Immer Hertha

Pal Dardai und die warme Seite der Langeweile

Hertha-Coach Pal Dardai steht in der Kritik. Dass er dem Klub große Kontinuität geschenkt hat, wird dabei oft vergessen.

Pal Dardai steht in der Kritik.

Pal Dardai steht in der Kritik.

Foto: BM,pa / BM, pa

Meine Tante hat es neulich nach Neu-Westend verschlagen. Auf der Suche nach einem Parkplatz fuhr sie ein wenig langsamer durch die Straßen. So langsam, dass sie problemlos die Namen auf den Klingelschildern der Grundstücke lesen konnte, wie sie mir begeistert erzählte. Auf einem dieser Schilder stand in eingravierter Schrift „Dardai“, und wie es der Zufall wollte, rollte der Hausherr just in dem Moment auf den Hof, als meine Tante nach erfolgreich ausgeführtem Einparkmanöver ausstieg. Der Hausherr winkte ihr ganz höflich zu, dabei dürften sich er und meine Tante noch nie in ihrem Leben begegnet sein. „Wirklich nett, dieser Dardai“, erzählte sie mir freudig.

Pal Dardai und sein südländisches Temperament

Unbestritten, Herthas Cheftrainer Pal Dardai ist eine wirklich nette Erscheinung. Ein freundlicher Herr mittleren Alters, der aber auch anders kann. Sein südländisches Temperament treibt ihn manchmal zu rüden Zornausbrüchen, dann schimpft er auf alles und jeden. Nach der Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf sprach er von „geplantem Mord“, betrieben durch die Berliner Medienlandschaft. Ob man nun ihm selbst, der Mannschaft oder gar dem Verein nach dem Leben trachte, ließ er offen. Spielt ja auch keine Rolle. Mord ist Mord.

Beruflich erlebt Dardai tatsächlich gerade schwere Zeiten, da ist es nicht immer leicht, die Contenance zu wahren. Hertha hat die vergangenen vier Spiele verloren, das allein würde schon für einen zünftigen Wutanfall ungarischer Prägung reichen. Schwerer aber wiegt das Gesamtbild.

Noch sechs Spiele für Hertha

Hertha spielt mal wieder eine deutlich schwächere Rückrunde, geistert leblos durch das Mittelfeld der Tabelle und muss noch irgendwie sechs Spiele über die Runden bringen. Zuletzt war das in etwa so aufregend als würde man einen Tag lang mit der Ringbahn im Kreis fahren. Kaum zu glauben, dass dieses Geplänkel die gleichen Spieler zu verantworten haben, die im Herbst noch begeisternden Fußball boten und den FC Bayern mit einem 2:0 auf die Rückreise nach München schickten. Und wenn die Mannschaft sich anscheinend nicht mehr motivieren kann, fällt der Blick automatisch auf den Trainer.

Dieser Beruf ist heutzutage nicht mehr leicht auszuüben. Es gab Zeiten, da reichten eine zünftige Ansprache, eine Trillerpfeife und eine Stoppuhr aus, mehr wurde im Jobprofil nicht verlangt. Manch einer konnte sich gar ein Nickerchen während der Arbeit erlauben. Dass sich die nötige Bettschwere nach einem kräftigen Schluck aus der Flasche einstellte, wurde nicht weiter beanstandet. Happeldisische Zeiten waren das.

Warum es bei Pal Dardai gerade hakt

Inzwischen muss ein Trainer mindestens Innovator, Taktikpapst und Spielerversteher gleichzeitig sein. Klar, er braucht auch eine Spielidee, ohne die geht nichts mehr. Und natürlich muss er seine Mannschaft entwickeln. Jeden Tag ein bisschen besser machen, im Idealfall. Da hakt es bei Dardai, finden mittlerweile einige im Hertha-Kosmos. Stillstand ist im Sport gleich Rückschritt, und so fällt Hertha dieser Tage gefühlt zurück. Weiter, immer weiter in unsägliche, Berlinunwürdige Tabellenregionen hinab.

Nur ist Platz elf tatsächlich so Berlin-unwürdig? Sicher, mit dieser Mannschaft wäre auch Platz sieben möglich, aber zwischen elf und sieben liegen in der Bundesliga nur Nuancen. Ein abgefälschter Freistoß etwa oder ein unnötiges Eigentor.

Dardai hat Hertha Kontinuität gebracht nach wilden Zeiten und zwei Abstiegen. Kontinuität hat den Nachteil, dass sie in der Wahrnehmung der Menschen zu Langeweile mutiert, wenn sie zu lange herrscht. Es ist wie mit der Wärme. John Steinbeck, der große amerikanische Erzähler, hat über die mal geschrieben, dass sie nur so lange wohlig ist, wie sie die Kälte als Gegenpart hat. Wer dieser Tage die Nase über Herthas Entwicklung rümpft, den treibt wohl das Verlangen, mal wieder anständig frieren zu wollen.