Hertha BSC

Davie Selke – Im Vollsprint zu Löw?

Davie Selke war 2019 an sieben der jüngsten elf Hertha-Tore beteiligt. Doch nicht nur das macht ihn für die Nationalelf interessant.

Foto: O.Behrendt / imago/Contrast

Berlin.  An den Zahlen kann man nicht vorbeischauen, auch als Bundestrainer nicht. In den sechs Pflichtspielen dieses Jahres sind Hertha-Stürmer Davie Selke sieben Torbeteiligungen gelungen – dreimal in Folge traf er zuletzt selbst, dazu gab er vier Vorlagen. Eine beeindruckende Bilanz für 2019, die nur von Bayern-Star Robert Lewandowski (drei Tore, sechs Vorlagen) getoppt wird. Und eine, die ihn zunehmend ins Blickfeld der Nationalmannschaft rückt.

Michael Preetz hat jedenfalls keinen Zweifel daran, dass der 24 Jahre alte Angreifer ein geeigneter Kandidat für das DFB-Team ist. „Wenn Davie diese Leistung dauerhaft abrufen kann, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er Nationalspieler wird“, sagt Herthas Manager, dem man als Rekordtorjäger seines Klubs eine gewisse Expertise in Stürmerfragen unterstellen darf. Er ist überzeugt: „Der deutsche Fußball wartet auf einen echten Neuner.“ Aber findet er ihn tatsächlich in Selke?

Der Berliner Rekordeinkauf hat die Ernährung umgestellt

Gänzlich neu wäre das Trikot mit dem Adler ja nicht für den Stürmer. Seit der U16 durchlief er sämtliche Auswahlteams und fand dort prominente Fürsprecher, sogar solche, die als Profis noch ein wenig mehr vom Toreschießen verstanden als Preetz. Angreifer-Ikone Horst Hrubesch zählte als U18-Coach zu Selkes großen Förderern; bei der U21 outete sich auch der frühere Top-Stürmer Stefan Kuntz als Fan. „Davie ist ein Mentalitätsmonster“, schwärmte der Trainer vor der U21-EM 2017. Er sollte recht behalten. Beim Turnier in Russland hatte Herthas Rekordeinkauf (8,5 Millionen Euro) durch zwei Tore und eine Vorlage seinen Anteil am Titelgewinn.

Inzwischen hat Selke auch im von Hertha-Coach Pal Dardai geliebten „Männerfußball“ bewiesen, dass er hierzulande zu den Besten seines Fachs zählt. In 101 Bundesligaspielen für Werder Bremen, RB Leipzig und Hertha kommt er auf 26 Tore und 17 Assists. Eine stolze Quote, doch noch interessanter macht ihn sein Profil.

Kaum echte Neuner in der Bundesliga

Mit seinen 1,94 Metern ist er qua Statur ein klassischer Mittelstürmer, gleichzeitig aber schnell genug, um als Konterspieler zu glänzen. Zu beobachten war dies zuletzt beim 1:1 gegen Werder Bremen und zuvor beim 3:0 in Mönchengladbach. Dort rannte Selke im Laufduell über den halben Platz Matthias Ginter davon, dem Borussen-Verteidiger, der schon lange das bekommt, was sich Selke derzeit wünscht: die Aufmerksamkeit von Joachim Löw.

Allzu viele Alternativen zu Selke hat der Bundestrainer derzeit nicht, echte Neuner sind selten geworden. Sandro Wagner (31) ist nach seiner ausgebliebenen WM-Nominierung augenzwinkernd aus dem Nationalteam zurückgetreten, Stuttgarts Mario Gomez (33) tat es ihm in etwas ernsterem Ton nach dem Debakel in Russland gleich.

Seither versuchte es Löw mit Dortmunds Marco Reus und Schalkes Mark Uth als alleinige Spitzen, um zuletzt auf eine offensive Dreierreihe aus Timo Werner (Leipzig), Serge Gnabry (München) und Leroy Sané (Man City) zu setzen. An deren Tempo, Spielstärke und Flexibilität reicht Selke zwar nicht heran, aber einen Spielertypen wie ihn hat Löw nun mal derzeit nicht in seinem Portfolio. Der Berliner gibt sich gewohnt selbstbewusst. „Ich glaube, dass jede Mannschaft einen richtigen Neuner braucht“, sagt er: „Natürlich ist das Nationalteam ein Ziel für mich.“

Der Stürmer hat seine Ernährung umgestellt

Bei Hertha hat er sich in dieser Saison allerdings auf eine Entwicklung der kleinen Schritte konzentrieren müssen. Lungenverletzung in der Sommervorbereitung, 45 Tage Pause, Comeback mit Fitness-Defiziten – erst Ende Oktober kam er in Fahrt, glänzte jedoch vor allem als Vorbereiter, während das Toreschießen nicht so recht klappen wollte.

Dardai aber setzte auf bedingungsloses Vertrauen, gab Selke einen Freifahrtschein, um ihm Druck im Konkurrenzkampf mit Kapitän Vedad Ibisevic (34) zu nehmen. Eine Maßnahme, die sich auszuzahlen scheint. Auf das Pokal-Tor gegen München folgten die Gala-Auftritte gegen Gladbach und Bremen. Werder-Coach Florian Kohfeldt, der Selke aus gemeinsamen Tagen in der Hansestadt kennt, ist voll des Lobes. „Davie ist auf dem Weg zum kompletten Stürmer“, sagt er.

Tatsächlich scheint Selke so selbstbewusst und fit wie lange nicht, vielleicht auch, weil er seine Ernährung umgestellt hat und derzeit auf Zucker, Weizen und Milchprodukte verzichtet. Sonnabend bei den Bayern will er die nächste Chance nutzen, um Löw zu beeindrucken. Die Anreise zum nächsten Länderspiel wäre kurz. Das Duell mit Serbien am 20. März findet in Wolfsburg statt.

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