Uefa Youth League

Hertha-Gegner Barcelona kann keine Profis mehr formen

Herthas U19 fordert in der Youth League Titelverteidiger Barcelona. Dessen legendäre Akademie erlebt einen merkwürdigen Abstieg

Barcelonas Talente wollen den Titel in der Uefa Youth League verteidigen. Eine Perspektive bei Barcas Profis haben sie kaum. .

Barcelonas Talente wollen den Titel in der Uefa Youth League verteidigen. Eine Perspektive bei Barcas Profis haben sie kaum. .

Foto: Action Foto Sport / picture alliance / NurPhoto

Barcelona/Berlin.  Vergangenen Dienstag kam es in der Sportstadt des FC Barcelona zu Tränen. Der 24-jährige Sergi Samper verabschiedete sich von dem Klub, in den er mit sechs Jahren eingetreten war. Während all der Zeit hatte der blonde Mittelfeldspieler als Nachfolger von Pep Guardiola, Xavi Hernández oder Sergio Busquets gegolten, den großen Barca-Spielmachern. Aber zwischen Verletzungen, Ausleihen und Reservistendasein musste er seinen Traum begraben. „Ich will mich wieder als Fußballer fühlen“, sagte er. Er wechselt nach Japan, zu Vissel Kobe, dem heutigen Verein von Barca-Legende Andrés Iniesta.

Als „letzte Ikone der Masia“ wurde Samper anderntags von „El País“ bezeichnet. Masia heißt die mythische Nachwuchsakademie des FC Barcelona, die 2010 ein Bild für die Ewigkeit produzierte: mit Lionel Messi, Xavi und Iniesta standen drei in ihr ausgebildete Spieler auf dem Podium der Weltfußballerwahl. So etwas wird es wohl nie wieder geben.

Kaum noch Eigengewächs zwischen Messi und Co.

Die Masia ist allerdings nicht mehr das, was sie mal war. Sicher, der FC Barcelona ist Titelverteidiger in der Uefa Youth League, in der er heute (18 Uhr, Sport1+) den Nachwuchs von Hertha BSC zum Achtelfinale erwartet. Auch 2014 hatte er den Titel schon gewonnen, doch ein Blick auf die weitere Karriere der damaligen Sieger ergibt ein ernüchterndes Zeugnis. Kein Spieler steht heute im A-Kader des spanischen Meisters.

Sampers Beispiel erzählt viel darüber, wie sich Barca verändert hat. Als er 16 war, bot der damalige Arsenal-Trainer Arsène Wenger zwölf Millionen Euro für ihn. Er entschied sich zu bleiben, doch es erging ihm nicht anders als den anderen Nachwuchsstars der letzten Jahre, den Angreifern Munir (heute Sevilla), Sandro (Sociedad) und Deulofeu (Watford). Nur ein einziger aus dem eigenen Nachwuchs hat sich in den vergangenen zehn Jahren als Stammkraft etablieren können, der Allrounder Sergi Roberto. Bei Hertha hingegen standen am Sonnabend in Freiburg vier Eigengewächse auf dem Platz: Jordan Torunarigha, Maximilian Mittelstädt, Arne Maier und Dennis Jastrzembski. Hertha verlor mit 1:2.

30 Millionen Euro Jahresetat, 400 Jugendliche

In der Masia, Jahresetat 30 Millionen Euro, kicken derzeit rund 400 Jugendliche. Klingt nach Serienproduktion, und dazu passt das neue Akademiegelände in der funktionalen Sportstadt vor den Toren Barcelonas, in das die Abteilung 2011 umzog. Die beiden letzten großen Generationen, jene um Xavi, Iniesta und Ex-Kapitän Carles Puyol, sowie die folgende um Messi, Gerard Piqué und Cesc Fàbregas hatten noch in einem alten Bauernhaus („Masia“) neben dem Stadion gelernt und auf einem Platz daneben trainiert. „Mama, wenn ich morgens das Fenster aufmache, sehe ich das Camp Nou!”, berichtete Pep Guardiola als 13-Jähriger jubelnd seiner Mutter.

1979 wurde die Nachwuchsschule auf Basis des Modells von Ajax Amsterdam gegründet. Seither wurden Talente in einer klar definierten Spielweise ausgebildet. 4-3-3, Positionsspiel, Passdrei­ecke – der von Johan Cruyff nach Katalonien überführte Barca-Fußball. Die kleinen Messi, Xavi und Iniesta oder die staksigen Guardiola und Busquets wären vielleicht nirgendwo anders zu Weltstars gereift als in einem Spielstil, in dem der Kopf immer wichtiger war als der Körper.

Herthas Durchlässigkeit zu den Profis ist beispielhaft

Als Guardiola später Trainer wurde, setzte er bewusst auf Spieler aus der Masia, so wie heute der frühere U15-Coach Pal Dardai in Berlin. Im Klub-WM-Finale 2011 standen neun Spieler aus der Jugend auf dem Feld. Nachfolger Tito Vilanova bot im November 2012 gegen Levante sogar eine komplette Startelf aus Eigengewächsen auf. Fünf Spielzeiten später fand sich im April 2018 in Vigo kein einziges mehr auf dem Platz. Selbst Ergänzungsspieler werden eingekauft. Die Trainer glauben nicht mehr an die Masia.

Hertha ist in dieser Hinsicht inzwischen das bessere Barca, eigene Talente zu Profis zu formen, gehört längst zur Klub-Philosophie. Der Draht zwischen Dardai und den Nachwuchstrainern Ante Covic (U23), Michael Hartmann (U19) und Andreas Neuendorf ist eng, die früheren Spieler-Kollegen stehen in permanentem Austausch. Aussichtsreiche Nachwuchskräfte wie U19-Verteidiger Omar Rekik (Bruder von Karim Rekik) werden frühzeitig ins Profi-Training integriert, um sich auf Bundesliga-Niveau zu akklimatisieren.

Berliner Talent Arne Maier wird für Barca interessant

Zudem gesteht Dardai den Talenten auch Fehler zu, der Ungar setzt auf Vertrauen und Geduld. Ein Konzept, das aufgeht. Maier – der laut Medienberichten von Barca beobachtet wird –, Mittelstädt und Torunarigha haben sich bei den Profis etabliert, so wie zuvor schon John Brooks, der Hertha 2017 die Klub-Rekordablöse von rund 20 Millionen Euro einbrachte.

Bei Topklub Barca, wo die Einstiegshürde zu den Profis ungleich höher ist, kann von Durchlässigkeit keine Rede mehr sein. Diese Saison sollte Linksverteidiger Juan Miranda an das erste Team herangeführt werden. Seit einer enttäuschenden Halbzeit im Pokalachtelfinale nominiert ihn Trainer Ernesto Valverde nicht mal mehr, wenn Stammspieler Jordi Alba fehlt. Insgesamt stehen in Barcas A-Kader nur noch sieben selbstausgebildete Profis, der niedrigste Wert seit 2002. Vier von ihnen sind 30 oder älter.

Weil das Star-Ensemble um Messi für junge Spieler außer Sichtweite scheint, hat Barca in den letzten Jahren etliche Talente ziehen lassen müssen. Vom heutigen Inter-Mailand-Star Mauro Icardi bis zu Sergio Gomez (18), den Borussia Dortmund vorigen Winter für die Barca-übliche Ausstiegsklausel von drei Millionen Euro kaufte.

Klubchef bemängelt fehlende Geduld

„Die Jungen haben keine Geduld mehr“, klagt Klubchef Josep Maria Bartomeu, „wenn sie schnell Geld verdienen wollen, sind sie weg.“ Sportdirektor Pep Segura hat zum Selbstschutz eine klare Richtlinie kommuniziert: Wer geht, geht für immer. Rückholaktionen wie früher bei Piqué (Man United) oder Fàbregas (Arsenal) soll es nicht mehr geben.

Der Jahrgang, der vergangene Saison die Youth League gewann, konnte bisher gehalten werden, bildet heute jedoch lediglich das Rückgrat der zweiten Mannschaft. Bei Hertha indes soll der Nachwuchs eine zentralere Rolle spielen – und in Zukunft das werden, was er bei Barcelona in der Vergangenheit war.