Hertha

Hertha wird erwachsen

Der Sieg über Mainz war ein Arbeitssieg. Aber auch einer, der sichtbar machte, das das junge Hertha-Team eine gute Entwicklung nimmt.

Arne Maier (l.) und Davie Selke gehören bei Hertha zur jungen Generation, die an Reife gewonnen hat.

Arne Maier (l.) und Davie Selke gehören bei Hertha zur jungen Generation, die an Reife gewonnen hat.

Foto: City-Press GmbH / City-Press via Getty Images

Berlin. Stollenkoffer haben im modernen Fußball ihren Platz verloren. Genau wie Lederbälle oder Schuhcreme. Zumindest dem guten alten Stollenkoffer hat Pal Dardai in Zeiten ultraleichter Plastiknocken-Schuhe aber nun zur Renaissance verholfen, wenn auch nur in einer Episode.

Nein, einen Stollenkoffer habe er nicht umgetreten, erzählte der Trainer einen Tag nach dem 2:1 gegen Mainz 05. Womit bewiesen ist, dass es eben einen solchen Koffer durchaus noch gibt bei Hertha BSC. „Ich habe dieses Mal auch keine Tafel kaputt getreten, ich habe versucht, intelligent zu bleiben“, sagte er.

2:1 ein Sieg der Berliner Intelligenz

Das ist gar nicht immer so einfach, jedenfalls nicht als Trainer einer Bundesliga-Mannschaft und erst recht nicht, wenn man mit deren Leistung überhaupt nicht einverstanden ist. So geschehen am Sonnabend, als Dardai nicht verstehen wollte, was da in der ersten Halbzeit vor sich gegangen war. „Da waren viel zu viele Kontakte durch die Mitte, obwohl wir wussten, dass sie dort stabil sind. In der zweiten Halbzeit haben wir dann intelligenter gespielt, mit einfachen Pässen“, sagte Dardai.

So war das 2:1 gewissermaßen ein Sieg der Berliner Intelligenz. Der Trainer blieb gefasst, und die Mannschaft agierte schlauer. Mehr noch aber freute sich Dardai, dass der Erfolg unter die Kategorie „Arbeitssieg“ fiel. Beide Mannschaften waren sich ungefähr auf Augenhöhe begegnet, Werte wie gewonnene Zweikämpfe (50:50) oder abgegebene Torschüsse (11:13) lagen dicht beieinander. Auch optisch konnte sich kein Team für längere Zeit ein Übergewicht erspielen, und am Ende gewannen doch die Berliner.

An Stark wird Entwicklung besonders klar

Enge Spiele für sich zu entscheiden, zählte in der jüngeren Vergangenheit nicht zu den Stärken von Dardais Mannschaft. Vor allem ist das 1:1 gegen Werder Bremen im weiten Rund des Olympiastadions noch in schmerzlicher Erinnerung, als Claudio Pizarro in der sechsten Minute der Nachspielzeit zum Ausgleich traf. In der Hinrunde gab man zu oft überlegen geführte Spiele noch aus der Hand, etwa gegen Freiburg (1:1) oder in Stuttgart (1:2).

Dardai wertete das Resultat als Teil des Erwachsenwerdens seiner Mannschaft. Niemand verkörperte diese Entwicklung besser als Niklas Stark. Dem Innenverteidiger war kurz nach dem Seitenwechsel per Kopf ein Eigentor unterlaufen, das die Mainzer in Führung brachte.

Festhalten an den Jungen muss sich auszahlen

Nach dem Ausgleich durch Marko Grujic war es eben jener Stark, der Herthas Siegtreffer erzielte. Er ist inzwischen 23 Jahre alt, er spielt seine vierte Saison im Berliner Trikot, die dritte davon als unumstrittene Stammkraft, und steht stellvertretend für Spieler wie Maximilian Mittelstädt, Arne Maier oder Davie Selke. „Wir haben den Jungs viel Erfahrung geschenkt, sie haben immer gespielt, egal, ob sie Fehler gemacht haben. Jetzt kommen sie in ein Alter, wo man fehlerfrei spielen kann“, erklärt Dardai die positive Entwicklung.

Herthas Trainer sah sich bestätigt, dass sich das Festhalten an jungen Spielern nun auszahlen wird. „Wir haben sehr viel Lehrgeld bezahlt, ich hoffe, das ist jetzt vorbei.“ Den nicht immer zufriedenstellenden Ergebnissen gewann er etwas Gutes ab. „Erfahrung bekommt man nur, wenn man Fehler macht. Wenn man immer gewinnt, bekommt man keine Erfahrung. Das ist in allen Bereichen des Lebens so“, sagt Dardai.

Einsatz des verletzten Selke in Freiburg unklar

Hertha ringt in dieser Saison schwer um den nächsten Entwicklungsschritt. Trotz deutlich besserem Fußball stellten sich die Ergebnisse nur phasenweise ein. Tabellarisch liegt Hertha als Achter in der Region, in der sich der Klub auch schon im vergangenen Jahr aufhielt. Durch den Sieg bleibt man aber in Schlagdistanz zu den Europapokalplätzen. Der Rückstand auf den Sechsten Bayer Leverkusen beträgt vier Punkte. „Jetzt wollen wir dranbleiben, eine gute Trainingswoche haben und in Freiburg was mitnehmen“, blickt Dardai auf den kommenden Gegner.

Ob Davie Selke in Freiburg dabei sein kann, ist noch ungewiss. Der Angreifer verletzte sich gegen Mainz an der Hüfte und musste vorzeitig den Platz verlassen. Am heutigen Montag soll eine Untersuchung Aufschluss geben über die Schwere der Verletzung. Pal Dardai befürchtet eher schlechte Nachrichten. „Es sieht nicht gut aus“, sagte der Ungar.

Selke hatte sich nach einer im Sommer erlittenen Lungenverletzung wieder zurückgekämpft und präsentierte sich zuletzt hervorragend in Form. Sollte der Stürmer ausfallen, würde Vedad Ibisevic bereitstehen, der in dieser Saison schon auf acht Tore kommt. Auf seine Altstars konnte sich Pal Dardai immer verlassen. Beim Erwachsenwerden seiner Mannschaft spielen sie eine wichtige Rolle.