Kolumne Immer Hertha

Johan Cruyff gefällt das, dem Establishment nicht

Der Erfolg von Ajax Amsterdam verzückt Fußball-Romantiker und taugt als Inspiration für Hertha. Die Frage ist nur: Wie lange noch?

Foto: Reto Klar/Reuters

Berlin. Wie wahrscheinlich ist das schon? Da tritt eine Gruppe ungestümer Lausbuben-Kicker zum Kräftemessen mit Europas Fußball-Granden an und schickt doch tatsächlich eine Star-Truppe nach der nächsten aufs Altenteil. Eine Erfolgsstory, die es so eigentlich nicht mehr geben dürfte, schließlich gilt in der Endphase der Champions League seit Jahren dasselbe Credo: geschlossene Gesellschaft, Zutritt nur für Erwachsene, nur für Mitglieder finanzstarker Elite-Klubs.

Ajax Amsterdam hat diese Platzreservierungen in dieser Saison einfach frech beiseite gefegt. In der Gruppenphase trotzten die Niederländer erst dem FC Bayern, entthronten danach nassforsch Titelverteidiger Real Madrid und legten anschließend auch Superstar Cristiano Ronaldo die Frührente nahe. In dieser Woche nun fegte der Ajax-Sturm über Tottenham Hotspur hinweg. Nach dem 1:0 im Halbfinal-Hinspiel steht Amsterdam in der Königsklasse dicht vor dem Finaleinzug. Es wäre das erste Mal seit 15 Jahren, dass ein ­Endspiel-Teilnehmer nicht aus den vier großen Ligen in England, Spanien, Deutschland und Italien kommt.

Ajax Amsterdam: Ein Geschenk des Himmels

Für Fußball-Romantiker ist dieses aufstrebende Ajax-Team ein Geschenk des Himmels, weil es die ungeliebte Entwicklung des Sports clever konterkariert. Von so etwas wie Chancengleichheit hatte sich der Fußball seit Einführung der Champions League ja um Lichtjahre entfernt. Im gleichen Maß, in dem die Transferausgaben der Platzhirsche Jahr für Jahr in neue Dimensionen wuchsen, schrumpfte bei den hinterherhinkenden Mittelstandsklubs die Hoffnung – ­darauf, den Großen mit etwas Glück doch mal ein Schnippchen zu schlagen, und sei es noch so unwahrscheinlich.

Ja, in Ausnahmefällen gab es sie immer wieder, die kleinen Sensationen. Etwa im Vorjahr, als die AS Rom den FC Barcelona ausstach. Den Ajax-Coups wohnt jedoch ein weit größerer Zauber inne. Von einem schmeichelhaften Zufallstreffer kann keine Rede mehr sein, die jüngsten Husarenstücke folgen einer ­klaren Regieanweisung, einem wohldurchdachten Plan.

Amsterdams Aufstieg hat System – getreu der alten Ajax-Schule wurden Stars nicht gekauft, sondern selbst gemacht. Herausgekommen sind dabei florierende Eigengewächse wie Frenkie de Jong (21) oder Matthijs de Ligt (19), die neben den eigenen Fans auch die Scouts europäischer Topklubs verzücken. Hinzu kommt die Art und Weise, wie Trainer Erik ten Hag Fußball spielen lässt. Wer Ajax über den Rasen wirbeln sieht, sieht ein organisches Kombinationsspiel Cruyffscher Prägung, mutig, offensiv und gewitzt, eine Grundidee, gegen die der Konterfußball à la Weltmeister Frankreich blass, einfältig und uninspiriert wirkt.

Das letzte Aufbegehren dieser Art

Warum man das alles genießen muss? Weil es vielleicht das letzte Aufbegehren dieser Art ist. Mit seiner „Sturm und Dran“-Philosophie hat Ajax den galoppierenden Fußball-Kapitalismus in Manchester und Madrid fast schon verspottet, doch die Antwort wird nicht lange auf sich warten lassen. Dass das Team im Sommer von den großen Namen auseinandergekauft wird, gilt als sicher. Dass die Topklubs des Kontinents an einer Super Liga tüfteln, um endgültig unter sich zu bleiben, ist ebenfalls kein Geheimnis mehr.

Nichtsdestotrotz: Ajax hat das Establishment schon oft aufgemischt, so war es schon in den Siebzigern in der Ära von Johan Cruyff und Mitte der Neunziger unter Trainer Louis van Gaal. Erfolge, die inspirierten und Mut machten, auch in Berlin. Herthas im Sommer scheidenden Trainer Pal Dardai hat oft genug betont: „Ich habe den Traum, dass wir mal so etwas erreichen wie Ajax.“

In seinen gut vier Jahren als Chefcoach hat der Ungar viel dafür getan, seinem Ziel näher zu kommen, förderte konsequent die eigenen Talente. Welche Blüten diese Arbeit schlussendlich tragen wird? Das liegt nicht zuletzt in den Händen seines Nachfolgers. Wer weiß: Vielleicht erlebt Hertha eines Tages einen eigenen Ajax-Moment. Aber wie wahrscheinlich ist das schon?