Kieztraining in Kreuzberg

Hertha-Fans verabschieden Pal Dardai mit viel Liebe

Die heile Welt bei Herthas Kieztraining täuscht. Die Trennung von Chefcoach Dardai hat auch ihre Schattenseiten.

Im Willy-Kressmann-Stadion bekommt Trainer Pal Dardai noch mal die Liebe der Fans zu spüren.

Im Willy-Kressmann-Stadion bekommt Trainer Pal Dardai noch mal die Liebe der Fans zu spüren.

Foto: Matthias Koch

Berlin.  Auf den ersten Blick schien alles wie immer. Hertha-Coach Pal Dardai, in blauer Jacke und schwarzer Trainingshose, begutachtete das Aufwärmprogramm seiner Fußball-Profis mit aufmerksamem Blick. Am Ende seines herabhängenden Arms ließ der Ungar seine silberne Trillerpfeife kreisen, allzeit bereit, weitere Kommandos zu geben. Es war ein trügerisches Bild, das sich am Mittwochnachmittag beim Kieztraining des Berliner Bundesligisten bot, denn natürlich ist seit Dienstag nichts mehr, wie es war.

Nicht mal 30 Stunden, nachdem die Klubführung bekannt gab, dass Dardai im Sommer seinen Posten räumen muss, stand für Trainer und Team der nächste öffentliche Auftritt an. Rund 800 Fans waren ins Willy-Kressmann-Stadion in Kreuzberg gekommen, wo sonst Berlin-Ligisten Türkiyemspor spielt. Dardai hatte die Stadiontore kaum passiert, da wurde er schon von Selfie-Jägern umringt. Anmerken ließ sich der 43-Jährige nichts.

„Guck dir das an, der steht da wie ein Mann“, sagte Hertha-Fan Jörg (47), der als Zeichen der Wertschätzung sogar ein altes Dardai-Trikot angezogen hatte. Die sportlichen Gründe für die Trennung seien zwar unübersehbar gewesen, aber bedauerlich sei sie allemal. „Pal“, so Anhänger Jörg, „hat perfekt zu Hertha gepasst.“

Julian (16) ist zu jung, um den Rekordspieler Dardai noch auf dem Platz erlebt zu haben. Er sieht die Entscheidung von Manager Michael Preetz pragmatischer. „Aus sportlicher Sicht ist das nachvollziehbar“, sagte er, „es gab einfach keine Entwicklung mehr.“

In einem sind sich die beiden Hertha-Fans dann aber einig. Sie würden in Zukunft gern attraktiveren Fußball sehen. Julian wünscht sich David Wagner als neuen Trainer, den Kumpel von Jürgen Klopp, der Huddersfield sensationell in die Premier League führte, derzeit aber ohne Job ist. Jörg könnte sich den früheren Bundestrainer Jürgen Klinsmann vorstellen, aber „auf jeden Fall einen, der stilprägend ist. Auf Tedesco-Fußball habe ich keine Lust.“

Toptalent Arne Maier verliert seinen größten Förderer

Herthas Profis wollten am Mittwoch lieber nicht über ihren Ex-Coach in spe sprechen. Salomon Kalou war eher die Ausnahme, er wirkte ernsthaft besorgt. „Es ist wichtig, die Saison mit einer positiven Stimmung zu beenden“, sagte der Ivorer, „deshalb müssen wir in den letzten fünf Spielen gewinnen.“ Er ist sich sicher: „Wenn der Teamgeist durch weitere Niederlagen Schaden nimmt, ist es schwer, ihn wieder herzustellen.“ Ganz gleich, wer der neue Trainer wird, die Ausgangsbasis wäre dann keine gute.

Nun ist die zunehmend schlechte Stimmung nicht das einzige Problem, das Hertha plagt. Die Trennung von Dardai birgt auch diverse Risiken für die Zukunft des Kaders. Noch scheint Manager Preetz nicht sonderlich weit fortgeschritten bei der Trainersuche, für die Personalplanung wäre es aber wichtig zu wissen, welche Spielertypen dem neuen Coach vorschweben. Ein Schnäppchen wie im Vorjahr, als Preetz schon Anfang Mai den Niederländer Javairo Dilrosun verpflichtete, wird der Manager daher kaum machen.

Eine noch weit unangenehmere Nebenwirkung könnte auf der Abgangsseite auftreten. Da wären zum einen die Routiniers Vedad Ibisevic (34, Vertrag bis Sommer) und Kalou (33, Vertrag bis 2020). Beide genießen unter Dardai ein besonderes Standing, weil sie nicht nur viele Tore schießen, sondern der Mannschaft Halt geben. Ob die Altmeister besonders viel Lust verspüren, sich diesen Status unter einem neuen Trainer aufs Neue zu erkämpfen, darf zumindest bezweifelt werden.

Genauso dürfte der eine oder andere Dardai-Zögling ins Grübeln kommen. Toptalent Arne Maier (20) wurde von seinem größten Förderer schon in der U15 trainiert, später machte ihn Dardai zur Stammkraft bei den Profis. Bislang genoss der Mittelfeldspieler perfekte Entwicklungsbedingungen bei Hertha. Nicht auszuschließen, dass er demnächst intensiver nachdenkt, wenn mal wieder ein Top-Klub anklopft. Gleiches gilt für U21-Nationalspieler Maximilian Mittelstädt, dessen Vertrag 2020 ausläuft.

Stark und Lazaro werden schon jetzt umworben

Bleiben die derzeit vielleicht begehrtesten Hertha-Akteure, Niklas Stark (24) und Valentino Lazaro (23). Erstgenannter bekam von Dardai ab 2015 viel Vertrauen geschenkt und erarbeitete sich so eine Einladung zum DFB-Team. Lazaro wurde vom Trainer zum Rechtsverteidiger umgeschult und spielte sich so ins Rampenlicht.

Interessant gemacht haben sich beide für höhere Aufgaben, Angebote gibt es schon jetzt. So lange das Duo nicht weiß, unter wem es in Zukunft in Berlin spielt, dürfte das Interesse an anderweitigen Karriere-Optionen nicht abebben.

Und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass Hertha mit Dardai mehr verliert als nur seinen Cheftrainer. Sollte es tatsächlich so kommen, bleibt zumindest ein finanzieller Trost. Lazaro, Maier und Stark werden derzeit mit einem Marktwert von rund 20 Millionen Euro taxiert.