Interview

Hertha-Manager Preetz – „Die Selbstzufriedenheit muss raus“

Manager Michael Preetz nimmt Herthas Team in die Pflicht – und will 2019 die Weichen für die Zukunft des Klubs stellen

Foto: Reto Klar

Berlin.  Michael Preetz wirkt erholt. Den Jahreswechsel hat Herthas Manager genutzt, um mit der Familie etwas Sonne zu tanken. „Das haben wir so selten“, sagt er, „das hat schon gut getan.“ Spätestens am heutigen Sonntag steckt der 51-Jährige jedoch wieder mittendrin im Bundesliga-Alltag, dann starten die Berliner beim 1. FC Nürnberg in die Rückrunde (15.30 Uhr, Sky). In der Morgenpost spricht Preetz über seine kritische Botschaft an das Team, das Entwicklungspotenzial des Trainers, den Stand der Stadion-Diskussion und den Dialog mit der Berliner Politik.

Herr Preetz, ­welche Botschaft haben Sie dem Team für die Rückrunde mit auf den Weg gegeben?

Michael Preetz: Es ist nicht jedes Jahr so, dass mehr zu erreichen ist als das eigentliche Saisonziel. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wir sind im Zielkorridor, aber mir geht es darum, die Sinne zu schärfen. Es gibt Chancen und Risiken, und ich würde gern die Chancen suchen, deshalb habe ich ein paar Takte ans Team gerichtet. Jetzt erwarte ich einen entsprechend ­fokussierten Auftritt in Nürnberg.

Sie haben ähnliche Situationen als Spieler erlebt. Warum braucht es manchmal eine Ansprache, die nicht vom Trainer kommt?

Ich bin kein großer Freund von inflationären Ansprachen, aber jetzt war der richtige Zeitpunkt. Ich wollte klar ­aufzeigen, was die Erwartung ist.

Sie kritisieren etwa fehlende Gier – und das nicht zum ersten Mal. Scheitert die ­Mannschaft an sich selbst?

So etwas möchte man sich als Spieler eigentlich nicht vorwerfen lassen. Es ist zumindest auffällig, dass wir uns in den „großen“ Spielen total fokussieren, alles abrufen und die Menschen begeistern. Das wollen wir deutlich häufiger sehen. Das ist der Auftrag an die Spieler.

Die Erwartungshaltung hat sich nach dem starken Saisonstart verändert. Aktuell herrscht eher Enttäuschung, dabei fehlen zur Europa League nur drei Punkte.

Dieser Eindruck ist aufgrund einiger guter Spiele entstanden, aber wir müssen auch aufpassen, dass die Ansprüche nicht zu schnell zu groß werden. Mir geht es am Ende gar nicht darum, ob wir auf Platz X oder Y einlaufen, sondern darum, dass wir die Tugenden, die diese Mannschaft in sich hat, auch häufiger zeigen. Ich bin lange genug Spieler ­gewesen, um zu wissen, dass es Ausrutscher gibt. Aber zuletzt hatten wir zu viele davon. Das Publikum hat ein gutes Gespür dafür.

Gewisse Muster wiederholen sich. Gegen Topteams zeigt sich Hertha meist von der besten Seite, gegen andere Gegner selten.

Auch das ist ein Thema, das ich mit den Spielern besprochen habe. Das zu ändern, beginnt im Kopf, in der mentalen Vorbereitung. Ich darf von einer Mannschaft keine Dinge erwarten, die sie nicht kann. Aber diese Mannschaft hat viel drauf, und deswegen fordern wir das auch ein. Nürnberg muss für uns wie Bayern München sein.

Auch die vielen frühen Gegentore fielen auf. Braucht es in der Kabine andere Reize?

Wenn sich so etwas wiederholt, muss man schon auch die Abläufe hinter­fragen, klar. Das fängt beim Einstieg in die Trainingswoche an und geht bis zum Aufwärmen vor dem Spiel. Da ist jeder Einzelne gefordert.

Ein drittes Muster sind die chronisch enttäuschenden Rückrunden. Messen Sie die Weiterentwicklung des Trainers auch ­daran, ob er dieses Manko abstellen kann?

Es wäre jedenfalls nichts schlimmer, als zu sagen: war schon immer so, wir ­ergeben uns. Wir können das ändern.

Pep Guardiola hat die These geprägt, dass ein Trainer nicht länger als drei Jahre bei einem Klub bleiben sollte. Pal Dardai ­befindet sich in seiner vierten vollen Saison.

Ich glaube, dass man auch von innen neue Impulse setzen kann. Dazu muss man sich immer auch ein Stück weit neu erfinden, neue Ansprachen entwickeln oder mit neuen Trainingsformen überraschen. Pal ist immer noch jung, steht immer noch am Anfang seiner Trainerlaufbahn. Er kann sich in dieser Hinsicht sicherlich noch weiterentwickeln.

Die Mannschaft ist einerseits krisenfest, auf der anderen Seite fehlt Konstanz. Ist ­Hertha stabil oder fragil?

Das ist eine Frage, die wir auch intern kontrovers diskutieren: Inwieweit ist das Team in der Lage, mit Druck umzugehen? Wenn der Druck da ist, Ergebnisse liefern zu müssen, war es häufig in der Lage zu liefern. In anderen Situationen hat das nicht geklappt. Deshalb geht das Thema für mich eher Richtung Selbstzufriedenheit. Und die müssen wir rausbekommen. Das will ich sehen.

Den Fans geht es nicht anders.

Richtig, dafür kommen die Leute ins Stadion. Das WM-Spiel der deutschen Handballer gegen Frankreich war ein wunderbares Beispiel dafür. Wenn du alles abrufst, begeisternd spielst und am Ende den Sieg noch aus der Hand gibst, wird das trotzdem gefeiert wie ein ­Erfolg. Das muss unser Anspruch sein.

Einer, der stellvertretend für Herthas zwei Gesichter stand, war Ondrej Duda.

Aber ich würde es nicht fair finden, das an ihm festzumachen. Fakt ist: Der Junge hat einen Riesenschritt gemacht, hat in seiner dritten Saison für uns endlich zeigen können, weshalb wir ihn geholt haben. Er hat großartige Möglichkeiten, aber auch er ist davon abhängig, dass das Gesamtgefüge der Mannschaft funktioniert. Wenn wir über die Flut der Gegentore sprechen, ist das eine Frage der Kompaktheit des gesamten Teams, nicht nur der Abwehr. Für Torgefahr gilt das gleiche. Es geht mit einer guten Spieleröffnung los.

Bis zum Sommer laufen diverse Verträge aus. Kapitän Vedad Ibisevic wird 35.

Vedad hat Qualität, und Qualität geht grundsätzlich vor Alter. In der Hinrunde war er ganz wichtig für uns und wird es sicherlich auch in der Rückrunde sein. Wir werden unsere Interessen in den kommenden Monaten abgleichen. Letztlich entscheidet immer der Spieler.

Fabian Lustenberger und Per Skjelbred ­genießen hohe Wertschätzung, stehen aber nicht für den Fußball der Zukunft.

Beide sind gute Fußballer und wichtig für das Gesamtgefüge, ob sie nun ­spielen oder nicht. Wir sind froh, dass wir beide haben, aber eine Zukunftsprognose ist momentan schwierig.

Große Hoffnungen liegen auf Liverpool-Leihgabe Marko Grujic. Können Sie ihn ein weiteres Jahr in Berlin halten?

Erstmal bin ich froh, dass er nach seiner Verletzung wieder auf dem Trainingsplatz steht. Alles andere werden wir zu gegebener Zeit mit ihm und dem FC ­Liverpool besprechen.

Co-Trainer Rainer Widmayer wird Hertha im Sommer hingegen verlassen. Wie schwer wiegt dieser Abgang?

Er hat den Wunsch geäußert, aus ­familiären Gründen in seine Heimat zurückzukehren, am liebsten schon früher. Das ist völlig in Ordnung, aber wir möchten die Saison gern mit ihm beenden. Wie wir den Posten nachbesetzen, entscheiden wir ab Mai.

Bis zum 31. Januar könnten Sie den Kader noch optimieren.

Aktuell planen wir das nicht. Auf der Abgangsseite kann sich möglicherweise noch mal etwas tun, der Markt ist in Bewegung. 2018 hat Sebastian Langkamp kurzfristig gefragt, ob er nach Bremen wechseln kann. So etwas kann immer passieren, genauso kann immer eine Gelegenheit auf dem Tisch liegen.

Mit Pascal Köpke, Lukas Klünter und ­Derrick Luckassen haben drei Zugänge ­keine Rolle gespielt.

Das muss man unterschiedlich bewerten. Mit der Entwicklung von Pascal sind wir sehr zufrieden, aber wir haben nun mal häufig mit einer Spitze gespielt, da hatte er durch die hochkarätige Konkurrenz wenige Möglichkeiten auf Einsatzzeiten. Lukas hat sich zum Saisonstart verletzt. Danach hat sich Valentino auf seiner Position unentbehrlich gemacht, aber er wird jetzt noch mal angreifen. Derrick ist seinem großen Ehrgeiz zum Opfer gefallen. Er hat leider viel zu lange mit einer Verletzung ­gespielt. Jetzt muss er erstmal wieder gesund werden. Ich hoffe, dass wir seine Qualitäten in dieser Rückrunde noch ­sehen werden.

Hochspannend wird dieses Jahr wegen der Stadionfrage. Wie zufrieden sind Sie mit dem Stand der Entwicklung?

Ich bin dann zufrieden, wenn wir einen Durchbruch haben – in der Entscheidung, dass wir auf dem Gelände des Olympiaparks ein neues Stadion bauen können. Das ist unser erklärtes Ziel. ­Daran arbeiten wir mit Hochdruck, aber es ist ein komplexes Thema.

Wieso ist es Hertha noch nicht gelungen, den Senat für seine Pläne zu begeistern?

Ich sehe keine großen Widerstände. Es ist das gute Recht der Abgeordneten, vor einer Entscheidung Antworten auf ihre Fragen zu erhalten. Wir versuchen jedenfalls weiter, unseren Enthusiasmus auf die Entscheider zu übertragen.

Eigentlich wollten Sie Ende 2018 Klarheit haben, etwa in Bezug auf das Erbbaurecht.

Wir liegen noch im Zeitplan, arbeiten intensiv auf eine Entscheidung in den nächsten Monaten hin.

Zu Ihren Aufgaben zählt, den 24 ­Mietparteien in der Sportforumstraße ­Ausweichquartiere anzubieten.

Wir sind mit dem Eigentümer im ­Gespräch und zuversichtlich, dass wir die Situation zur Zufriedenheit der ­Mieter lösen können.

Das Wertgutachten für das Baugrundstück verzögert sich, der ursprüngliche Zeitplan scheint kaum zu halten. Was, wenn im zweiten Quartal 2019 kein Erbbaurechtsvertrag zustande kommt? Ist das Projekt auf dem Olympiagelände dann gestorben?

Das Gutachten soll in den nächsten Wochen vorliegen. Wir sind optimistisch, dass wir innerhalb des Zeitplans eine positive Entscheidung erreichen ­werden. Das Thema ist für Hertha BSC und Berlin gleichermaßen wichtig.

Noch spielt Hertha im Olympiastadion. Wieso ist der Zuschauerschnitt in dieser Saison um 5000 Besucher gestiegen?

Ich glaube, es sind verschiedene Aspekte. Die Free-Kids4free-Aktion (die pro Spiel von rund 3000 Kindern unter 14 Jahren wahrgenommen wird/Anm. d. Red.) ist eine tolle Geschichte, unsere Kampagne in den Kiezen inklusive der Kiez-Trainings spielt sicher auch eine Rolle. Man muss aber ehrlicherweise auch sagen, dass die Ansetzungen eine Rolle spielen. Sonnabend um 15.30 Uhr kommen nun mal mehr Menschen als Freitagabend oder Sonntag. So oder so: Das Ziel, den Zuschauerschnitt zu steigern, bleibt für uns ein Dauerthema.

Der Zwist mit der aktiven Fan-Szene hat sich entspannt. Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie sich wieder an einen Tisch gesetzt haben?

Letztlich die Eskalationsstufen. Zuletzt herrschte ein Zustand, der für niemanden befriedigend war. Jeder Fan wünscht sich ein Stadion mit guter Stimmung, in dem es Spaß macht, seinem Hobby nachzugehen. Das Warum ist für mich gar nicht mehr erheblich. Wichtig ist nur, dass wir wieder auf einer sachlichen Eben miteinander ­reden. Wir stehen da noch ganz am ­Anfang, werten das aber positiv.

Zurück zum Sportlichen: Eine Mannschaft aus Herthas Gewichtsklasse, die offenbar kein Problem mit Gier und Wille hat, ist Eintracht Frankfurt. Zweimal Pokalfinale, begeisternde Auftritte in Europa – blicken Sie manchmal etwas neidisch nach Hessen?

Die Eintracht spielt eine tolle Runde, keine Frage. Was sie von uns abhebt, sind vor allem die Leistungen im Pokal. Der nächste große Unterschied ist, wie sie das Thema Europa League auch als Stadt umgesetzt haben. In Frankfurt waren die Spiele schon ausverkauft, ehe die Ansetzungen feststanden. Stellen Sie sich das mal in Berlin vor.

Ins Olympiastadion kamen zur Europa League nur gut 20.000 Zuschauer im Schnitt …

Richtig, und es ist ein Unterschied, ob man vor 20.000 oder 50.000 Zuschauern einläuft – von 75.000 ganz zu schweigen. Wir wissen, was das mit einer Mannschaft macht. Ansonsten sind wir nicht so wahnsinnig weit weg von der Eintracht. Die letzten direkten Duelle haben wir gewonnen.

Frankfurt hat auch gezeigt, dass es möglich ist, im Pokal den FC Bayern zu schlagen. Eine Inspiration für Herthas Pokal-Duell gegen München am 6. Februar?

Wir haben in den letzten Jahren häufiger gute Ergebnisse gegen die Bayern erzielt. In dieser Saison haben wir sie geschlagen, daraus ziehen wir Zuversicht. Es wird stimmungsvoll, das Stadion wird wahrscheinlich ausverkauft sein, das wird ein echtes Highlight. Wir brauchen an diesem Tag das, was uns auch in den großen Spielen der Hinrunde ausgezeichnet hat: totalen Fokus, Mut und Leidenschaft. Wenn dann noch ein wenig Spielglück dazu kommt, ist alles möglich.

Wenn Sie die Wahl hätten: Pokalfinale oder Europa-League-Qualifikation?

Pokalfinale.

Wenn Sie darüber hinaus drei Wünsche für 2019 äußern dürften?

Gesundheit ist das Wichtigste. Dazu eine Weiterentwicklung unserer Mannschaft und eine positive Lösung in der Stadionfrage.

Letztere wird die Zukunft des Klubs maßgeblich prägen. Wird 2019 das wichtigste Jahr seit Langem für Hertha BSC?

Es kann für uns ein richtungsweisendes Jahr werden.