Champions League

So erinnert sich Walter Junghans an sein Duell mit Liverpool

Der Torwart erinnert an Bayerns letzten Auftritt in Anfield 1981 und sagt, was er beim Duell am Dienstag erwartet. Zudem lobt er Hertha.

Fannähe ohne Werbebande: Bayern-Torwart Walter Junghans im April 1981 an der Anfield Road. Von 1987 bis 1994 war er später dann Hertha-Torhüter.

Fannähe ohne Werbebande: Bayern-Torwart Walter Junghans im April 1981 an der Anfield Road. Von 1987 bis 1994 war er später dann Hertha-Torhüter.

Foto: Hans RAUCHENSTEINER / Rauchensteiner

Kaum zu glauben, aber wahr: Die bisher letzte Partie des FC Bayern in Liverpool liegt 38 Jahre zurück. Vor der Neuauflage am Dienstag (21 Uhr, Sky) erinnert sich der frühere Bayern- und Hertha-Keeper Walter Junghans (60) an seinen Gänsehautmoment gegen die „Reds“ – und lobt seine Nachfolger in München und Berlin.

Herr Junghans, das letzte Gastspiel des FC Bayern an der Anfield Road liegt unglaubliche 38 Jahre zurück. Am 8. April 1981 standen Sie im Tor und holten beim FC Liverpool ein 0:0. Wie haben Sie dieses Hinspiel im Europapokal der Landesmeister erlebt?

Walter Junghans: Ich war damals noch sehr jung, 22 Jahre. Von daher stellte das für mich eine außergewöhnliche Situation dar: ein Halbfinale! Ich war vor dem Spiel schon ziemlich angespannt, das muss ich zugeben. Wer hat schon die Möglichkeit, als so junger Kerl in einem Europacup-Halbfinale in der Startelf zu stehen? Dass ich dann zu null spielen konnte – ganz speziell.

Wie war die Atmosphäre an der Anfield Road? Wie war es, vor „The Kop“ zu stehen, der legendären Stehplatz-Tribüne mit ihren 30.000 Plätzen?

Einzigartig. Aber niemals unfair. Von den Rängen ist nichts in den Strafraum geflogen wie das sonst des Öfteren in Madrid oder anderen südeuropäischen Stadien der Fall war. Auf dem Platz war das Geschehen aggressiver, hitziger, aber insgesamt okay.

Bei Youtube kann man ein paar Szenen von jenem Spiel finden. Es ging schon ganz schön zur Sache, die weißen Bayern-Trikots waren durch den matschigen Rasen bald nicht mehr weiß. Und Sie haben einige Bälle rausgefischt.

Der Platz war in keinem guten Zustand, sehr tief – aber für uns damals der Normalzustand, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen mit den perfekten Bedingungen. Dazu kommt: Weil es die Rückpassregel noch nicht gab, war es für Torhüter ein anderes Spiel. Das 0:0 war gerecht, wir konnten damit ganz gut leben. Es gab Chancen auf beiden Seiten, wir hätten ein Tor machen können.

Machen müssen eher. Die Stürmer Karl-Heinz Rummenigge und Dieter Hoeneß hatten gute Chancen, dazu kam ein Lattenschuss und ein nicht gegebener Elfmeter an Rummenigge.

Wir sind trotzdem mit einem guten Gefühl ins Rückspiel im Olympiastadion gegangen. Das 1:1 in München war sehr bitter, wegen der Auswärtstorregelung haben wir mit zwei Unentschieden das Finale verpasst.

Das gewann Liverpool dann 1:0 gegen Real Madrid. Aber zurück zur Anfield Road: Wie konnten Sie sich damals auf die Gegner vorbereiten?

Fast gar nicht. Vielleicht hat man mal das eine oder andere Spiel im Fernsehen gesehen, ein paar Ausschnitte höchstens. Das waren ganz andere Zeiten! Heutzutage weiß man alles, die Videoanalysten schneiden jede erdenkliche Szene für den jeweiligen Gegenspieler zurecht. Durch die Gruppenphase der Champions League kennen sich die Spieler besser, bei uns ging es mit dem Sechzehntel-Finale los, nach acht Spielen war man im Finale.

Es waren also Reisen ins Ungewisse.

Ein bisschen Abenteuer, ja. England war jetzt nicht so weit weg, bei Reisen nach Osteuropa war das alles noch ex­tremer.

Das berühmte Foto mit Ihnen und den tausenden Gesichtern in Ihrem Nacken ...

... erinnert mich noch heute an dieses Spiel und hängt bei mir zu Hause. Wenn ich das anschaue, denke ich manchmal: Bist du das wirklich?

Warum?

Weil ich wenige Jahre zuvor beinahe meine Karriere beenden musste.

Wie kam das?

1977 bin ich von meinem Jugendverein SC Victoria Hamburg nach München gewechselt, erhielt einen Vertrag als Olympia-Amateur, spielte in der zweiten Mannschaft. Nach eineinhalb Jahren habe ich mir den Arm gebrochen, bei einer OP musste mir eine Platte eingesetzt werden. Also war ich froh und dankbar, dass mein Vertrag verlängert wurde. Nach Sepp Maiers schwerem Autounfall (im Juli 1979, d. Red.) und dessen Karriereende kam ich zur neuen Saison plötzlich in die erste Elf – mit der Platte im Arm. Das kam alles sehr überraschend und ging alles so brutal schnell, mir fehlte die Vorbereitung auf die Zeit als Nummer eins. Ein Freund schrieb mir einmal: Weißt du eigentlich, dass du der jüngste Torhüter bist, der als Stammspieler Meister wurde (1980, d. Red.)? Wusste ich damals nicht.

Was trauen Sie den Bayern aktuell in den Duellen mit Liverpool zu?

Ich traue ihnen alles zu. Unsere Mannschaft ist stark genug, dort zu bestehen. Aber wie so häufig werden auf diesem Niveau Details entscheiden, Kleinigkeiten. Siehe unser knappes Aus letzte Saison im Halbfinale in Madrid.

Was halten Sie von Liverpools Keeper Alisson Becker?

Für mich ist er einer der Top-Fünf-Torhüter weltweit. Aber Manuel Neuer ist ein außergewöhnlicher Torhüter. Einzigartig wie er seine Qualität über Jahre auf konstant hohem Niveau hält.

Ihre Karriere verlief weniger beständig. 1982 verpflichteten die Bayern den Belgier Jean-Marie Pfaff als neue Nummer eins, Sie wechselten zum FC Schalke.

Da hatte ich keine einfache Zeit, zwischen gut und brutal schwierig inklusive Abstieg 1983 und Wiederaufstieg 1984. Ich mag den Verein trotzdem immer noch, bekomme jedes Jahr zum Geburtstag einen Blumenstrauß. Das ist außergewöhnlich.

1987 gingen Sie zu Hertha BSC in die damals drittklassige Oberliga.

Auch dort habe ich alles mitgemacht, zwei Aufstiege, einen Abstieg.

Anders als auf Schalke wurden Sie Publikumsliebling, machten bis 1994 insgesamt 177 Spiele für Hertha BSC.

Es war eine besondere Beziehung, noch heute fiebere ich mit der Hertha mit und möchte, dass sie erfolgreich ist. Da ist immer noch viel Sympathie.

Was halten Sie von Herthas Torhüter Rune Jarstein?

Er spielt eine sehr gute Saison, ein super Torwart, der die Ruhe hat, ex­trem abgeklärt ist. Ich habe ja eine Zeit lang als Torwarttrainer der Bayern-Profis mit Thomas Kraft gearbeitet und hätte natürlich gern gesehen, dass er seinen Platz im Tor behauptet.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Berliner insgesamt?

Hertha ist auf einem guten Weg. Es gibt zwar immer wieder Rückschläge – sonst könnten sie noch weiter oben stehen. Pal Dardai macht einen guten Job, ein ruhiger Trainer, er hat die Mannschaft toll entwickelt.

Ist nach dem furiosen 3:0 in Mönchengladbach vielleicht sogar Platz sechs, also die Qualifikation für die Europa League drin?

Klar. Aber dieser Wettbewerb birgt ja immer Gefahren. Dann kommen die sechs zusätzlichen Spiele im Herbst, das muss man einplanen, da besteht die Gefahr eines Absturzes in der Liga – siehe 1. FC Köln.