Sonntag in Hoffenheim

Bei Hertha schlägt die Stunde der Widerstandskämpfer

Hertha hat vier Mal in Folge verloren, dazu fehlen neun Verletzte. Trotzdem wollen sie aus Hoffenheim Zählbares mitbringen.

Davie Selke (hier im Zweikampf mit Nico Schulz) war im Hinspiel der Mann des Tages.

Davie Selke (hier im Zweikampf mit Nico Schulz) war im Hinspiel der Mann des Tages.

Foto: nordphoto / Engler / pA

Nach dem Ende seiner Spielerkarriere vertrieb sich Pal Dardai kurz die Zeit als Trainer in seinem damaligen Wohnort Seeburg. Dardai trainierte eine Kindermannschaft, die sich regen Zulaufs erfreute, als der bekannte Fußballer an der Seitenlinie stand. Das sorglose ­Leben als Amateurtrainer währte aber nicht lange, bald schon verschlug es ­Dardai zurück zu Hertha BSC, wo er die U15 übernahm.

Alles lange her, nur dürfte sich Dardai, inzwischen für die Profimannschaft verantwortlich, dieser Tage wieder ein wenig zurückversetzt fühlen in diese Amateurzeiten. Im Freizeitfußball ist es durchaus üblich, dass die Spieler immer weniger werden, je länger eine Saison dauert. Bei den Profis eigentlich nicht, doch das Problem des Spielermangels umtreibt Hertha BSC vor dem Auswärtsspiel bei der TSG Hoffenheim am Sonntag (13.30 Uhr/Sky), derart, als würde es sich bei den Berlinern um eine Hobbymannschaft handeln.

Dardai spricht über die vielen Verletzungen

Auf neun Spieler muss Herthas Trainer verzichten, sieben davon gehörten über die meiste Zeit der Saison zum Stammpersonal. Unter der Woche kam noch Marko Grujic dazu, der sich im Training verletzte. Weil Arne Maier ebenfalls verletzt ist und Ondrej Duda nach fünf Gelben Karten zuschauen muss, fehlt Hertha das komplette Mittelfeld. „Die Saison ist einen Tick weit ­verhext“, sagt Dardai.

In den vergangenen Tagen war immer wieder Kritik zu hören, all die vielen Verletzten können doch kein Zufall sein. Dardai wehrt sich dagegen. „Jetzt heißt es, Hertha trainiert zu wenig. Vor zwei Jahren hieß es, Hertha trainiert zu viel. Wir haben Sportwissenschaftler hier und andere Fachleute. Denen vertrauen wir. Es geht also alles mit Belastungssteuerung“, sagt er. Viele Verletzungen seien bei Zweikämpfen entstanden, durch Tritte oder gegnerische Einwirkungen. Nichts, was auf eine falsche Trainingssteuerung schließen lässt.

Beim 3:3 im Hinspiel war Selke der entscheidende Mann

Dardai kennt das nur zu gut. Wenn es nicht läuft, wird alles kritischer ­beäugt. Dass es bei Hertha nicht läuft, darüber gibt es nach vier Niederlagen keinen Zweifel. „Grundsätzlich sind wir uns im Verein alle einig, dass wir mit der bisherigen Rückrunde unzufrieden sind. Das Entscheidende ist aber, dass wir die Köpfe zusammenstecken und gemeinsam Lösungen finden, um unsere Situation zu verbessern“, sagt Manager Michael Preetz. Er und Dardai hatten sich unter der Woche länger zusammen­gesetzt, ganz turnusmäßig, wie es heißt.

Schwierige Situationen hatte Hertha auch schon in der erfolgreicheren Hinrunde zu überstehen. Nur gelang es der Mannschaft dort immer, sich zu befreien, wenn es brenzlig wurde. Nach deutlichen Niederlagen gegen Leipzig (0:3) und Düsseldorf (1:4) schaffte sie gegen Hoffenheim nach einem 1:3-Rückstand mit einer tollen Energieleistung noch ein 3:3. „Wir sollten jetzt einfach nicht so viel reden, wir müssen Taten sprechen lassen“, sagt Davie Selke, der damals entscheidend mit zur Aufholjagd beitrug. Die Lage im November ähnelte der von heute, auch da war Hertha personell dezimiert. In der Innenverteidigung war Derrick Luckassen zu einem seiner wenigen Einsätze gekommen.

Hoffenheim torgefährlich

Dardai hofft, dass seine Berliner Widerstandskämpfer trotz schlechter Vorzeichen erneut über sich hinauswachsen können. „Wenn du auf den Zettel schaust, hast du eigentlich keine Chance, aber das ist das Schöne am Fußball. Wenn der Schiedsrichter pfeift, hat jede Mannschaft die Chance zu gewinnen“, sagt er. Selten hat Hertha wohl die Außenseiterrolle so gern angenommen wie in diesem Spiel. Hoffenheim kämpft noch um die Teilnahme an der Europa League, Hertha ist als Elfter fernab aller internationalen Wettbewerbe.

Zudem gilt es, die gefährliche Hoffenheimer ­Offensive (56 Tore) in den Griff zu ­bekommen. Nur der FC Bayern (74) und Borussia Dortmund (66) erzielten bisher mehr eigene Treffer.

Daneben beschäftigt Dardai die Frage, wie Hertha das Fehlen aller kreativen Mittelfeldspieler kompensieren soll. Angeblich plant Herthas Trainer Maximilian Mittelstädt von der Außenbahn ins Zentrum zu ziehen neben Per Skjelbred. „Er wird das gut machen“, zeigt sich Dardai optimistisch.

Lazaro darf offensiv ran

Valentino Lazaro wäre aufgrund seiner Technik und Spielübersicht auch ein Kandidat für diese Position, aber der Österreicher wird wohl eher auf der rechten Seite als Offensivkraft gebraucht. Hinter ihm könnte dann Lukas Klünter verteidigen. Für diese Position käme ansonsten Peter Pekarik infrage, den Dardai in dieser Saison aber kaum noch berücksichtigt hat. Allzu viele Optionen bietet der Kader ansonsten kaum. „Wir haben noch 18 Spieler, also können wir in Hoffenheim antreten“, sag Dardai.

So schlimm wie bei den ­Amateuren ist es dann doch nicht.