer Schwung, eine andere Klangfarbe kommen sollte – da hatte Hertha nicht viel zu bieten. Anders gesagt: Nach den vielen Verletzungen hatte es dem Hertha-Jahrgang 2019 an Tiefe gefehlt.

Manager Preetz sagte, dass der Kader­ grundsätzlich zusammenbleiben soll und punktuell verstärkt werde. Es wird spannend sein zu sehen, zu welchen Höhen Ante Covic, der neue Chef, dem Hertha-Jahrgang 2020 verhelfen­ kann.