Bundesliga

Hertha hinkt Gegner Frankfurt zwei Schritte hinterher

Die Berliner sind vom kommenden Gegner Eintracht Frankfurt inzwischen abgehängt worden. Das liegt auch an der Wahl des Trainers

Herthas Davie Selke (l.) jagt Frankfurts Filip Kostic. Das Hinspiel gewannen die Berliner mit 1:0.

Herthas Davie Selke (l.) jagt Frankfurts Filip Kostic. Das Hinspiel gewannen die Berliner mit 1:0.

Foto: Jan Kuppert/SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

Berlin.  Ob Pal Dardai ein erfolgreicher Trainer geworden wäre, wenn seine Eltern ihm einst anderes Spielzeug in die Hände gedrückt hätten? Final klären lassen wird sich das wohl nie, aber wenn man Herthas Cheftrainer Glauben schenkt, hat er einen Teil seines Handwerks schon in jungen Jahren gelernt.

„Ich habe Glück, dass ich in meiner Kindheit viel mit Lego gespielt habe“, sagte der Ungar am Donnerstag mit gespieltem Ernst. Was zunächst etwas kryptisch anmutete, ergab bei genauerer Betrachtung durchaus Sinn. Er verstehe es nun mal ziemlich gut, aus einzelnen Bausteinen ein funktionierendes Ganzes zu konstruieren und zur Not – auch dies alte Lego-Schule – zu improvisieren.

Trainer Dardai muss erfinderisch werden

Im anstehenden Bundesligaspiel bei Eintracht Frankfurt am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky) sind diese Qualitäten mal wieder besonders gefragt. Dardai muss den am Sprunggelenk verletzten Innenverteidiger Niklas Stark ersetzen, für den die Saison vorzeitig beendet ist, außerdem fehlt ihm der gelbgesperrte Mittelfeld-Strippenzieher Marko Grujic.

„Ich habe schon in der Hinrunde sehr viel gebastelt“, sagte Dardai, „und in der Rückrunde war es bis jetzt auch so – nur dass jetzt die Punkte fehlen.“ Weil reines Beklagen nun aber auch keine zusätzlichen Zähler einfährt, helfe es nichts: „Wir müssen weiterbasteln.“

Seine Bastel-Aktivitäten muss Dardai demnächst im Privaten ausleben, ab Sommer übernimmt ein anderer seinen Posten bei Hertha. Wer das sein wird? Das ist bislang noch unklar, diese Bastel-Aufgabe muss Manager Michael Preetz bewältigen. Als Favorit gilt der frühere Huddersfield-Coach David Wagner (47), die Suche läuft auf Hochtouren.

In Frankfurt dürfte Preetz’ Blick am Sonnabend wohl das ein ums andere Mal neidvoll die Seitenlinie entlangwandern, direkt in die Coaching-Zone der Eintracht. Dort steht mit dem Österreicher Adi Hütter (49) derzeit ein Trainertyp, den sich gefühlt die halbe Liga wünscht, einer mit durch und durch offensivem Geist, aber dem Gespür für die richtige Balance – einer, der nicht nur für erfolgreichen, sondern auch für begeisternden Fußball steht.

Manager Preetz schwärmt von der Eintracht

Preetz macht kein Geheimnis daraus, dass ihm Hütters Arbeit imponiert. „Sie stehen im Halbfinale der Europa League und in der Bundesliga auf einem Champions-League-Platz“, sagte der Manager auf der Pressekonferenz am Donnerstag, „sie spielen eine außergewöhnlich gute Spielzeit mit viel Begeisterung. Ihre Saison ist spektakulär.“

Noch vor drei Jahren entging die Eintracht nur knapp dem Abstieg, doch der damalige Retter Niko Kovac erwies sich als ein erster Glücksgriff. Der Trainer stabilisierte Frankfurt nicht nur in der Liga, sondern erreichte mit den Hessen das, wovon sie in Berlin seit Ewigkeiten träumen: erst das Pokalfinale 2017 (1:2 gegen Dortmund) und im Jahr darauf sogar den ganz großen Coup, den Pokalsieg gegen den FC Bayern (3:1).

SGE-Coach Hütter hat das, was Hertha sucht

Mit Kovacs anschließendem Wechsel nach München schwante manchem Eintracht-Fan schon Böses, doch Manager Fredi Bobic bewies bei der Trainerwahl ein goldenes Händchen. Er zauberte Hütter aus dem Hut, der in Frankfurt zwar seine Startschwierigkeiten hatte, mittlerweile aber als Trainer der Saison gefeiert wird. Das liegt nicht zuletzt an den euphoriegeladenen Auftritten in Europa, in der die Eintracht – anders als Hertha im Jahr zuvor – die Gefahren der Doppelbelastung furchtlos beiseite wischte und mutig attackierte.

„Das Team stand hinten kompakt und ist über schnelles Umschalten nach vorne gekommen“, hat Hütter mal über die „Kovac-Eintracht“ gesagt: „Das ist nicht meine Idee. Fredi Bobic hat mich nicht geholt, damit ich das weiterführe.“ Ein Satz, den man sich so ähnlich auch aus dem Mund des neuen Hertha-Trainers vorstellen kann. Auch in Berlin lautet die Überschrift über der Trainersuche: Weiterentwicklung.

Attraktivität gepaart mit Stabilität

Jene ist Hütter zweifellos gelungen, denn bei aller Angriffslust steht er auch für taktische Variabilität. Die Zahlen sprechen für sich. Mit 58 Toren stellt Frankfurt nicht nur die viertbeste Offensive der Liga (nach München, Dortmund und Hoffenheim), sondern mit 35 Gegentoren auch die drittbeste Abwehr (nach Leipzig und München). Eine Entwicklung, der Hertha gefühlt zwei Schritte hinterherläuft.

Gerardo Seoane, Hütters erfolgreicher Nachfolger bei Young Boys Bern, steht sogar für noch mehr taktische Variabilität, doch der Schweizer will vorerst in der heimischen Liga bleiben. Preetz muss also weiterpuzzeln.

Trainer Dardai indes scheint seine Bastelei schon erledigt zu haben. Für Stark und Grujic spielen aller Voraussicht nach Fabian Lustenberger und Maximilian Mittelstädt.