KOMMENTAR

Lustenberger - der etwas andere Fußball-Profi

In seinen zwölf Jahren in Berlin hat sich Fabian Lustenberger, langjähriger Kapitän von Hertha BSC, um mehr gekümmert als nur Fußball

Der Berliner Fabian Lustenberger (l.) und Frankfurts Goncalo Paciencia kämpfen um den Ball.

Der Berliner Fabian Lustenberger (l.) und Frankfurts Goncalo Paciencia kämpfen um den Ball.

Foto: bm

Die große schwarze Stofftasche war voll beladen, die Fabian Lustenberger ins Restaurant mitbrachte. Abschiedsabend in Nähe zum Schloss Charlottenburg mit Fans@Hertha e.V. Und der Lustenberger, der am Sonnabend im Olympiastadion sein 220. und letztes Bundesliga-Spiel für Hertha BSC bestreiten wird, hat wenig gemein mit jenem Lustenberger, der am 18. August 2007 seine erste Partie für den Hauptstadt-Klub bestritten hat.

Sein damaliger Trainer, der Schweizer Lucien Favre, hatte aus Luzern Lustenberger und damit die Personifizierung des Favre’schen Lieblingswortes „Polyvalenz“ nach Berlin geholt. Zwölf Jahre trug Lustenberger das blau-weiße Trikot. Er spielte im Mittelfeld auf der Sechser- und der Achter-Position. Lustenberger überzeugte als Abwehrchef. Wenn Not am Mann war, wie im September 2012 beim Zweitliga-Derby gegen den 1. FC Union, half Lustenberger beim 2:1-Sieg an der Alten Försterei als rechter Verteidiger aus. Oder als Torwart.

Lustenberger, der Torwart-Hero

Da schrieb Lustenberger im Dezember 2010 bei einem Gastspiel bei 1860 München quasi im Vorbeigehen Hertha-Historie: Nach einer Roten Karte für Marco Sejna streifte sich Lustenberger das Torwart-Trikot über und hielt sein Tor in den verbleibenden acht Minuten sauber. Lustenberger ist somit der einzige Hertha-Keeper, der kein einziges Gegentor kassiert hat. In Erinnerung an diese Begebenheit schenkte der Fanklub am vergangenen Donnerstag Lustenberger (mit Namen und Rückennummer) personalisierte Torwart-Handschuhe.

Doch damit seine Karriere Fahrt aufnehmen konnte, hatte Lustenberger von seinem Förderer Favre eine unorthodoxe Aufgabe erhalten: Für mehr Robustheit in der Bundesliga musste der schmale Lustenberger zunehmen. Nach einem gemeinsamen Besuch mit dem Hertha-Profi bei einem Italiener titelte der „Berliner Kurier“: „Du wiegst zu wenig - und damit Pasta.“

Krach mit Luhukay und Dardai

Die Anhänger haben es Lustenberger hoch angerechnet, dass er trotz der Bundesliga-Abstiege 2010 und 2012 Hertha die Treue gehalten hat. 2011 hatte der damalige Trainer Jos Luhukay den Schweizer zum Kapitän befördert. In dieser Funktion geriet er mit seinen Vorgesetzten aneinander. Luhukay beschwerte sich bei Lustenberger, dass er, mal ein robustes Zeichen setzen müsse, wenn es schlecht laufe. Lustenberger konterte: „Sie wissen wie ich bin, schließlich haben Sie mich zum Kapitän gemacht.“ Wenig später musste Luhukay gehen. Auch mit dessen Nachfolger Pal Dardai gab es im Sommer 2016 eine ähnliche Diskussion rund um das Europacup-Aus gegen Bröndby IF.

Dardai setzte den ehemaligen Teamkollegen ab und ernannte Vedad Ibisevic zum neuen Kapitän. Auch in dieser schwierigen Situation blieb Lustenberger professionell. Er nutzte nicht die nächste Transferperiode, um sich aus dem Staub zu machen. Lustenberger bot Leistung an. Sein Trainer honorierte das mit Einsatzzeiten. In dieser Saison wird der Schweizer 29 (von 34 Bundes­liga-Spielen) absolvieren.

Lustenberger hilft bei „Kolibri“

Lustenberger hat immer gewusst, dass es im Leben Wichtigeres gibt als Fußball. Schon länger engagiert er sich bei „Kolibri“, einer Organisation, die krebskranken Kindern hilft. Immer mal wieder fuhr Lustenberger raus zum Helios-Klinikum nach Buch und besuchte Kinder, denen es nicht gut geht. Zu seinem 30. Geburtstag bat Lustenberger seine Freunde um eine Spende statt Geschenke: Mit dem Geld unterstützte Lustenberger die Einrichtung einer eigenen Küche auf der Kinderstation. Vergangene Woche wurde sie eingeweiht – Lustenberger war im Klinikum vor Ort.

Für das Treffen mit dem Fanklub war Lustenberger vorbereitet: Er zog aus seiner Tasche einen großen Stapel Trikots. Hertha-Trikots mit der 28, die er im Laufe von zwölf Jahren getragen hat. Auch ein Schweizer Nationaltrikot war dabei. Lustenberger signierte die Jerseys – Fans@Hertha werden sie zu einem wohltätigen Zweck versteigern. Und mit Wehmut verfolgen, wie es Lustenberger ab Sommer beim Schweizer Meister, den Young Boys Bern, ergeht.