Bundesliga

Hertha und Lukas Klünter – Augen zu und durch

Hertha braucht in Gladbach frische Kräfte. Nicht der einzige Grund, warum Startelf-Debütant Lukas Klünter plötzlich Hoffnungsträger ist

Foto: Stuart Franklin / Bongarts/Getty Images

Berlin.  Lukas Klünter muss vermutlich selbst darüber schmunzeln, wie schnell seine Karriere gerade Fahrt aufnimmt. Bis Mittwochabend hatte Herthas Sommerzugang lediglich eine Pflichtspielminute in Blau-Weiß absolviert, dann durfte er plötzlich die ganz große Bühne betreten. K.o.-Spiel gegen die Bayern, ausverkauftes Olympiastadion und Flutlicht-Atmosphäre – mehr noch, Joker Klünter hätte an diesem denkwürdigen Abend mit seiner Chance in der 83. Minute sogar für ein Pokalwunder sorgen können. Es sollte zwar anders kommen, aber als kleiner Gewinner durfte sich der Rechtsverteidiger nach seinem 38-Minuten-Einsatz trotzdem fühlen. Heute in Mönchengladbach (15.30 Uhr, Sky) wird er erstmals in Herthas Startelf stehen.

Endlich einmal scheint es der Fußball-Gott gut zu meinen mit dem 22-Jährigen, nachdem er ihm zuletzt einige Prüfungen auferlegt hatte. Sonst war er es, der von Verletzungen zurückgeworfen wurde, nun hadern andere mit dem Schicksal. Rechtsverteidiger Nummer eins, Valentino Lazaro, ist gesperrt und Routinier Peter Pekarik verletzt. Umstände, die es Hertha-Coach Pal Dardai nicht einfacher machen. Nach den 120 hart umkämpften Minuten gegen die Bayern dürften seine Spieler ohnehin nicht gerade vor Energie strotzen, Gladbach hingegen surft nach zwölf Heimsiegen auf einer Mischung aus Rekordkurs und BVB-Jäger-Euphorie. Dass manch Hertha-Fan schon von einem Himmelfahrtskommando unkt, kommt nicht von ungefähr.

Der Rheinländer steht vor einem persönlichen Derby

Mit Klünter wird Dardai („er ist unser schnellster Spieler im Kader“) aber zumindest eine frische Kraft zur Verfügung stehen – und eine maximal motivierte obendrein. Für den gebürtigen Rheinländer wird die Partie in der alten Heimat nicht nur wegen seiner Startelf-Premiere emotional, auch wegen seiner Prägung. In der Jugend wurde er einst von Mönchengladbach umworben, was sportlich eine verlockende Perspektive war, gefühlt jedoch nicht. „Für mich war damals klar, dass es nur einen Verein geben kann“, hat Klünter mal erzählt, „und das war der FC.“

Seit Kindertagen war Köln sein Klub, hier ging er mit seinen Kumpels ins Stadion, träumte davon, eines Tages selbst den Geißbock auf der Brust zu tragen. Und da die Liebe zum FC fast qua Naturgesetz mit einer Abneigung gegen den Rivalen Gladbach einhergeht, scheint Klünters Chance nun zum perfekten Zeitpunkt zu kommen. Zu seinem ganz persönlichen Derby.

Gegner Borussia will einen Uralt-Rekord knacken

Inzwischen schlagen längst zwei Herzen in seiner Brust. Auf seinem Instagram-Profil hat er ein Porträt von sich gepostet. Klünter halb und halb, zur Hälfte im Köln-Trikot, zur Hälfte in Blau-Weiß. Als es in der Winterpause Anfragen aus der Bundesliga gab, entschied er sich, in Berlin zu bleiben, obwohl er bis dahin nur dreimal im Bundesliga-Kader stand. Aufgeben ist nicht sein Ding, Klünter will sich durchbeißen. Augen zu und durch, beharrlich, konzentriert und mit dem Glauben an sich selbst – eine Einstellung, die nicht nur er, sondern das gesamte Team heute brauchen wird. Denn die Aufgabe beim Tabellenzweiten hat es in sich.

Mit drei Siegen ist die Borussia ins neue Jahr gestartet, dreimal stand dabei die Null. Nun steuern die „Fohlen“ auf eine denkwürdige Bestmarke zu. 13 Heimsiege in Serie würden den bisherigen Rekord aus der Saison 1983/84 (unter Jupp Heynckes) übertrumpfen. „Ein Rekord ist für mich nur ein Rekord, wenn man ihn allein hat“, sagte Trainer Dieter Hecking, der den Höhenflug vor 35 Jahren als 19 Jahre alter Reservist bei der Borussia erlebte.

Seine Kritiker hat der 54-Jährige mittlerweile verstummen lassen. Noch im Vorjahr wurde seine Spielidee als durschaubar gegeißelt, als zu eindimensional, zu langweilig auch. Vorwürfe, die seinem Berliner Kollegen nicht fremd sind, aber ähnlich wie Pal Dardai hat auch Hecking sich ein Stück weit neu erfunden.

Parallelen zwischen den Trainern Dardai und Hecking

Das in Gladbach seit Zeiten von Trainer Lucien Favre kultivierte 4-4-2-System legte er zum Saisonstart ad acta, etablierte stattdessen ein 4-3-3. Ein Plan, der auch deshalb aufging, weil er Flügelspieler Jonas Hofmann zum zentralen Mittelfeldspieler umschulte. Seither ist der 26-Jährige nicht nur auf dem Platz so wertvoll wie nie zuvor, auch sein Marktwert hat sich auf zwölf Millionen Euro vervierfacht.

Dardai hat bei Hertha ein ähnlich gutes Händchen bewiesen. Seit er Lazaro zum Rechtsverteidiger gemacht hat, wird der Österreicher mit 17 statt zuvor neun Millionen Euro taxiert. Nun aber muss der Publikumsliebling passen. Eine Gelegenheit für Klünter, die er konsequenter nutzen will als seine Torchance gegen die Bayern. Vielleicht hilft ja die Erinnerung an sein Startelf-Debüt für Köln im April 2017. Damals gewann der FC gegen Frankfurt mit 1:0 – und blieb erstmals seit zwei Monaten ohne Gegentor.