Hertha BSC

Spagat zwischen Fortuna und Zukunftsvision

Pal Dardai muss sein Team auf die wichtige Partie gegen Düsseldorf einschwören, doch die Arena-Debatte lässt den Coach nicht kalt.

„Das Olympiastadion ist mein Wohnzimmer“, pflegt Hertha-Coach Pal Dardai zu sagen. Eine neue Fußball-Arena wünscht er sich trotzdem.

„Das Olympiastadion ist mein Wohnzimmer“, pflegt Hertha-Coach Pal Dardai zu sagen. Eine neue Fußball-Arena wünscht er sich trotzdem.

Foto: Andreas Gora / dpa

Berlin. In der Bundesliga können nur wenige Trainer so schön Geschichten aus ihrem Fußballerleben erzählen wie Pal Dardai. Am Donnerstag war es wieder so weit – Herthas Trainer kramte aus seinem Gedächtnis die Worte des ungarischen Publikums hervor, gern gerufen, wenn die eigene Nationalmannschaft spielte.

„Ebresztö, Ebresztö“ hallte es dann regelmäßig von der Tribüne, und Dardai konnte sich auch viele Jahre danach noch herrlich darüber aufregen, im fernen Berlin auf dem Pressepodium. Ebresztö heißt so viel wie „aufwachen“, es war als Unmutsbekundung zu verstehen über die allzu dröge Darbietung der eigenen Mannschaft. Die Folge: Das Team war durch die Zuschauer eher gehemmt als beflügelt.

Dardai träumt von „zehn Punkten mehr pro Saison“

Warum Dardai diesen verbalen Ausflug in die Vergangenheit unternahm? Nun, weil er seinen Beitrag zu einer Debatte der Gegenwart leisten wollte. Die Episode aus der alten Heimat diente ihm als Plädoyer für eine neue Hertha-Arena, eben weil ein Stadion und seine Besucher großen Einfluss auf ein Team haben können.

Dardais These: „Wenn die Menschen konsequent mitmachen, sind es plus zehn Punkte in einer Saison. Wenn das Olympiastadion immer voll wäre, hättest du diesen Effekt.“ In der Realität ist das Stadion jedoch meist halb leer. Eine neue, kleinere Arena wäre laut Klub-Vision fast immer ausverkauft.

Mittelmaß statt Champions League

Mit zehn Punkten mehr würde Hertha vor dem Heimspiel am Sonnabend gegen Fortuna Düsseldorf (15.30 Uhr) aussichtsreich im Rennen um die Champions League liegen. Dem ist aber nicht so – Hertha befindet sich als Zehnter jenseits von Gut und Böse, was eher an den gezeigten Leistungen denn am Stadion liegt, aber die beherrschende Debatte drehte sich in dieser Woche nun mal um die Arena.

Durch den Widerstand der 24 Mietparteien in der Sportforumstraße, die für Herthas Wunsch-Lösung hätten weichen müssten, ist Plan A vorerst vom Tisch. Nun fasst der Klub andere Areale im Olympiapark ins Auge, stößt dabei aber erneut auf wenig Gegenliebe.

Senator Geisel reagiert auf Alternativ-Standorte skeptisch

Andere Standort auf dem Olympiagelände „machen die Debatte nicht leichter“, sagte Sportsenator Andreas Geisel (SPD) am Donnerstag, Stichwort Denkmalschutz. Auch wunderte er sich über die Kommunikationsstrategie des Bundesligisten, der aber damit gescheitert sei, „öffentlich Druck aufzubauen“.

Gleichzeitig signalisierte Geisel aber auch Kooperationsbereitschaft: „Wir brauchen eine Lösung, die Hertha nutzt und die auch Berlin nutzt. Wir wollen Hertha in der Stadt halten.“

Dardai lässt die Diskussion um die Zukunftsperspektiven seines Klubs nicht kalt. Er empfindet den Bau einer neuen Arena als notwendigen Schritt. „Viele Leute interessieren sich für Hertha, aber die schauen lieber in der Kneipe oder woanders“, sagte er: „Diese Leute gilt es zu locken und dafür brauchen wir ein neues Stadion.“

Klar ist allerdings auch: Selbst Identifikationsfigur Dardai wird die verfahrene Stadion-Debatte nicht auflösen können.

Nicht nur Mittelstädt spricht von einem Charaktertest

Am Sonnabend werden rund 50.000 Besucher erwartet. Sportlich droht den Berlinern eine lange positiv empfundene Saison aus den Händen zu gleiten. Hertha hat die letzten drei Spiele verloren und beim jüngsten 0:5 in Leipzig einen desolaten Eindruck hinterlassen – auch das 1:4 aus dem Hinspiel in Düsseldorf ist nicht vergessen. „Das ist schon ein Charaktertest“, sagt Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt, „wir wollen eine Reaktion zeigen.“

Dardai hat angekündigt, auf eine defensive Viererkette umzustellen, komplett umkrempeln will er seine Elf aber nicht. Marvin Plattenhardt, seit Wochen nur Reservist, hat sich mit guten Trainingsleistungen für die linke Abwehrseite aufgedrängt, Mittelstädt dürfte in diesem Fall nach vorn rücken.

Lustenberger fällt mit Muskelfaserriss aus

Allzu viele Alternativen bleiben dem Trainer nicht, vor allem defensiv ist das Personalangebot übersichtlich. Nach Jordan Torunarigha (Sprunggelenk) meldete sich Donnerstag mit Fabian Lustenberger (Muskelfaserriss) ein weiterer Innenverteidiger ab, das Abwehrzentrum bilden somit Niklas Stark und Karim Rekik. Dardai wird ihnen genauso vertrauen wie dem Rest der Mannschaft – und darauf hoffen, dass die Fans das Team antreiben.

An seinem Wunsch nach einer neuen Spielstätte ändert das nichts. Für das „Wir-Gefühl“ zwischen Mannschaft und Fans „brauchen wir ein neues Stadion“.