Hertha BSC

Gegen Lauf und Läufer

Gegner Freiburg zählt zu den laufstärksten Teams der Liga, Hertha zu den schwächsten. Umso mehr braucht es die Cleverness der Oldies.

Wissen, wann sie laufen müssen – und wann nicht: Vedad Ibisevic und Salomon Kalou (v.r.) nach dem Hertha-Training.

Wissen, wann sie laufen müssen – und wann nicht: Vedad Ibisevic und Salomon Kalou (v.r.) nach dem Hertha-Training.

Foto: Jan-Philipp Burmann / City-Press GmbH

Berlin.  Die Erinnerungen sind keine guten. Fährt Hertha BSC nach Freiburg, endet die Dienstreise fast schon traditionell mit einer Enttäuschung. Der letzte Berliner Sieg im Breisgau liegt inzwischen gut neun Jahre zurück. Beim 3:0 im Februar 2010 schnürte Trainer Pal Dardai noch selbst die Schuhe und wurde in der Schlussphase eingewechselt, die Torschützen hörten auf die Namen Adrian Ramos und Cicero. Verblasste Erinnerungen aus einer anderen Fußball-Epoche.

Daran, dass auf seine Mannschaft am heutigen Sonnabend (15.30 Uhr, Sky) erneut ein äußerst unangenehmer Arbeitstag wartet, hat Dardai keinerlei Zweifel. „Freiburg darfst du nicht unterschätzen“, warnt der Ungar, „und eins ist klar: Die Mannschaft läuft deutlich mehr als wir.“

Seit gut neun Jahren nicht im Breisgau gewonnen

Tatsächlich spult der Sportclub (121,2 km) nach Bayer Leverkusen (121,7 km) pro Spiel die meisten Kilometer der Liga ab. Ein Energiepensum, das vor allem im eigenen Stadion belohnt wird, dort erlief sich die Mannschaft von Trainer Christian Streich in dieser Saison Siege gegen Mönchengladbach oder Leipzig. Zuletzt gab es zu Hause ein 3:3 gegen den formstarken VfL Wolfsburg und ein furioses 5:1 gegen Augsburg. Ergebnisse, die natürlich auch in Berlin registriert wurden – und die Vorfreude auf den längsten Auswärtstrip der Saison nicht gerade erhöht hat. „Es ist schwierig, dort zu spielen“, sagt Kapitän Vedad Ibisevic, „sie haben eine disziplinierte und talentierte Mannschaft.“ Und eben eine äußerst lauffreudige, die ihren Gegner permanent triezt.

Freiburg läuft sieben Kilometer mehr als die Berliner

Im Vergleich zu den Freiburgern wirken Ibisevic und seine Kollegen eher wie Kurzstrecken-Fans. Die Berliner Profis kommen auf lediglich 114 Kilometer pro Partie. Eine satte Differenz von gut sieben Kilometern, die allerdings nicht zwingend als Qualitätsmerkmal gewertet werden muss, sondern auch als Beleg für ein gutes Stellungsspiels interpretiert werden kann. Fußball wird nun mal immer noch gespielt und nicht gerannt, viel hilft nicht immer viel.

Die beiden prominentesten Fürsprecher dieser These sind bei Hertha auch die erfahrensten: Ibisevic (34) und Salomon Kalou (33). Die Tage, in denen die beiden Angreifer ihre Gegner in Grund und Boden liefen, liegen ähnlich lange zurück wie Herthas letzter Sieg in Freiburg. Heute besticht die Oldie-Fraktion eher durch Cleverness und Effizienz. Zu beobachten ist das in fast jedem Training und jedem Spiel. Beide sind bestrebt, nicht besonders viele Wege zu gehen, sondern die richtigen zum richtigen Zeitpunkt.

Startelf-Garantie und Extra-Lob für Ibisevic

Mit Läufen kennen sich Ibisevic und Kalou nach je rund 15 Jahren im Profifußball bestens aus. Selbst Negativ-Läufen können sie etwas Positives abgewinnen, weil sie erlebt haben, dass Durststrecken vorübergehen. Totgesagt wurden sie nach Torflauten oft genug, nur um bei nächstbester Gelegenheit zu beweisen, wie wichtig sie für ihre Teams sind. Ein Schauspiel, das Ibisevic nun zum x-ten Mal darbieten will.

Seinen Platz in der Startelf hatte der Kapitän in den jüngsten vier Partie bekanntlich an Davie Selke (24) abtreten müssen. Der aber dürfte nach seiner Verletzung an der Hüftmuskulatur geschont werden, also muss es der Altmeister richten. „Vedo spielt auf jeden Fall“, hat Dardai angekündigt, und gleich eine kleine Lobhudelei hinterhergeschoben. Ibisevic sei ein Siegertyp, einer, der immer brennt und - anders als Selke - immer fit ist. „Er weiß, wann er wie in einen Zweikampf gehen muss, um den Körper zu schützen“, betont der Trainer, „da kann Davie viel von ihm lernen.“

Für Hertha hat der Bosnier noch nie gegen Freiburg getroffen

Was Ibisevic mindestens genauso sehr verinnerlicht hat, ist der Zeitpunkt, an dem seine Tore besonders wertvoll sind. Das Arbeitspapier des Bosniers läuft in diesem Sommer aus, sein Berater und Manager Michael Preetz stehen derzeit im Dialog. Seine bislang letzte Vertragsverlängerung im November 2016 schien Ibisevic zusätzlich beflügelt zu haben. In den zwölf Saisonspielen bis zum neuen Kontrakt gelangen ihm acht Treffer und drei Vorlagen. Tore bleiben die besten Argumente für einen Stürmer.

Gegen Freiburg hat Ibisevic in fünf Anläufen allerdings noch nie für Hertha getroffen. Um damit anzufangen, lässt sich kaum ein besserer Zeitpunkt finden als jetzt, denn wenn die Berliner auf Tuchfühlung zu den Europapokalplätzen bleiben wollen, müssen sie tunlichst Punkte sammeln. Der Abstand auf Tabellenplatz sechs beträgt derzeit vier Zähler, genauso wie jener auf Platz elf. Sicher, Freiburg mag zu den unangenehmsten Gegnern der Liga zählen, aber die kommenden Aufgaben werden nicht leichter. Nach dem Sportclub heißen die Kontrahenten Dortmund und Leipzig.