Hertha BSC

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Die Berliner bleiben erneut hinter ihren Erwartungen zurück. Trainer Dardai rüffelt nun erstmals sein Toptalent Maier

Ausnahme-Talente: Herthas Eigengewächs Arne Maier (r.) und Liverpool-Leihgabe Marko Grujic.

Ausnahme-Talente: Herthas Eigengewächs Arne Maier (r.) und Liverpool-Leihgabe Marko Grujic.

Foto: nordphoto / Engler / picture alliance / nordphoto

Berlin. Die Suche nach Ausreden stellte Pal Dardai schon auf halbem Weg ein. Sicher, die unglücklichen Gegentore der jüngeren Vergangenheit hätten auch etwas mit Pech zu tun, setzte Herthas Chefcoach an, wurde kurz darauf aber schonungslos ehrlich.

„Wenn du so viele Punkte liegen lässt wie wir, dann bist du einfach noch nicht weit genug für die nächste Stufe“, sagte der Ungar am Tag nach dem 1:2 (0:1) beim SC Freiburg: „Immer wieder die gleichen Spiele, immer wieder die gleichen Fehler – das hat auch etwas mit Qualität zu tun.“

Typisches Hertha-Muster

Gemeint waren damit vor allem fehlende Gier und mangelnder Biss – Qualitäten, die Herthas Profis regelmäßig dann abgehen, wenn sie sich in eine denkbar günstige Ausgangslage manövriert haben. So wie am Sonnabend in Durchgang eins, als sie beim Tabellen-13. wichtige Punkte im Rennen um die Europapokalplätze sammeln konnten, aber nicht in die Partei fanden. Statt Hertha traf Freiburgs Nils Petersen (27.), ehe sich die Berliner schlussendlich selbst schlugen. Vedad Ibisevic unterlief nach seinem Ausgleichstreffer (76.) ein unglückliches Eigentor (80.).

Unglücklich, das traf auch die Gemütslage in weiten Teilen der Fan-Szene. Deren Tenor: Schon wieder gegen einen schlagbaren Gegner gepatzt, schon wieder Frust, Europa ade. Dardai machte sich keine Illusionen. Die ordentliche zweite Halbzeit aus Freiburg könne man getrost „in die Mülltonne schmeißen“, denn: „Zum Schluss interessieren Fans und Sportler nur die Punkte und wo du stehst. Und die Punkte haben wir liegen gelassen.“

Kritik an Eigengewächs Mittelstädt

Auf die Frage wo Hertha nun steht, antwortet die Tabelle mit Rang zehn. Gemessen am Kaderwert müssten die Berliner auf Platz neun einlaufen, nur haben die teils begeisternden Leistungen dieser Saison die Erwartungen wachsen lassen.

Das Saisonziel „einstelliger Tabellenplatz“ gilt zwar nach wie vor, doch Manager Michael Preetz wurde nicht müde zu betonen, dass eine Europa-League-Qualifikation keineswegs utopisch ist. Das Potenzial der Mannschaft lässt Europapokal-Träume zu, wäre sie nicht so konstant inkonstant.

„Das erste Gegentor war unnötig“, monierte Dardai, der „mehrere Stellungsfehler“, mangelnde Konzentration und beim Zulassen der Flanke von Vincenzo Grifo sogar „fehlende Einstellung“ gesehen hatte. Ein Rüffel, der sich an den in dieser Szene zu passiven Maximilian Mittelstädt (21) richtete.

Dardai: „Arne war einen Tick zu zufrieden“

Ein anderes, noch größeres Hertha-Talent hatte schon vor der Partie klare Signale von seinem Trainer erhalten. Mittelfeld-Juwel Arne Maier (20), sonst gesetzt und von Freiburgs Trainer Christian Streich als „exzellenter Fußballer“ geadelt, blieb erstmals in dieser Saison auf der Bank und wurde erst zur zweiten Halbzeit eingewechselt. Eine Maßnahme, die Dardai sowohl taktisch („Fabian Lustenberger ist zweikampfstärker“) als auch psychologisch begründete.

„Arne war zuletzt einen Tick zu zufrieden“, so der Coach, „vielleicht hat ihn das jetzt geweckt. Er ist gut reingekommen und war sehr präsent. Diesen Arne Maier brauche ich.“ Womöglich sei die Startelf-Ausbootung „pädagogisch gut“ gewesen, so Dardai, schließlich sei er für seinen früheren U15-Zögling „fast wie ein Stiefvater“. Tatsächlich weilte Maier mit Freund und Trainer-Sohn Palko im vergangenen Sommer im Urlaub – gemeinsam mit Dardai senior.

Unstimmigkeiten zwischen Grujic und Nationaltrainer Krstajic

Ähnlich wie Hertha als Team erreicht auch Maier noch nicht beständig sein höchstes Leistungsniveau. Herthas zweiter hochveranlagter Mittelfeldspieler ist in dieser Hinsicht zwar etwas weiter, befindet sich mit einem seiner Trainer jedoch ebenfalls in Turbulenzen.

Serbiens Nationaltrainer Mladen Krstajic hat die Liverpool-Leihgabe für die anstehende Länderspielpause nicht nominiert, weil Grujic im November eine Einladung zur U21 ausgeschlagen habe. Ein Vorwurf, den der 22-Jährige am Sonnabend entkräftete. Hertha habe im September schriftlich bei Serbiens Verband darum gebeten, Grujic nicht abstellen zu müssen, damit sich dieser besser integrieren kann. Der Verband habe dies akzeptiert, „deswegen war ich überrascht, dass ich nicht dabei bin wegen meiner Abwesenheit damals. Ich werde weiter kämpfen, um nominiert zu werden.“

Fragezeichen hinter Selke, Lazaro und Leckie

Kampf, Einsatz und Leidenschaft werden auch von seinen Hertha-Kollegen gefordert sein. „Es ist ein Unterschied, ob man den Gegner mit 70 Prozent anläuft oder im Vollsprint“, betonte Dardai. Ob Davie Selke (Hüfte) und Valentino Lazaro (Knie) bis zur Länderspielpause überhaupt noch jemanden anlaufen, ist allerdings ungewiss. Stürmer Selke werde mit individuellem Programm in die Woche starten, bei Rechtsverteidiger Lazaro verortete Dardai die Ausfallzeit zwischen „drei Tagen und drei Wochen“.

Gut gebrauchen könnte Hertha beide Leistungsträger am Sonnabend allemal. Dann macht Dortmund seine Aufwartung im Olympiastadion. „Borussia muss gewinnen und wir haben ein volles Haus“, sagte Dardai, „das ist erstmal gut.“ Dass er unter diesen Vorzeichen erneut auf Maier verzichtet, steht nicht zu befürchten.