Immer Hertha

Hertha hat Sehnsucht nach Helden

Redakteur Jörn Lange schreibt über ein erstaunliches Phänomen: Herthas Fans feiern plötzlich den oft kritisierten Fabian Lustenberger.

Fabian Lustenberger verlässt Hertha.

Fabian Lustenberger verlässt Hertha.

Berlin. Nun geht er also. Fabian Lustenberger wird Hertha BSC im Sommer verlassen, als dienstältester Berliner Profi, nach zwölf Jahren, sieben Trainerwechseln und unzähligen Aufs und Abs. Das Label „verdienter Herthaner“ wird am Schweizer haften bleiben wie Kaugummi an Schuhsohlen, aber über die Welle der Sympathie, die ihm in diesen Tagen entgegenschlägt, habe ich doch etwas gestaunt.

In den sozialen Medien würdigten ihn die Fans als Mischform aus „Berliner Größe“ und „Hertha-Ikone“, dabei zählte er bis dahin zu den umstrittensten Hertha-Spielern überhaupt. Für einen modernen Sechser zu defensiv, für einen Innenverteidiger zu schmächtig und als Führungsspieler nicht laut genug – Jahr für Jahr wiederholte sich diese Kritik, doch Lustenberger ließ sie stoisch über sich ergehen. Eine Beharrlichkeit, die sich nun in einer besonderen Währung bezahlt macht. In Fanliebe und Anerkennung.

Seine sportlichen Leistungen mögen kontrovers diskutiert worden sein, aber die Werte, die Lustenberger verkörpert, haben heute denselben hohen Stellenwert wie 2007, als er aus Luzern nach Berlin kam. Der 30-Jährige gilt als zuverlässig, teamfähig, fleißig und loyal, er verkörpert Eigenschaften, die selten geworden sind in einer Branche voller sich selbst vermarktender Ich-AGs.

Größte Erfolge: Aufstiege 2011 und 2013

Trotzdem wird Lustenberger ein Hertha-Held zweiter Klasse bleiben, was despektierlicher klingt, als ich es meine. Fakt ist aber: Zu seinen größten Erfolgen in Blau-Weiß zählen die Aufstiege aus der Zweiten Liga 2011 und 2013. Zudem zählt Lustenberger nun mal nicht zu der Gattung Spieler, die die Fantasie der Fans beflügelt. Für spektakuläre Tore und markige Sprüche waren andere zuständig, von extravaganten Outfits ganz zu schweigen.

Dass ihm auf der Schlussrunde seiner Hertha-Karriere nun doch noch die Herzen des eigenen Anhangs zufliegen, freut mich für ihn, aber es zeigt auch, wie sehr die Fans nach Identifikationsfiguren lechzen. Jene lassen sich gemeinhin in drei Kategorien einteilen. Erstens: die Eigengewächse – Jungs, die es aus der eigenen Jugend bis in die Bundesliga geschafft haben. Das Problem dabei: Aufgrund ihres überbordenden Talents werden sie oft schon abgeworben, ehe sie Klublegenden werden können.

Beispiele finden sich unter B wie Brooks oder Boateng. Zweitens: pflichtbewusste Malochertypen à la Pal Dardai, Levan Kobiashvili oder eben Lustenberger, die spielentscheidende Aktionen jedoch eher verhindern als kreieren. Letzteres bleibt in der Regel das Privileg der dritten Kategorie: die Unterschiedspieler und Filous, die Draufgängertypen und genialischen Schlitzohren – Stars wie Herthas Marcelinho oder dessen Westentaschenversion Ronny, wobei das Zweite-Klasse-Prädikat auf Letztgenannten noch mehr zutrifft als auf Lustenberger.

Nur drei Tore in über 200 Spielen

Stellt man sich die unterschiedlichen Kategorien als Quartettspiel vor, wäre die Trumpfkarte klar. Tore sticht (Vereins-)Folklore, am Ende macht einen die Leistung zum Publikumsliebling, ansonsten reicht es bestenfalls für die Rubrik „Kultkicker“.

Das mit den Volltreffern war nur selten Lustenbergers Ding. In 207 Bundesligaspielen gelangen ihm überschaubare drei Tore. Einer seiner Kollegen gibt sich dafür deutlich treffsicherer und schickt sich an, eine Lustenberger-Laufbahn im Eiltempo zu meistern. Ondrej Duda hat in dieser Saison bereits neun Tore erzielt, er ist auf dem besten Weg zum neuen Hertha-Helden, dabei hatte er – wie einst Lustenberger – zunächst mit hartnäckigen Verletzungen zu kämpfen und wurde von manch Fan als Fehleinkauf abgestempelt.

Nun aber liegt ihm der Berliner Anhang mit jedem Tor mehr zu Füßen. Führt Duda seine eindrucksvolle Saison fort, wird er den Namen Lustenberger womöglich bald überstrahlen – vorausgesetzt, er hält Hertha noch ein paar Jahre die Treue. Wie gesagt, die Sehnsucht nach Helden ist groß, und die nächste Gelegenheit, sich unsterblich zu machen, steht schon vor der Tür. Mittwoch im Achtelfinale des DFB-Pokals zum Beispiel, im heimischen Olympiastadion gegen den FC Bayern.

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