Stadtentwicklung

Hertha BSC hält an Stadionplänen im Olympiapark fest

Hertha BSC fehlen in Berlin die Unterstützer für ein neues Stadion. Die Stadt tut sich generell schwer mit solchen Großprojekten.

Hertha möchte im Olympiapark eine reine Fußballarena errichten. Dafür gibt es in Berlin aber keine ausreichende Unterstützung.

Hertha möchte im Olympiapark eine reine Fußballarena errichten. Dafür gibt es in Berlin aber keine ausreichende Unterstützung.

Foto: BM

Berlin.  Es schien fast so, als hätten die Berliner Politiker darauf gewartet. Der Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft von 1892 ist die Ungewissheit leid. Man möchte nicht länger darauf warten, dass Hertha BSC einen Ort ausguckt, wo die 85 Bewohner von 24 Wohnungen an der Sportforumstrasse irgendwo im Westen Charlottenburgs eine neue Bleibe finden.

Kaum war der entsprechende Inhalt eines Schreibens an den Fußball-Bundesligisten durchgesickert, ließen die Vertreter aller Parteien das Projekt eines reinen Fußball-Stadions im Olympiapark fallen wie eine heiße Kartoffel. Nachdem die Genossenschaft nunmehr erklärt habe, dass sie das Grundstück und die Häuser nicht verkaufen werde, „ist ein Hertha-Stadion im Olympiagelände nicht zu realisieren“.

Diese Erklärung der sportpolitischen Sprecher der Koalitionsfraktionen von SPD, Linken und Grünen beerdigte die Idee einer reinen Fußball-Arena neben dem Olympiastadion ohne ein Wort des Bedauerns. Und anders als bei anderen Bau-Absagen aus der Koalition kam von den Oppositionsfraktionen kaum ein Wort der Kritik. Herthas Anliegen hat in der Berliner Politik überhaupt keine echten Unterstützer. Nur die CDU stellte sich halbherzig hinter Hertha.

Das spricht natürlich gegen die Kommunikation und Lobbyarbeit des Bundesligisten. „Die können nicht verstehen, dass nicht alle sie für die Guten halten“, sagt ein Insider, der die Debatten um das Stadion von Anfang an verfolgt hat. Das allgemeine Nein zu einem Anliegen eines Profisport-Unternehmens mit 150 Millionen Euro Jahresumsatz wirft aber auch ein Schlaglicht darauf, wie schwer sich Berlin mit Großprojekten generell und mit Sport-Infrastruktur im Besonderen tut.

Der Plan für eine neue, attraktive Heimstatt für eines der sportlichen Aushängeschilder der Stadt führt nicht dazu, dass Verein, Senat und Bezirk gemeinsam eine Lösung für 85 Menschen suchen und finden.

Hertha will nicht weiter im Olympiastadion Berlin spielen

Hertha will partout nicht weiter in der überdimensionierten Arena von 1936 kicken. Man wird den Club nicht zwingen können, weiter als Hauptmieter das Denkmal zu bespielen und ein Defizit für das Land als Eigentümer zu vermeiden. Aber jede Lösung jenseits des Olympiaparks, sei es in Brandenburg oder irgendwo anders in der Stadt, dürfte erhebliche Mehrkosten für Infrastruktur und Anbindung verursachen und zusätzlichen Auto-Verkehr in erheblichem Umfang auslösen.

Ein immer wieder als Alternative lancierter Standort auf dem Noch-Flughafengelände in Tegel ist aber nach Überzeugung von Insidern keine Option. Die Planungen für einen Gewerbe- und Wissenschaftspark sowie ein Wohngebiet seien fertig.

Die selbst ernannte Sport-Metropole tut sich schon immer schwer, ihre Infrastruktur zu erneuern oder auf dem modernsten Stand zu halten. Einen Quantensprung schaffte die Stadt im Zuge der von vielen Bürgern vehement abgelehnten und blamabel gescheiterten Bewerbung für die Olympischen Spiele 2000. Neben dem Velodrom und der Schwimmhalle an der Landsberger Allee baute das Land Berlin mitten in Prenzlauer Berg bis 1996 die Max-Schmeling-Halle als Box-Arena für die Spiele, übrigens ohne eigene Parkplätze für Zuschauer.

Alba Berlin zog von Charlottenburg in die Berliner Mitte

Im gleichen Jahr zogen die Basketballer von Alba Berlin aus der Charlottenburger Sömmeringhalle in die Mitte der Stadt. Damit wurde Alba für viele Jahre zum Branchenprimus im deutschen Basketball. Ohne den Umzug hätte sich der Club „niemals dahin entwickelt, wo wir heute sind“, sagte Geschäftsführer Marko Baldi schon 2015.

2011 wagten die Volleyballer des Sport Club Charlottenburg, inzwischen mit dem Namen ihres Hauptsponsors Berlin Recycling Volleys, den gleichen Schritt. Und auch die Volleyballer katapultierte die neue Infrastruktur und die Lage im Stadtzentrum bis in die europäische Spitze. Auch die Handballer der Füchse, ursprünglich aus Reinickendorf, tragen seit 2006 ihre Heimspiele vor bis zu 9000 Fans im Prenzlauer Berg aus.

Für Albas Basketballer, die in Europa mit über die stärkste Fan-Basis verfügen, war die Max-Schmeling-Halle nach ein paar Jahren zu klein. Sie zogen 2008 in die neue Arena am Ostbahnhof mit 14.500 Plätzen.

Eisbären Berlin zogen von Hohenschönhausen nach Friedrichshain

Auch die Eishockeyspieler der Eisbären verließen den maroden Wellblechpalast in Hohenschönhausen und füllen regelmäßig die Arena. In Friedrichshain legten sie das Ost-Berliner Dynamo-Image ab und entwickelten sich zum gesamtberliner Aushängeschild im zweit-populärsten Mannschaftssport Deutschlands.

Auch diese von der amerikanischen Anschütz-Gruppe realisierte Groß-Arena hatte zunächst in Berlin viele Gegner. Von einer Halle in Siemensstadt war als Alternative lange die Rede. Es gab im links-alternativen Friedrichshain-Kreuzberg große Widerstände gegen die „Kommerzialisierung“ der Brachen am Spreeufer. Heute ist die inzwischen Mercedes-Benz-Arena genannte Halle Zentrum eines neuen Stadtviertels und Unterhaltungs-Distriktes.

Für Herthas Vermarktung macht ein eigenes Stadion Sinn

Über die architektonische Qualität mag man streiten, aber für die Metropole Berlin leistet das Projekt einen großen Beitrag. Viele Künstler, Veranstaltungen und internationale Sport-Events kämen nicht nach Berlin, wenn es nicht die passenden Hallen in unterschiedlichen Größen gäbe.

Der Präsident des Landessportbundes, Thomas Härtel, hält die Überlegungen des Hertha-Managements für ein reines Fußballstadion für absolut plausibel, wenn sich der Club weiter entwickeln und dauerhaft in der deutschen Spitze verankern möchte. Nicht umsonst haben alle anderen Bundesliga-Vereine bis auf den 1. FC Nürnberg sich in den vergangenen Jahren reine Fußball-Arenen gebaut. Zudem helfe es für die Vermarktung, Eigentümer seiner Spielstätte zu sein. „Es macht keinen Sinn jetzt aufzuhören zu reden

und zu sagen, das war’s“, so Härtel.

Hertha und Berlin sollen Entwicklung des Olympiaparks in den Blick nehmen

Er wirbt dafür, dass Hertha und die Stadt gemeinsam die Entwicklung des gesamten Olympiaparks in den Blick nehmen. Dann ließe sich ein neues Stadion womöglich in eine Öffnungs-Strategie für das vielerorts kaum genutzte 130 Hektar große Gelände einbinden.

Grundsätzlich beklagt der Repräsentant der mehr als 600.000 organisierten Sportler in der Stadt, dass sein Thema von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung stiefmütterlich behandelt werde. So würden zwar neue Schulsporthallen geplant, neue Sportplätze gebe es aber kaum. Dabei fehlten in der Stadt schon jetzt etwa 70 Großspielfelder.

Projekt der Deutsche Wohnen böte Platz für die Mieter

Tatsächlich gibt es in Berlin neben der laufenden Sanierung von Sportstätten nur ein größeres Entwicklungsthema. Der Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg, zu dem auch die Max-Schmeling-Halle gehört, soll für 180 Millionen Euro zu einer Anlage speziell für Behindertensport ausgebaut werden. Auch hier gibt es aber gegenüber der ursprünglichen Planung einige Verzögerungen.

Hertha hofft nun, die Baugenossenschaft doch noch zu einem Einlenken bewegen zu können. Der Verein war auf der Suche nach neuen Wohnungen für die 85 Bewohner der Häuser auf dem Stadion-Standort. Mit der Idee, die Baumannsche Wiese am U-Bahnhof Ruhleben zu bebauen, blitzte Hertha im Bauamt des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf ab.

Mit einer anderen Variante ist der Profi-Club auch noch genau in den Hauptkampflinie der Berliner Stadtentwicklungspolitik hinein gerutscht. So plant der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen, den ein Volksbegehren und Teile der rot-rot-grünen Koalition enteignen möchten, nördlich der Heerstraße um den Dickensweg ein Wohngebiet mit 580 Wohnungen. Dafür sollen 200 der früheren britischen Offiziers-Wohnungen abgerissen werden.

Hertha hatte vorgefühlt, ob die 85 Mieter von der Sportforumstraße dort in nur 1,5 Kilometer Entfernung unterkommen könnten. „Die Leute wären sofort bei uns drin, wenn wir bauen könnten“, sagte Manuela Damianakis, Sprecherin der Deutsche Wohnen.

Berlins Politik hat offenbar nicht das notwendige Interesse

Aber der Bebauungsplan lässt auf sich warten. Umstritten ist, in welchem Umfang der Konzern verpflichtet ist, den durch Abriss verschwundenen Wohnraum durch neuen zu ersetzen, der nicht mehr als 7,92 Euro pro Quadratmeter Monatsmiete kosten darf.

Die neue Zweckentfremdungsverbotsverordnung, die einen kompletten Ersatz vorschreibt, trat erst im April 2018 in Kraft, der städtebauliche Vertrag wurde aber im März 2018 geschlossen. Mit etwas Flexibilität ließe sich sowohl der Knoten für 580 neue Wohnungen lösen als auch der Raum für das neue Hertha-Stadion am vom Denkmalschutz akzeptierten Rand des Olympiaparks frei machen. Aber es sieht nicht so aus, als ob Berlins Politik daran das notwendige Interesse hat.