KOLUMNE IMMERHERTHA

Kein W-Lan im Himmel

Der Fußball-Gott ist sicher kein Herthaner. Dennoch wollen die Berliner am Sonnabend die Bayern ärgern.

Foto: dpa/BM

Lange schon frage ich mich, was der ­Fußball-Gott eigentlich für ein Typ ist. Ein Feingeist kann er kaum sein, sonst wären die Franzosen nicht Weltmeister. Oder die Deutschen in den Achtzigern nicht ständig ins WM-Finale gerumpelt, mit Spielern, die auf dem Weg dorthin anderen die Zähne ausschlugen.

Ich vermute ihn eher als eine Art Masochisten. Als einen, der die meisten Fußballfans mit unwürdigen Ausgängen gern quält. Weil ich es aber nicht genau weiß und die Frage mich nun schon so lange umtreibt, habe ich ihm sogar mal ­geschrieben.

Ist schon etwas her. Nach einem Champions-League-Spiel war das, ich kochte gerade vor Wut ob des Ausgangs. Da ich seine Adresse nicht kannte und vermutet habe, auch der Fußball-Gott gehe mit der Zeit, habe ich mich per Facebook an ihn gewandt, Freundschaftsanfrage inklusive.

Ich schrieb in einem Anflug von Frust so Sachen wie „Deine liebsten Kinder sind roh, hässlich und kraftmeiernd. Dein Faible für Ungerechtigkeiten ist legendär.“ Zum Schluss zitierte ich sogar noch den österreichischen Popsänger Falco, auch der Fußball-Gott habe ihn selig. „Muss der Fußball denn sterben, um zu leben?“ Geantwortet hat er mir nie. Ich befürchte, er hat mich nicht in seiner Timeline. Oder im Himmel gab’s kein W-Lan.

Seit dem vergangenen Sonnabend bin ich zumindest wieder etwa schlauer, was seine Vorlieben angeht. Herthaner ist der Fußball-Gott jedenfalls nicht, soviel ist sicher. Sonst hätte er im Olympiastadion wohl kaum in der sechsten Minute der Nachspielzeit noch zwei Hacken bemüht, dass der Ball auch ja ins Berliner Tor kullert. Und vor Jahren, Sie erinnern sich gewiss, da durften die Bayern gar bis zur siebten Minute der Nachspielzeit kicken, bis wenigstens der Ausgleich gegen Hertha … lassen wir das.

Auf der anderen Seite könnte man natürlich meinen, der Fußball-Gott hat eine Vorliebe für Geschichten mit Herz. Ein bisschen göttlicher Beistand, dass der nimmermüde Claudio Pizarro auch wirklich sein Rekord-Tor bekommt. Sie merken schon, wir drehen uns im (Anstoß-)Kreis. Vielleicht ­­liegen solche Ausgängen wie dem 1:1 zwischen Hertha und Bremen aber ganz irdischen Parametern zugrunde. Karim Rekik hat einmal gesagt, und diese Meinung teile ich vollkommen, dass Fußball nur zu 30 Prozent mit den Füßen gespielt wird. Der Rest, also mehr als die Hälfte, entscheidet sich im Kopf.

„You have to be sharp, mentally sharp“, hat Rekik gesagt und dieser Satz geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Zum einen, weil er wörtlich übersetzt lustig ist. Mental scharf, das hört sich nach ­Otto Waalkes an, Englisch für Fort­geschrittene, english for runaways.

Was Rekik sagen will: Dass man ­immer bereit sein muss und vor allem an sich glauben. Notfalls Selbst­vertrauen nach außen heucheln, auch wenn man sich innerlich ganz anders fühlt. Rekik kann das wie kein Zweiter Herthaner, bei den anderen ist diese Eigenschaft ausbaufähig oder nicht vorhanden. Ganz anders die Bayern. Die haben in der Champions League ­in Liverpool wieder gezeigt, wie man allein mit einem großen Namen den Gegner erschreckt. Wenn es drauf ankommt, wenn keiner ihnen ­etwas zutraut, sind sie da. Schon aus Trotz. Soll nur ja niemand auf den Gedanken kommen, sie hätten den Fußball-Gott nötig.

Ein FC Bayern ist sich selbst genug. In zwei Tagen geht es für Hertha schon wieder gegen die Bayern. Zum dritten Mal in dieser Saison. Was ihnen in München helfen kann? Genau diese bayernartige Brust-raus-Haltung. In zwei Spielen ist es Bayern zuletzt nicht gelungen, Hertha über 90 Minuten in die Knie zu zwingen. Schon vergangene Saison hatte es in München ein Unentschieden gegeben.

Außerdem ist Hertha die einzige Mannschaft in der Bundesliga, die gegen die ersten drei, Dortmund, Bayern und Gladbach, kein Spiel verloren hat. Geht es gegen starke Gegner, sind Dardais Jungs mentally sharp. So scharf, dass ­ihnen bisher selbst der Fußball-Gott kein Bein stellen konnte.