Bundesliga

Für Hertha ist Leipzig die letzte Ausfahrt nach Europa

Die Berliner müssen am Sonnabend in Leipzig gewinnen, um die Resthoffnung auf einen internationalen Startplatz zu wahren

Im Hinspiel hatten Ondrej Duda (l.) und Hertha kaum eine Chance gegen RB Leipzig (0:3). Am Sonnabend soll das besser werden.

Im Hinspiel hatten Ondrej Duda (l.) und Hertha kaum eine Chance gegen RB Leipzig (0:3). Am Sonnabend soll das besser werden.

Foto: Thomas Eisenhuth / picture alliance / ZB

Berlin. Gewissheit zu haben, und das schon im März, ist in der Bundesliga ein seltenes Glück. Im Fall von Pal Dardai und Hertha BSC kommt es dabei aber auf den Betrachtungswinkel an. „Also“, hob Herthas Trainer die Stimme an, als wolle er etwas Bahnbrechendes verkünden. „Champions League können wir abhaken“, sagte er vor dem Spiel am Sonnabend bei RB Leipzig (18.30 Uhr/Sky) und klang dabei überhaupt nicht pessimistisch. Eher realistisch – und das aus gutem Grund.

Hertha ist als Zehnter gefangen im Niemandsland der Tabelle. Auf jenen vierten Platz, der zur Teilnahme an der Champions League berechtigt, beträgt der Rückstand zwölf Punkte. Da nur noch 24 Zähler zu vergeben sind bei acht ausstehenden Spielen in dieser Saison, ein aussichtsloses Unterfangen.

Für den Traum von Europa bräuchte es eine Serie

Selbst die Europa League ist bei sieben Punkten Rückstand in die Ferne gerückt. „Dafür müssen wir schon sechs oder sieben Spiele hintereinander gewinnen“, sagte Dardai und ließ indirekt gleich mitschwingen, dass solch eine Bilanz eher nicht zu erwarten ist. „Das haben wir noch nie gemacht.“

Warum also gerade jetzt damit anfangen, wo doch die Formkurve nach zwei verlorenen Spielen abwärts zeigt und der Kader auch nicht mehr das volle Potenzial hergibt? Kapitän Vedad Ibisevic ist nach seinem Ausraster gegen Dortmund gesperrt, Jordan Torunarigha ist mal wieder verletzt, und Javairo Dilrosun kommt auch nicht so recht voran nach langer Verletzungspause.

Neu auf der Liste der Ausfälle ist Vladimir Darida. Der Tscheche kehrte mit einer Muskelverletzung im Oberschenkel von seiner Länderspielreise zurück.

Die Definition von Berliner Mitte

Nach über zwei Dritteln der Saison sind von Herthas Mannschaft keine Wunder zu erwarten. Der Berliner Bundesligist könnte durchschnittlicher kaum dastehen, neun Spiele wurden gewonnen, neun verloren und acht endeten unentschieden, 40 Tore wurden erzielt, 39 hat man kassiert. Das ist die sportliche Definition von Berliner Mitte.

Trotzdem, eine kleine Resthoffnung auf Europa bleibt. Ein Sieg in Leipzig, dazu der eine oder andere Patzer der Konkurrenz, und schon würde wieder gerechnet werden. „Es wäre wichtig, dass wir etwas holen. Ich habe schon vor dem Dortmund-Spiel gesagt, es wäre gut, wenn wir eine Serie starten. Auch ein Punkt könnte dafür schon ein Anfang sein“, sagt Niklas Stark.

Für mehr Punkte fehlt auch das Quäntchen Glück

Um die Fantasie der Außenstehenden bloß nicht allzu sehr in realitätsferne Sphären driften zu lassen, versuchen Herthas Verantwortliche, jeden Anflug von Träumerei zu unterbinden. „Das erklärte Ziel war ein einstelliger Tabellenplatz“, sagt Manager Michael Preetz. Und Dardai fügt hinzu: „Allein das ist schon schwer zu erreichen.“

So geht es bei der Betrachtung der laufenden Saison längst auch um den Blickwinkel. Rein statistisch hat sich bei Hertha nicht viel getan. Man bewegt sich in jener Tabellenregion, in der man auch vor einem Jahr anzutreffen war, in der Rückrunde hat man wieder weniger Punkte geholt als im Herbst. Alles kommt ziemlich mittelmäßig daher.

Aber da ist ja noch die gefühlte Wahrnehmung, und die unterscheidet sich doch erheblich von der der abgelaufenen Spielzeit. Hertha hat einige aufregende Beiträge zu dieser Saison geleistet, aus Berliner Sicht spielte man dabei leider nur allzu oft die Rolle des tragischen Helden.

Trainer Dardai ist stolz auf spielerische Entwicklung

Gegen Bremen verdarb ein Gegentor in der sechsten Minute der Nachspielzeit den Sieg, gegen Dortmund wurde drei Minuten über der Zeit ein Punktgewinn verpasst. Mit vier Zählern mehr würde Hertha vollends mitmischen im Kampf um Europa.

Und dann sind da noch die vermaledeiten Eigentore. Zwei waren es in den letzten drei Spielen. „Unser Ziel war es, ansehnlicher Fußball zu spielen. Das ist uns gelungen. Ich bin deswegen auch ein bisschen stolz auf die Mannschaft“, sagt Dardai.

Nach dem Hinspiel gegen Leipzig hatte Herthas Trainer dagegen keinen Grund, stolz zu sein. Beim 0:3 boten seine Spieler die vielleicht schwächste Leistung. Nichts wollte gelingen. „Da haben wir zu ängstlich begonnen“, sagt Dardai. Die Lehre daraus müsse sein, nicht wieder zu tief zu stehen. „Das bringt überhaupt nichts.“

Hoffen auf die Chaosmomente

Klug zu verteidigen, dürfte für Hertha dennoch in Leipzig von essenzieller Wichtigkeit sein. Wie das aussehen kann, zeigten die Berliner vor anderthalb Jahren, als sie durch geschicktes Konterspiel 3:2 beim Favoriten siegten. Um das zu veranschaulichen, schenkte Dardai der an neuen Worten nicht armen Fußballlehrersprache einen weiteren Begriff.

„Wir wollen die Chaosmomente ausnutzen“, sagte er. In der Hoffnung, sein Team werde am Sonnabend möglichst viel Chaos auf dem Leipziger Rasen verbreiten um doch noch irgendwie Fahrt Richtung Europa aufnehmen zu können.