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Dardai-Dämmerung bei Hertha

Trainer Dardai und Manager Preetz beurteilen die Lage bei Hertha unterschiedlich. Der Trainer-Job ist nur bis Saisonende sicher.

Pal Dardai ist seit 1997 bei Hertha, seit Februar 2015 Cheftrainer.

Pal Dardai ist seit 1997 bei Hertha, seit Februar 2015 Cheftrainer.

Foto: Andreas Gora / dpa

Berlin. Das Erstaunliche ist, dass die Diskussion erst jetzt aufkommt. Statistisch betrachtet wird ein Cheftrainer im deutschen Profifußball nach 18 Monaten entlassen. Pal Dardai (43) ist seit Februar 2015 Coach von Hertha BSC – und steht nun, nach gut vier Jahren Amtszeit, zum ersten Mal grundsätzlich in der Kritik.

Vordergründig geht es um den ­Abwärtsstrudel von vier Niederlagen in Folge. So folgte auf das 0:5-Desaster in Leipzig gegen Düsseldorf eine 1:2-Heimpleite. Hertha-Manager Michael Preetz ist enttäuscht: „Eine Reaktion auf Leipzig kam nicht. Das ist schwer zu verdauen. Die dringend notwendige Antwort ist ausgeblieben.“

Pal Dardai: „Es gibt keine Krise. Das ist Hertha BSC“

Trainer Dardai bewertete die Niederlage gegen Düsseldorf ganz anders. Mit Blick auf die gelaufenen Kilometer, den Ballbesitz, gewonnene Zweikämpfe oder Torschüsse sagte der Ungar: „Das war für Hertha-Verhältnisse ein sehr gutes Spiel. Dieses mal haben wir verloren.“ Die Schlussfolgerung von Dardai: „Es gibt keine Krise, das ist Hertha BSC.“

Dardai beschwerte sich, dass im Umfeld und in den Medien überzogene Erwartungen formuliert werden, wonach Hertha um die Champions League oder doch zumindest die Europa League kämpfen müsste: „Champions League oder Europa League – das war nie realistisch.“

Michael Preetz kritisiert die Hertha-Leistung

Und nein, er werde jetzt auch nicht auf seine Mannschaft draufhauen. Gegen Düsseldorf waren mit Ausnahme von Salomon Kalou die Offensivspieler verunsichert. Mit Blick auf die Partie in Hoffenheim (Sonntag, 13.30 Uhr) gehe es darum, die Spieler aufzubauen. „So wie wir gegen Düsseldorf gespielt haben, das war ein ordentliches Spiel. Das ist Hertha.“

Die Beurteilung seines Vorgesetzten fällt deutlich anders aus. „Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass das zu wenig ist“, sagte Manager Preetz. „Da ist jeder angesprochen - in erster Linie die, die auf dem Platz stehen.“

Lautstarke Auseinandersetzung zwischen Preetz und Dardai

Das Verhältnis der beiden wichtigsten Angestellten bei Hertha ist schon länger schwierig. Das hat verschiedene Ursachen. Ein Grund liegt im vergangenen November. Da gab es eine lautstarke Auseinandersetzung zwischen Manager und Trainer, deren Ohrenzeuge die Mannschaft wurde. Es ging um eine Solidaritätsbekundung zugunsten von Digital-Geschäftsführer Paul Keuter, die Preetz nach dem Heimspiel gegen Leipzig von Team und Trainer auf dem Rasen des Olympiastadions wünschte. Doch sowohl die Profis als auch Dardai waren dagegen – Preetz war schwer verärgert.

Sportlich betrachtet ist der Manager unzufrieden, dass sich unter Dardai auch in dieser Saison das gleiche wiederholt wie im Vorjahr: Dass Hertha erneut in der Rückrunde einbricht und viel seltener überzeugt als in der teilweise spektakulären Hinrunde. Wie überhaupt in der Chefetage die Erklärungen von Dardai („das ist Hertha“) als zu schicksalsergeben wahrgenommen werden.

Pal Dardai sorgt für vier sorgenfreie Saisons

Nachdem Preetz noch im Januar verkündet hatte, dass der Trainer des Spieljahres 2019/20 erneut Pal Dardai heißt, ­wackelt dieser Beschluss. Ungeachtet von Dardais Vertragslage ist es derzeit wahrscheinlich, dass zum 1. Juli ein ­neuer Trainer die Verantwortung bei Hertha übernimmt.

Zugunsten von Dardai, seit 1997 in Berlin und Herthas Rekordspieler, ist dessen Treue anzuführen. Er hat dem Klub seit 2015 etwas beschert, was es seit der Zeit von Jürgen Röber (Trainer 1996 bis 2002) nicht mehr gab: Stabilität – vier sorgenfreie Jahre fern der Abstiegszone.

Millionen für John Brooks und Mitchell Weiser

Dardais Trainerteam hat Talente entwickelt, sodass der Ausbildungsverein hübsche Summen kassieren konnte, als John Brooks (für 18 Millionen Euro nach Wolfsburg) oder Mitchell Weiser (zwölf Mio. nach Leverkusen) verkauft wurden. Ebenfalls richtig ist Dardais Verweis, dass Hertha in dieser Saison extrem vom Verletzungspech gebeutelt wurde. Zudem hat der Hauptstadt-Klub in dieser Saison eine Reihe attraktiver Spiele hingelegt, etwa gegen die Bayern, Gladbach, ­Dortmund oder Schalke.

Gewünscht: Mehr Punkte und mehr Attraktivität

Bei aller Anerkennung der Verdienste ist es aber so, dass der Bundesligist auch im vierten Dardai-Jahr zum vierten Mal eine enttäuschende Rückrunde spielte. Der Manager ist ebenso wie viele Fans der Meinung, dass dieser Kader das Potenzial für bessere Spiele, mehr Punkte und eine bessere Platzierung hergibt.

Preetz formuliert es nicht. Aber man hat den Eindruck, dass in Herthas Chefetage kaum jemand Dardai den nächsten Entwicklungsschritt zutraut.

Passiert in den letzten sechs Saisonpartien nichts Unvorhergesehenes, wird Dardai die Saison als Hertha-Cheftrainer zu Ende bringen. Was im Juli passiert, ist noch nicht entschieden. Das Gefühls­barometer der Verantwortlichen steht derzeit auf Veränderung.

Dardai: Ich helfe gern, solange es funktioniert

Der Trainer geht erstaunlich gelassen mit dem Thema um. Der Manager habe jedes Recht auf Kritik. Er darf Druck aufbauen, auch auf ihn, den Trainer. Der Coach ist noch einen Schritt weiter­gegangen. „Ich habe den Spielern gesagt: Wenn ihr der Meinung seid, Dardai oder die Trainingsmethoden blockieren die Entwicklung von Hertha, dann geht zum Manager und sagt es ihm.“

Er wird direkt: „Ich bin niemand, der sagt: Ich muss hier unbedingt Trainer bleiben. Ich helfe sehr gerne, solange es funktioniert.“ Wenn das Projekt jedoch gestoppt werden soll, „dann wird es ­gestoppt. Es geht nicht um Pal Dardai, es geht um Hertha BSC.“

Mittwoch tagt das Hertha-Präsidium

Am Mittwoch trifft sich das ­Hertha-Präsidium zu einer turnusmäßigen Sitzung. Die sportliche Situation und damit auch die von Trainer ­Dardai werden erörtert werden.

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