Bundesliga

Javairo Dilrosun gibt bei Hertha endlich wieder Vollgas

Herthas Javairo Dilrosun nähert sich nach langer Verletzung seiner starken Vorjahresform. Gegen Augsburg will er den Unterschied machen

Herthas Javairo Dilrosun (20) nimmt nach 16 Spielen Verletzungspause endlich wieder Fahrt auf.

Herthas Javairo Dilrosun (20) nimmt nach 16 Spielen Verletzungspause endlich wieder Fahrt auf.

Foto: nordphoto / picture alliance / nordphoto

Berlin.  Es gibt Situationen, in denen ist selbst Javairo Dilrosun nicht schnell genug. Eigentlich hatte Herthas flinker Holländer noch auf eine Nominierung für die Nationalmannschaft gehofft, schließlich spielt die „Elftal“ nach Saisonende in der Finalrunde der Nations League. Trotz Dilrosuns starkem Auftritt beim jüngsten 3:1 gegen Stuttgart wird daraus nun nichts werden. Bondscoach Ronald Koeman hat sein vorläufiges Aufgebot schon am Freitag bekannt gegeben, ohne Dilrosun.

Im Nationalteam muss sich der 20-Jährige nach seiner langen Verletzungspause also wieder hinten anstellen. Bei Hertha drängt er indes mit Macht in die erste Elf. Am heutigen Sonnabend beim FC Augsburg (15.30 Uhr, Sky) hat er gute Chancen, für den verletzten Mathew Leckie in die Startformation zu rücken. Endlich, will man fast sagen, denn die individuelle Klasse, die Überraschungsmomente und das Tempo des Linksfußes haben dem Berliner Fußball-Bundesligisten lange genug gefehlt.

Assist gegen Stuttgart als Mutmacher

Dilrosun ist ja ein kleines Phänomen. Privat extrem schüchtern, scheint er auf dem Platz all das auszuleben, was er abseits des Feldes zurückhält. So auch am vergangenen Sonnabend gegen Stuttgart, als er Sekunden nach seiner Einwechslung den Ball an der linken Auslinie bekam und eine der bleibenden Szenen des Spieltags schuf.

Während er das Spielgerät links an seinem Gegenspieler vorbeilegte, raste er selbst rechts am VfB-Verteidiger vorbei und bereitete kurz darauf das 3:0 für Salomon Kalou vor. Dabei war sein Kontrahent kein hüftsteifer Altrocker, sondern der als Supertalent gehandelte Ozan Kabak (19), Kostenpunkt zwölf Millionen Euro.

„Ich war mir sicher, dass ich an ihm vorbeikomme“, sagt Dilrosun, „ich habe inzwischen das Selbstvertrauen, dass ich es im Eins-gegen-eins mit jedem Gegenspieler aufnehmen kann.“ Am liebsten hätte er allerdings selbst getroffen, schließlich liegt sein letztes Tor fast acht Monate zurück.

Verletzung im größten Karriere-Moment

„Als ich gesehen habe, dass mein Ball noch geblockt wurde, war ich zuerst etwas enttäuscht“, sagt er, „aber den Rest hat ja Sala erledigt.“ Wichtig war die Szene nach den Rückschlägen dieser Saison trotzdem für ihn. „Darauf“, sagt Dilrosun, „kann ich aufbauen.“

Dass er zwischenzeitlich abgebaut hatte, war vor allem seinem Verletzungspech geschuldet. Jenes ereilte ihn ausgerechnet im bis dahin größten Moment seiner Karriere, bei seinem Debüt in der A-Nationalmannschaft, das er sich in Berlin redlich verdient hatte.

Nach seinem Wechsel von Manchester Citys U23 zu Hertha war Dilrosun ein wahrer Raketenstart gelungen. Vier Spiele, fünf Torbeteiligungen – ganz Fußball-Deutschland staunte über den Speed und die Finesse dieses ablösefreien Nobodys, genauso wie die Experten in seinem Heimatland.

Der Lohn: Eine Einladung zum Länderspiel gegen Deutschland Mitte November. „Das war ein Kindheitstraum, der wahr geworden ist“, sagt Dilrosun, „Freunde, Familie – alle haben sich wahnsinnig für mich gefreut.“

Blockade im Rücken bremst das Comeback

Den Höhepunkt erreichte der Stolz, als er zur zweiten Halbzeit eingewechselt wurde, doch nur 21 Minuten später war die Premiere schon wieder vorüber. Der Oberschenkel. „Ich habe versucht, weiterzulaufen“, erzählt Dilrosun, „aber es ging nicht mehr.“ So wie danach lange Zeit gar nichts mehr gehen sollte.

Nach einer Blockade im Rücken und einer weiteren Muskelverletzung gab er sein Bundesliga-Comeback erst Anfang April. Wie Hertha immer tiefer in die Krise schlitterte, musste er tatenlos mit ansehen. Als wäre der Alltag zwischen Reha-Training, Playstation und TV-Serien nicht schon ernüchternd genug.

Seit fünf Spielen darf Dilrosun wieder mitmischen, bislang „nur“ als Joker. Seinen ersten echten „Ich bin wieder da“-Moment feierte er jedoch erst mit seiner Vollgas-Aktion gegen Stuttgart, einem Erfolgserlebnis, das ihn nur hungriger gemacht hat – zumal er Trainer Pal Dardai aus Dankbarkeit gern noch ein paar Scorerpunkte schenken würde.

„Pal hat mich zu einem kompletteren Spieler gemacht“

„Wir Niederländer haben vor allem gern den Ball am Fuß“, sagt er, Deutsche und Ungarn seien da etwas anders: „Sie wollen, dass du dir die Seele aus dem Leib rennst und auch in der Defensive viel arbeitest. Vorher habe ich nicht besonders viel Abwehrarbeit geleistet, da habe ich mich verbessert. Pal hat mich zu einem kompletteren Spieler gemacht.“

Offensivlastig bleibt seine Denkweise dennoch, und natürlich hätte er nichts gegen einen Dardai-Nachfolger einzuwenden, der für angriffslustigen Fußball steht. Vorerst aber gilt alle Konzentration dem FC Augsburg, der im Heimspiel vor zwei Wochen mächtig auf Attacke setzte.

„Zu Hause sind sie sehr stark“, warnt Dilrosun, „gegen Stuttgart haben sie zuletzt sechs Tore geschossen.“ Und so bleibt abzuwarten, wen der VfB in den vergangenen Wochen stärker aufgebaut hat: die Augsburger oder Hertha und Javairo Dilrosun.

Ich habe inzwischen das Selbstvertrauen, dass ich es im Eins-gegen-eins mit jedem Gegenspieler aufnehmen kann
Javairo Dilrosun,