Kolumne Immer Hertha

Wenn das letzte Echo verhallt

Vor 30 Jahren starteten Fans eine eigene Radiosendung über Hertha BSC, nun hören sie damit auf. Schade eigentlich, findet Jörn Lange.

Foto: dpa/Reto Klar/BM Montage

Noch hofft Manfred Sangel. „Niko weiß, dass an diesem Sonnabend unsere letzte Sendung ist“, sagt der Macher des „Hertha-Echo“, der an diesem Wochenende nach 30 Jahren am Mikrofon in Fan-Radio-Rente geht: „Ich habe ihm gesagt, dass ich mich sehr freuen würde, wenn er anruft.“ Eine schöne Würdigung wäre das zum Schlusspfiff des Fan-Formats allemal, nur ist Niko eben nicht irgendwer, sondern der Cheftrainer des FC Bayern, Niko Kovac. Wer Sangel und ihn vorige Woche bei ihrem Wiedersehen im Olympiastadion beobachtet hat, konnte die Herzlichkeit zwischen ihnen jedoch förmlich spüren. Vielleicht ruft der Junge aus dem Wedding, der sich über das Sprungbrett Hertha BSC in die große Fußballwelt aufschwang, ja tatsächlich an. Er wäre ja nicht der erste erstaunlich große Name in diesem vergleichsweise kleinen Radio-Rahmen ...

Erstmals ging Sangel am 16. Februar 1989 mit dem „Hertha-Echo“ auf Sendung, zunächst nur im Kabelnetz. „Wir haben in einer Zeit angefangen, als sich keiner für unseren Verein interessiert hat“, erzählt er, „und das wollten wir ändern.“ So wurde das im 14-Tage-Takt ausgestrahlte Programm nicht nur für eingefleischte Fans zur Informationsquelle, sondern mitunter auch für Hauptstadtjournalisten, denn jene widmeten sich dem in den Niederungen des Fußballs gestrandeten Traditionsklub damals nur sporadisch. „Heute undenkbar“, wie Sangel sagt.

Von Calmund über Hans Meyer bis Dieter Hoeneß

Mit Hertha hat er so ziemlich alles erlebt. Von Zeiten, in denen der Klub um die Existenz bangen musste und „nicht mal Geld für ’ne Briefmarke“ hatte, bis zu rauschenden Champions-League-Nächten. Um den Glamourfaktor ging es ihm dabei nie, im „Hertha-Echo“ fanden auch die anderen Sparten des Vereins ihren Platz, von den Keglern bis zur Gesangs­abteilung. Dazu kamen Fan-Themen, handverlesene Musik und jede Menge Interviews. Leverkusens damaliger Manager Reiner Calmund war vor dem Pokalfinale der Hertha-Bubis 1993 zu Gast, Kulttrainer Hans Meyer gab dem „Hertha-Echo“ ebenfalls die Ehre. Herthas früherer Strippenzieher Dieter Hoeneß meldete sich während Europapokal-Reisen telefonisch in der Sendung – auch das: „heute undenkbar“. Ex-Trainer Jos Luhukay kam mit seiner Frau, der frühere Kapitän Peter Niemeyer rief zur 600. Sendung aus Darmstadt an, und natürlich saß auch Niko Kovac zu seiner Berliner Zeit mehrfach vor dem Mikro.

Warum das alles am Sonnabend (11 bis 13 Uhr, 91,0 MHz) ein Ende haben soll? Weil Sangel (59) und seine Kollegen nicht jünger werden, die Bandscheibe zwickt und 30 Jahre eine runde Sache sind – nicht zuletzt aber auch, weil sich die Welt weitergedreht hat. Spieler und Klubs betreiben längst ihre eigenen Medienkanäle, News wandern in sozialen Netzwerken in Sekundenschnelle um die Welt, und das Nutzungsverhalten der Konsumenten hat sich stark individualisiert. Was einst eine Institution war, muss heute um Aufmerksamkeit kämpfen, zudem hat sich der Zugang zu den Protagonisten arg erschwert. Früher hatte Sangel die Privatnummer von Bayern-Boss Uli Hoeneß. Heute – na klar – undenkbar.

Mit der Sendung geht ein Stück Hertha-Historie

Ein wenig ironisch mutet es trotzdem an, wenn das letzte „Hertha-Echo“ nun verhallt, schließlich erleben Audioformate zurzeit eine Renaissance, nur dass sie heutzutage Podcast heißen. „Manch einer behauptet, wir wären der erste Hertha-Podcast überhaupt gewesen“, sagt Sangel und muss schmunzeln, „bei uns wurde ja auch wirklich viel geredet.“ Seine digitalen Erben verfolgt er mit Interesse, hört aber oft „zu viel Gequatsche“ und dafür zu wenig Hintergrundwissen und Stringenz, außerdem fehlt ihm als „Radiomensch“ die Musik.

Keine Frage: Mit dem „Hertha-Echo“ geht nicht nur ein Stück Hertha-Historie, sondern auch ein Stück Fan-Kultur, für die in der perfekt durchgestylten Hochglanzwelt des Fußballs kaum noch Platz zu sein scheint. Früher waren Sangel und Co. ihrer Zeit voraus, mittlerweile wurden sie von ihr überholt. Ihr Enthusiasmus, Herzblut und ihre Leidenschaft werden trotzdem legendär bleiben, denn ein zweites „Hertha-Echo“ scheint: heute undenkbar.