Immer Hertha

Hertha und die Trainer-Suche: Erwarten Sie nichts

Neue Trainer schüren neue Hoffnungen – das wird auch bei Hertha BSC so sein. Nur kommt es oft genug ganz anders, meint Jörn Lange.

Hertha BSC sucht einen Ersatz für Pal Dardai.

Hertha BSC sucht einen Ersatz für Pal Dardai.

Foto: dpa, BM

Berlin. Das erste Mal ist immer etwas Besonderes, und natürlich war das auch bei Pal Dardai so. An sein Premieren-Training als Coach von Hertha BSC kann ich mich jedenfalls gut erinnern. Damals sorgte der Ungar dafür, dass seine verunsicherten Profis erstmal ordentlich Dampf ablassen konnten. Das Aufwärmen in Reih und Glied erinnerte mit schwingenden Armen und „Huh!“-Rufen eher an Militär-Drill als an Fußball, doch das eigentliche Schauspiel sollte erst danach stattfinden.

Ohne Gegenspieler ließ Dardai die Protagonisten aufs Tor zustürmen – auf dass sie einen Ball nach dem nächsten im Netz versenken, ihre Torschuss-Panik verlieren und endlich wieder Lust aufs Kicken bekommen. Nun, so richtig klappen sollte das damals nicht.

Auch Pal Dardai hatte anfangs große Probleme

Tatsächlich scheiterten die Berliner etliche Male an dieser simplen Aufgabe, doch Dardai zog seinen Plan durch. Trotz der vielen Fehlversuche lobte er seine neuen Schützlinge so eindringlich, dass sich fast die Torpfosten bogen. Einige Spieler tauschten an diesem frischen Februartag 2015 irritierte Blicke aus, und mir selbst lief nicht nur wegen der frostigen Temperaturen ein kalter Schauer über den Rücken. Ein so unerfahrener Trainer als Retter im Abstiegskampf, konnte das gut gehen?

Seit Hertha verkündet hat, dass Dardais Amtszeit im Sommer endet, schossen mir viele solcher Erinnerungen durch den Kopf, etwa an Dardais Liga-Debüt. Beim 2:0 in Mainz staunte ich zunächst über sein Outfit – eine schicke Jacke und schicke Schuhe, die er danach nie wieder tragen sollte – und dann über den gegnerischen Torwart, der den Berlinern mit seinen unglücklichen Aktionen den Sieg schenkte.

Mulmig wurde mir auch beim anschließenden 0:2 gegen Freiburg, bei dem Dardai den eher künstlerisch veranlagten Ronny aus unerklärlichen Gründen auf der „Kampfschwein-Position“ im defensiven Mittelfeld aufbot (auch das sollte er nie wieder tun). Eine 1:2-Pleite gegen Wolfsburg später schien Dardai, bis dahin nur Interimscoach, schon wieder vor dem Aus, wäre da nicht Salomon Kalou gewesen, der in einem tristen Schmalspur-Kick gegen Augsburg nach 88 Minuten das 1:0 schoss. Sie ­merken: Dardais frühe Schaffensphase mutete wenig verheißungsvoll an.

Selbst Trainer-Granden scheiterten

In der Vorbereitung auf seine erste volle Saison sollte sich daran wenig ändern. Im Trainingslager sah ich zwar knüppelhartes Konditionstraining, wunderte mich aber darüber, dass so wenig Fußball gespielt wurde. Heute muss man festhalten: Dardai hat Herthas abgeholztes Renommee in den vergangenen vier Jahren wieder aufgeforstet, seine Teams zu erstaunlichen Erfolgen geführt und mir nebenbei meine erste Europapokal-Reise als Reporter beschert.

Natürlich darf man die Ära Dardai nicht verklären, aber als schönes Beispiel taugt sie allemal – dafür, dass zwischen Erwartungen und Resultaten mitunter eine gewaltige Lücke klafft.

Wer auch immer auf Dardai folgt, sein Name wird mit großen Hoffnungen oder bitteren Ängsten verknüpft sein. Die Erfahrung zeigt: Oft kommt es dann ganz anders. Denken Sie an den begabten Markus Weinzierl, der auf Schalke krachend scheiterte. Oder den bis dahin erfolglosen Tayfun Korkut in Stuttgart, der eine nie für möglich gehaltene Siegesserie startete (ehe er doch wieder auf Normalmaß schrumpfte). Genauso hätte dem blutjungen Julian Nagelsmann beim Amtsantritt in Hoffenheim niemand zugetraut, dass er sich im Handumdrehen für die Topklubs der Bundesliga interessant macht.

Selbst Granden der Trainer-Zunft entpuppten sich mehrfach als Enttäuschungen. Erinnern Sie sich an den erfolgsverwöhnten Italiener Nevio Scala, der in den Neunzigern bei Borussia Dortmund Schiffbruch erlitt? Oder an den Fußball-Vordenker Rinus Michels, der in den Achtzigern am 1. FC Köln verzweifelte?

Egal, wen Hertha-Manager Michael Preetz demnächst als neuen Trainer präsentiert, nehmen Sie es gelassen. Überzogene Erwartungen sind genauso fehl am Platz wie ein vorschnelles Abwinken. Lassen Sie den guten Mann erstmal machen. Als Nachfolger einer Klub-Ikone hat er es schon schwer genug.