BUNDESLIGA

Hertha besser als gedacht

Hertha startet mit vier Punkten ins neue Jahr, spielt taktisch flexibel und verblüfft die Liga mit einer Traumkombination

Hertha feiert einen Traumkombination und das 1:1 gegen Schalke durch Torschütze Marko Grujic (Nr. 15).

Hertha feiert einen Traumkombination und das 1:1 gegen Schalke durch Torschütze Marko Grujic (Nr. 15).

Foto: Fishing4

Berlin.  Der Trainer geriet noch am Tag danach ins Schwärmen: „Das war kein Tor des Monats, das war der Angriff des Jahrzehnts. Das macht mir jetzt noch Gänsehaut.“ Die Rede war von einem Hochgeschwindigkeitsangriff vom Hertha-Strafraum über die Stationen Ondrej Duda, Marko Grujic auf Arne Maier. Der passte, mittlerweile am gegnerischen Strafraum angekommen, auf Duda, der entgegen seiner Laufrichtung den Ball mit der Hacke auf den mitgelaufenen Grujic passte - der schob den Ball cool an Schalkes Torwart Alexander Nübel vorbei ins Tor. Es war der Treffer zum 1:1. Am Ende ging die Partie zwischen Hertha BSC und Schalke 2:2 aus. Doch dieser Elf-Sekunden-Angriff erregte Aufsehen. Außenverteidiger Valentino Lazaro sagte zum 1700. Bundesliga-Heimtor der Gast­geber: „Das war der beste ­Konter, seit ich in Berlin bin.“

Auch der Chef war begeistert. „Wir hatten Jahre, in denen wir kein einziges Kontertor geschossen haben“, erinnerte sich Pal Dardai. „Wie die Jungs den Angriff gespielt haben, wie der Ball mit ein, zwei Kontakten zirkuliert - das kannst du nicht verteidigen.“ Dardai war immer noch nicht fertig. Zu der Hackenvorlage ohne Augenkontakt von Duda auf Grujic sagte er: „Der Pass ist die Sahne darauf, das kann nur ­Duda, deshalb ist er unsere Nummer 10.“

Hertha steckt nicht nur ein, sondern teilt auch aus

Spielmacher Duda sagte: „Vor dem Tor sehe ich, dass der Verteidiger auf einen Pass nach linksaußen spekuliert, deshalb habe ich versucht, den Ball zu Marko zu bringen. Das hat gut geklappt. Schalke ist ein gutes Team, der Punkt geht in Ordnung. Für uns ist wichtig, dass die positive Serie Bestand hat.“ Es läuft bei Hertha besser als gedacht. Statt als Rückrunden-Muffel wie in den Jahren zuvor ist der blau-weiße Jahrgang diesmal mit vier Punkten aus den ersten beiden Partien im neuen Jahr sehr ordentlich unterwegs.

Die 43.000 Zuschauer im Kühlschrank Olympiastadion bekamen einiges geboten. Gegen lauf- und kombinationsstarke Gäste zeigte Hertha nicht nur attraktive Offensivaktionen, sondern hielt auch mit Leidenschaft dagegen. „Wir haben ein Gesicht gezeigt, das ich mir schon lange ­wünsche“, sagte Dardai. „Es war ein ­aggressives Spiel, auch von uns. Wir haben nicht nur eingesteckt, wir haben auch ­ausgeteilt.“ Hart traf es den Schalker Alessandro Schöpf. Der zog sich bei einem Foul von Karim ­Rekik einen Außenbandriss und eine Kapselverletzung zu.

Mittelfeld-Raute statt 3-5-2

Zudem bewies Hertha taktische Flexibilität. Weil auf der linken Seite Rekik und Marvin Plattenhardt statt wie gefordert nach vorn zu verteidigen, im Zweifel ein, zwei Schritte nach hinten gingen, änderte Trainer Dardai das System. Statt der Dreier-Abwehrkette wurde auf eine 4-4-2-Taktik mit einer Raute im Mittelfeld umgestellt. Das erforderte vor allem von den zentralen Mittelfeldspielern Fabian Lustenberger, Arne Maier und Marko Grujic eine hohe Laufbereitschaft. Und zwar weniger, wie Profis es mögen, hoch und runter zwischen den Strafräumen: Es ging oft von rechts nach links und ­wieder zurück. „Viel quer zu laufen, verlangt eine gute Mentalität“, sagte Dardai. „Wir sind stolz, wie sehr die drei für die Mannschaft geackert haben.“ Nach der Umstellung war Hertha ­sofort besser im Geschehen.

Es gelang nicht nur das 1:1, sondern nach Vorarbeit von Davie Selke unmittelbar vor der Pause das 2:2, das Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic köpfte. „Dass wir den 2:1-Vorsprung nicht in die Pause bringen konnten, war der Knackpunkt“, haderte Schalkes Trainer Domenico Tedesco mit dem erneuten Berliner Ausgleich.

Tedesco lobt Hertha-Torwart Jarstein

Und einen weiteren Grund hatte Tedesco ausgemacht für das Unentschieden: ­„Rune Jarstein hat in der zweiten Halbzeit zweimal super gehalten.“ Sein Berliner Kollege ordnete die Paraden des norwegischen Nationaltorwartes gegen Suat Serdar (71.) und Steven Skrzybski (73.) als Wiedergutmachung ein. „Damit hat er das 0:1 ausgebügelt“, sagte Dardai. „Ein guter Rune hält den Schuss (von Yevhen Konoplyanka/ Anm.d.Red), da gab es einen Schrittfehler. Am Ende hat er alles korrigiert. Wir wissen, dass Rune eine große ­Qualität hat“, so der Ungar.

Grujic bewies seinen Wert nicht nur mit seinem zweiten Saisontreffer. Die Leihgabe vom FC Liverpool baute auch die Grujic-Statistik aus. Mit dem Mittelfeldspieler hat Hertha noch nie verloren (sechs Siege, drei Remis). Die „Ohne-Grujic-Tabelle“: ein Sieg, vier Remis, fünf Niederlagen. Eigentlich wollte der Trainer Grujic, gerade erst von einer Sprunggelenksverletzung genesen, nicht 90 Minuten auf dem Platz lassen. „Wir brauchen bald ein Funkgerät für Marko“, erzählte Dardai. „Ich habe ihn alle fünf, sechs Minuten gefragt: Geht es noch? Marko hat immer signalisiert: Ja, geht noch.“ Am Ende spielte Grujic durch. Und sagte: „Schalke ist eine der besten Mannschaften der Liga, sie spielen Champions League. Der Punkt ist gut für uns.“