STADIONDISKUSSION

„Das Olympiastadion ist für modernen Fußball ungeeignet“

Stadion-Manager Teichert erklärt, warum Hertha den Kampf um eine Arena im Olympiapark nicht aufgibt und Brandenburg kein Thema ist.

Steil. Nah. Laut. Auf der Geschäftsstelle von Hertha BSC steht das Modell für eine Fußballarena im Olympiapark

Steil. Nah. Laut. Auf der Geschäftsstelle von Hertha BSC steht das Modell für eine Fußballarena im Olympiapark

Foto: Uwe Bremer

Berlin.  Seit Juli 2017 ist Klaus Teichert (64) Geschäftsführer der Stadion GmbH von Hertha BSC. Das Vorhaben des Bundesligisten, ab Juli 2025 in einer neuen Fußball-Arena im Olympiapark zu spielen, hat zuletzt herbe Rückschläge erlitten. Teichert ist gelernter Tischler, diplomierter Architekt und war von 2006 bis 2009 Staatssekretär für Finanzen im Land Berlin. Teichert erklärt, warum Hertha weiter für einen Standort im Olympiapark kämpft und schlägt eine gemeinsame Vermarktungsgesellschaft mit dem Land Berlin für Waldbühne, Olympiastadion und eine Hertha-Arena vor.

Berliner Morgenpost: Herr Teichert, der Taxifahrer, der mich gefahren hat, ist großer Hertha-Fan. Er hatte aber eine Frage: Warum braucht Hertha BSC ein neues Stadion?

Klaus Teichert: Wenn der gute Mann das volle Olympiastadion besucht, dann ist die Frage berechtigt. Das ist allerdings nur bei wenigen ausgesuchten Spielen der Fall. Wenn das Stadion aber nur halb voll ist oder zu einem Drittel voll ist, dann ist die Stimmung keine Anfeuerung für unsere Mannschaft. Leider ist das der Regelfall. Der sportliche Grund ist: Wir wollen eine bessere Stimmung. Ein besseres Stadionerlebnis. Dazu brauchen wir regelmäßig ein volles Haus. Das ist im Olympiastadion leider nicht machbar. Daneben gibt es natürlich noch weitere, z.B. wirtschaftliche Gründe.

Nach der Absage der Baugenossenschaft von 1892, ihr Grundstück an Hertha zu verkaufen und der rasch folgenden Stellungnahmen der Parteien aus dem Abgeordnetenhaus: Ist die Annahme richtig, dass der Hertha-Traum von einer Arena am Standort Rominter Allee damit geplatzt ist?

Die Annahme ist falsch. Ich habe mich auch gewundert, dass in der Berliner Politik mal etwas schnell geht, wie in diesem Fall die Pressemitteilung der sportpolitischen Sprecher der Regierungsparteien. Gleichwohl ist es weiter unsere Absicht, im Olympiapark eine neue Arena zu bauen. Vorzugsweise am Standort an der Rominter Allee. Deshalb habe ich dem Vorstand der Baugenossenschaft signalisiert, dass ich hoffe, dass wir einen Weg finden, wie wir die Gespräche über einen Kauf dieses Grundstückes fortsetzen können. Der Beschluss der Baugenossenschaft war für uns im Übrigen keine Überraschung. Der Vorstand hatte uns rechtzeitig angezeigt, dass er zum Ende des ersten Quartals gern Planungssicherheit hätte. Das kann ich gut verstehen, wir hätten die übrigens auch gern. Wir haben viel Vorarbeit geleistet, haben ein Ersatzgrundstück identifiziert, haben auch versucht mit einer anderen Wohnungsbaugesellschaft, eine Lösung hinzubekommen. Im Augenblick ist es so, dass die Genossenschaft ihre Verkaufsbereitschaft eingestellt hat. Aber was eingestellt wurde, kann ja wieder aufgenommen werden, um gemeinsam einen Weg zu finden, wie Ersatzstandorte für die Bewohner und Bewohnerinnen der Sportforumstraße gefunden werden können.

Sie haben der Baugenossenschaft von 1892 angeboten, sich an Instandhaltungskosten zu beteiligen. Die hat mitgeteilt, dass sie nicht interessiert sei und stattdessen in der Sportforumstraße eine Erweiterung des Wohnraumes plane. Worauf stützt sich Ihr Optimismus, dass 1892 ihnen das gewünschte Grundstück verkauft?

Ich habe den Vorstand der 1892 in den zwei Jahren, die wir miteinander reden, als konstruktive Gesprächspartner erlebt. Für mich ist keinesfalls ausgemacht, dass man auf diesem Gelände, das ja kein Baugebiet ist, ohne Weiteres weitere Wohngebäude errichten kann. Dass wir dem Vorstand angeboten haben, uns an notwendigen Instandhaltungskosten zu beteiligen, ist ein Gebot der Höflichkeit und ein Zeichen der Wertschätzung der Geschäftspartner, mit denen wir verhandeln. Weil wir verstehen, dass, wenn die Dinge sich länger hinziehen als geplant, sich daraus eine Unzufriedenheit ergibt.

Kaum war der Brief der Baugenossenschaft an Hertha öffentlich geworden, gab es eine gemeinsame Erklärung der sportpolitischen Sprecher von SPD, Grünen und Linken „dass nun ein Hertha-Stadion im Olympiagelände nicht zu realisieren ist.“ Fühlt sich Hertha von den Regierungsparteien im Abgeordnetenhaus im Stich gelassen?

Grundsätzlich muss man feststellen, dass die Politik gegenüber den Plänen von Hertha, eine neue Arena zu bauen, zurückhaltender ist, als das in anderen Städten in Deutschland der Fall war. Da kann man sich sicher mehr Unterstützung vorstellen.

Seit März 2017 werben Sie für eine neue Arena. Wenn nach zwei Jahren praktisch keine Fraktion für Hertha aufsteht: Was hat Hertha verkehrt gemacht?

Erstens ist es anders, als Sie es in der Fragestellung ausdrücken. Der Landesparteitag der SPD hat erst Ende März …

… zum Ausdruck gebracht, dass es der SPD am liebsten wäre, wenn Hertha im Olympiastadion bleibt …

… ja, aber der Antrag geht weiter. Er führt aus, dass, wenn es dazu nicht kommen sollte, dass wir dann zu bestimmten Bedingungen im Olympiapark bauen können. Ein Kriterium ist ein marktüblicher Preis. Den hat uns die Senatsverwaltung für Inneres und Sport kürzlich mitgeteilt. Dann geht es um den Ersatzstandort für die Anwohner der Sportforumstraße, völlig klar. Da liegt unser Vorschlag für die Baumann’schen Wiesen vor.

Die Baumann’sche Wiese ist eine geschützte Grünfläche.

Das wissen wir. Wir wissen allerdings auch, dass an anderen Stellen in Berlin auf Grünanlagen Wohnungen errichtet wurden und werden, weil Berlin eine wachsende Stadt ist. Auch mit den anderen Kriterien können wir konstruktiv umgehen. Dazu kommt noch etwas: Wir haben mit dem Direktor des Landesdenkmalamtes gesprochen, Herrn Dr. Rauhut. Er hat erklärt, dass er sich einen Neubau auf dem Gelände vorstellen kann. Wir unterhalten uns noch über die genaue Lage auf dem Areal, das wir ins Auge gefasst haben. Auch diese grundsätzliche Offenheit ist eine Unterstützung für unser Projekt.

War es ein Fehler, dass Hertha nicht direkt mit den 24 Mietparteien in der Sportforumstraße gesprochen hat?

Wir haben mit der Baugenossenschaft von 1892, die unser Vertragspartner ist, eine Vereinbarung getroffen, dass wir keine direkte Ansprache der Mieter und Mieterinnen vornehmen. Sondern, dass das koordiniert über die Baugenossenschaft stattfindet.

In der Öffentlichkeit kann das kaum jemand nachvollziehen.

Ich halte das dennoch für den richtigen Weg. Wir haben vereinbart, dass die 1892 ihre Mieter und Mieterinnen zu einem Gespräch einlädt, sobald ein Vorschlag für Ersatzwohnungen auf dem Tisch liegt, der politisch gewollt und unterstützt wird. Ich halte es für falsch, mit den Mietern zu reden, ihnen zu erklären, dass wir das Gelände kaufen wollen, um dort zu bauen, ohne ihnen eine sichere Ersatzlösung anbieten zu können. Das wäre unseriös.

Falls ihr Wunschstandort Rominter Allee nicht umzusetzen ist, haben sie drei, vier andere Areale im Olympiapark ins Gespräch gebracht. Wir haben mit Landeskonservator Christopher Rauhut gesprochen. Er sagt, über das Maifeld braucht niemand nachzudenken: Ausgeschlossen, dort zu bauen. Welche Standorte bleiben im Olympiapark?

Der Olympiapark hat eine Fläche von 142 Hektar, das ist viel. Die Fläche ist weitgehend unbebaut. Auf allen Plätzen liegt der Denkmalschutz. Mit dem müssen wir uns also ohnehin beschäftigen. Allerdings gibt es dort Flächen ohne Wohnbebauung.

Welche Flächen meinen Sie?

Angenommen, das Maifeld ist sakrosankt, wobei es eine spannende Frage wäre, warum es eigentlich sakrosankt ist, gibt es am Rande des Olympiaparks Flächen, die im Moment Spiel- und Trainingsflächen sind. In Richtung Glockenturm gibt es Flächen, wo man zumindest prüfen kann, wie es mit einer Bebauung aussehen könnte. Aber klar, der Denkmalschutz gilt überall. Das ist einer der Gründe, warum wir auf das Areal an der Rominter Allee setzen. Dort wären wir zu zwei Dritteln außerhalb des denkmalgeschützten Bereiches.

Die Option, die reflexhaft von den Berliner Parteien kommt: Hertha möge einfach im Olympiastadion bleiben.

Das ist für uns keine Option. Wir haben uns eingehend Gedanken gemacht, warum wir den Mietvertrag im Olympiastadion 2025 beenden wollen. Im Olympiastadion sind die Fans mindestens 40 Meter von der Torlinie entfernt, durch das Marathontor bläst ihnen der Westwind ins Gesicht. Die Akustik ist sehr schlecht, weil die Geometrie im Olympiastadion für modernen Fußball ungeeignet ist. Dazu kommen wirtschaftliche Gründe, die es Hertha BSC schwermachen, im Wettbewerb mit anderen Klubs. Wie es aussieht, wird Hertha kommende Saison wahrscheinlich wieder der einzige Bundesligist sein, der in einem Stadion mit Laufbahn spielt. Zum anderen konkurrieren wir mit dem 80-Zoll Fernseher zuhause. Wir wollen ein Fußballerlebnis organisieren, das man nur im Stadion erleben kann. Wir wollen eine einzigartige Stimmung, so dass die Leute auch im Januar bei Nieselregen gerne zu uns kommen.

Gibt es im Stadtgebiet von Berlin Alternativen für einen Standort?

Wir haben im Rahmen unserer Suche mehr als 50 Standorte untersucht. Es gibt jedoch eine ganze Reihe limitierender Faktoren: Das eine ist der Abstand zur nächsten Wohnbebauung …

… es ist die Rede von mindestens 800 Meter Abstand …

800 Meter sind schon ein relativ geringer Abstand zur Wohnbebauung, wenn man von der Schallausbreitung ausgeht, die ein voll besetztes Stadion mit sich bringt. Ein zweiter Punkt ist die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die ist im Olympiapark optimal. Dann gibt es Flächen, die unter Altlastenverdacht stehen oder Flächen, die für eine industrielle Nutzung vorgehalten werden. Zieht man alle Kriterien heran, wird die Auswahl in Berlin ziemlich eng. Deswegen konzentrieren wir uns auf den Standort mit den besten Voraussetzungen: den Olympiapark.

Im Landtag von Potsdam werben die dortigen Parteien weiter für eine Hertha-Spielstätte im Umland. Ist für Hertha nach dem Votum der Mitglieder gegen Ludwigsfelde das Thema Brandenburg vom Tisch?

Wir freuen uns, dass Hertha BSC auch Fans in Brandenburg hat. Ich registriere mit Freude, dass wir dort willkommen wären. Tatsächlich ist es jedoch so, dass wir einen Standort in Berlin suchen. Wir hoffen weiter auf eine Baugenehmigung im Olympiapark und tun alles dafür, den Senat davon zu überzeugen, dass dies die beste Lösung für Hertha BSC und Berlin ist.

Hertha will über 2025 hinaus nicht im Olympiastadion bleiben. Die Hertha-Mitglieder wollen nicht nach Brandenburg. Im Abgeordnetenhaus zeichnet sich keine Mehrheit für einen Erbbaupachtvertrag im Olympiapark ab: Wird die Arena-Frage für Hertha zum gordischen Knoten?

Ein wesentlicher Punkt neben der Suche nach Ersatzwohnungen ist die Frage: Was wird ab 2025 aus dem Olympiastadion, wenn Hertha kein Ankermieter mehr ist. Das verstehe ich. Auf der anderen Seite bitte ich zur Kenntnis zu nehmen, dass wir Mieter sind. Und frei sind in unserer Entscheidung, wo wir unsere Zukunft sehen. Gleichwohl haben wir uns frühzeitig bereit erklärt, an Nachnutzungskonzepten für das Olympiastadion mitzuwirken. Wir können uns etwa eine gemeinsame Vermarktungsgesellschaft vorstellen. Eine Gesellschaft, die das gesamte Gelände mit Waldbühne, Olympiastadion und zukünftiger Hertha-Arena vermarktet. Wenn man das auf einer Plattform gemeinsam organisiert und vermarktet, kann man die Kosten senken und die Einnahmen steigern. Ich kann mir vorstellen, dass man so den Verlust, der der Olympiastadion GmbH durch einen Hertha-Auszug entstehen würde, zu einem erheblichen Teil kompensieren könnte. Die Frage ist: Welches Interesse hat das Land Berlin, eine solche Fläche gemeinsam zu vermarkten. Und ich rede nicht davon, dass man zusätzliche Events macht, die über 100 Dezibel an Lärm verursachen. Es gibt eine Menge Veranstaltungen, die Leute anziehen, ohne, dass es laut werden muss.

An was denken Sie?

Man kann dort zum Beispiel viel mehr Amateurveranstaltungen organisieren. Oder im Winter eine Veranstaltung wie Winterspiele. Es gibt Veranstaltungsdesigner, die solche Formate erfinden und entwickeln, die könnte man auch nach Berlin holen.

Siemens investiert 600 Millionen Euro in einen neuen Campus in Siemensstadt und wird vom Senat hofiert. Hertha will 200 Millionen plus X investieren – und findet relativ wenig Unterstützung in der Stadt. Wie lässt sich das ändern?

Als Bürger dieser Stadt freue ich mich, dass Siemens 600 Millionen in die Hand nimmt, um die Siemensstadt zu ertüchtigen. Wenn man diese Summe von Siemens, die toll ist für diese Stadt, und dazu unsere 200 Millionen plus X in Relation setzt zu unseren Arbeitsplätzen, stellt man fest, dass das für ein mittelständisches Unternehmen, wie Hertha BSC eine ziemlich hohe Investition ist. Gleichzeitig will das Land Berlin den Olympiapark weiterentwickeln. Da wird ein Masterplan gesucht, die Rede ist von einem Investitionsbedarf bis 2030 von mehr als 500 Millionen Euro. Der Olympiapark soll den Menschen in unserer Stadt besser und intensiver zur Verfügung gestellt werden. Da stellt unsere Investition einen großen Baustein dar. Wir wollen uns öffnen. Wir wollen ein guter Nachbar sein. Wir wollen dazu beitragen, dass der Olympiapark für mehr Menschen als Freizeitfläche erlebt wird, als dass gegenwärtig der Fall ist. Deshalb wird sich unsere Arena zum Olympiapark hin öffnen und auch zwischen den Spieltagen zugänglich sein. Wir müssen weiter dafür werben, dass diese Investition als ein Baustein für den Masterplan des Olympiaparks verstanden wird. Dann wird sich sicher auch die Unterstützung bei noch mehr Abgeordneten einstellen.