Immer Hertha

Zwischen Geld und Geltungssucht

Der zurückgetretene DFB-Präsident Reinhard Grindel reiht sich in eine unrühmliche Riege von Sportfunktionären ein, sagt Jörn Lange.

Jörn Lange, Sportredakteur.

Jörn Lange, Sportredakteur.

Foto: Alexander Scheuber/Bongarts/Getty Images/ Reto Klar

Wenn es nicht so bitter wäre, könnte man fast drüber lachen. Als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat sich Reinhard Grindel in den vergangenen drei Jahren eine veritable Aneinanderreihung von Fehltritten geleistet, doch gestolpert ist er nun ausgerechnet über eine Uhr.

Besagten Edel-Chronometer bekam der CDU-Politiker vor rund anderthalb Jahren zum Geburtstag geschenkt, in aller Diskretion versteht sich, nur leider nicht etwa als Aufmerksamkeit seiner Gattin, sondern von einem nicht besonders gut beleumundeten Funktionärskollegen aus der Ukraine. „Im Stress des Amtes“ habe er den „Materialwert nicht erkannt“, sagte Grindel bei seiner Rücktrittserklärung am Dienstag. Schon klar.

Nun kann man es äußerst skandalös finden, dass es der Vorsteher des größten Einzelsportverbandes der Welt mit gewissen Zuwendungen nicht so genau nimmt (die 78.000 Euro, die er als Aufsichtsrat einer DFB-Tochter bekam, fand Grindel ebenfalls nicht der Rede wert...). Auf der anderen Seite könnte man diesen „Lapsus“ aber auch in bester Grindel-Manier kleinreden. Könnte schließlich alles viel schlimmer sein. Und es stimmt ja, verglichen mit seinen Vorgängern beim DFB wirkt Grindel fast wie ein Chorknabe.

Nur noch mal zur Erinnerung: Sowohl Wolfgang Niersbach (2012 bis 2015) als auch Theo Zwanziger (2004 bis 2012) gehörten zu den Unterzeichnern der nicht ganz blütenreinen DFB-Steuererklärung für die Weltmeisterschaft 2006. Gegen beide wurde auf Verdacht der Steuerhinterziehung ermittelt, in Niersbachs Fall leitete die schweizerische Bundesanwaltschaft zudem ein Strafverfahren wegen Betrugsverdacht, Veruntreuung und Geldwäsche ein. Zuvor hatte sich schon Gerhard Mayer-Vorfelder (2001 bis 2006) den Ruf des Affärenprofis verdient. Auch er pflegte ein eher ambivalentes Verhältnis zur Steuer, von seinen rechtslastigen Aussagen ganz zu schweigen. Doch selbst in diesen Fällen bleibt festzuhalten: In der Skandal-Liga spielte der DFB meist zweitklassig, die weit zwielichtigeren Akteure fanden sich auf Klub-Ebene und/oder im Ausland.

Unvergessen ist der französische Selfmade-Millionär Bernard Tapie, in den Achtzigern und Neunzigern Boss von Olympique Marseille. Dass der Klub unter seiner Ägide die Champions League gewann, feierte er als Sensation; dass wenig später die Bestechung von Gegnern ans Licht kam, weniger. Die Folge: Aberkennung der französischen Meisterschaft und Zwangsabstieg für den Klub, zwei Jahre Haft auf Bewährung für Tapie. Oder nehmen Sie Jesus Gil y Gil.

Der schillernde Unternehmer, in den Neunzigern Präsident von Atletico Madrid, feierte in Spanien zwar Meisterschaft und Pokal, wurde später aber wegen Veruntreuung von 26 Millionen Euro an die Kandare genommen.

Bis heute gilt Gil, Haustier Krokodil, Privat-Spielzeug Flugzeugträger (!), als Inbegriff des Fußball-Sonnenkönigs. Seine deutschen Pendants stellt er nach wie vor in den Schatten. Was sind im Vergleich zu derartigen Exzessen schon die zwei Luxus-Uhren im Wert von rund 100.000 Euro, die Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge 2013 am Flughafenzoll vorbeimogeln wollte? Und wo darf man eigentlich Grindels Uhr einsortieren, die ja angeblich „nur“ 6000 Euro gekostet hat?

Die Liste derer, die Grindel als DFB-Präsident hinterherweinen, ist äußerst überschaubar. Die Liste der nicht ganz tadellosen Sportsmänner in hochrangigen Funktionärsämtern scheint indes fast endlos lang. Allein wenn ich an Fifa-Präsident Gianni Infantino denke, wird mir schon flau im Magen.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass auch er eines Tages zwischen Geld und Geltungssucht zerrieben wird – und sei es, weil er über eine Unachtsamkeit stolpert, so wie Grindel. Der übrigens hielt 2015 eine Rede im Bundestag, in der er sagte: „Im Endeffekt kommt es nicht allein auf gute Vorschriften an, sondern auf gute Menschen, die sich im Zweifel am Grundsatz ausrichten: Das tut man nicht.“ Ich sag’s ja, wenn es nicht so bitter wäre, könnte man fast drüber lachen.