Immer Hertha

Wer ist Michael Preetz – und wenn ja, wie viele?

Beim Fußball-Salon im Deutschen Theater zeigt Herthas Manager zwei Gesichter. Das erinnert an seinen Verein, findet Jörn Lange.

Herthas Manager Michael Preetz kann manchmal ziemlich lustig sein, findet Jörn Lange

Herthas Manager Michael Preetz kann manchmal ziemlich lustig sein, findet Jörn Lange

Foto: pa/Reto Klar

Berlin. Vielleicht lag es am intimen Rahmen. In der aparten Bar des Deutschen Theaters hatte sich am Dienstagabend ein überschaubarer Kreis von rund 70 Besuchern eingefunden. Eingeladen hatte der renommierte Fußball-Autor Christoph Biermann. Diesmal zu Gast in seinem „Fußball-Salon“: Michael Preetz (51), einst treffsicherer Hertha-Stürmer, inzwischen ähnlich treffsicherer Hertha-Manager und in der fußballfernen Umgebung ungewohnt locker. „Meine Tore habe ich überall gemacht“, sagt der Star des Abends, „ob im Sandkasten oder in der Nationalmannschaft.“ Erster Schuss, erster Treffer, das Publikum lacht – und ist positiv überrascht. Denn so locker sieht man Preetz nicht oft.

Im Alltag kann einem das Lachen vergehen

Tatsächlich ist seine unterhaltsame Seite im Alltag nur selten sichtbar. Die Fußball-Bundesliga ist ein hartes Geschäft, und wie schnell einem dort das Lachen vergehen kann, weiß er nur zu gut. Als Manager hat er zwei Abstiege zu verantworten, stand mehrfach im Kreuzfeuer der Kritik. Erfahrungen, die Spuren hinterlassen haben. In Interviews gibt Preetz den Medien-Profi, wählt wohldurchdachte Formulierungen und sagt nichts, was allzu angreifbar ist, aber genauso wenig, was Fans emotional packt. Nur diesmal ist das anders.

Seine Zeit als Spieler, von Biermann mit Videoclips untermalt, kommentiert Preetz mit sympathischer Selbstironie. Die absurd geschnittenen Trikots oder seine staksigen Bewegungsabläufe – das sehe aus heutiger Perspektive doch alles ein wenig komisch aus. In der Tat.

Launige Anekdoten mit trockenem Witz

Gekonnt streut Preetz launige Anek­doten ein, erzählt mit trockenem Witz von seinem früheren Coach Uwe Reinders, der ihn beim MSV Duisburg trotz fortgeschrittenen Alters in jedem Training an die Wand spielte. Oder von Übungsleiter Ewald Lienen, der seine Startelf eines Tages streng nach Laktatwerten aufstellen wollte. Die Folge: Aufgrund der Fülle an Offensivkräften musste der Stürmer Preetz plötzlich in der Abwehr auflaufen. Geschichten wie aus einem Land vor unserer Zeit, die von den Zuhörern fasziniert aufgesogen werden. Der nächste Pluspunkt für Preetz.

Je näher die Themen an die Jetztzeit rücken, desto mehr scheint jedoch eine feinstoffliche Veränderung vonstattenzugehen. Über die schwierigen Manager-Lehrjahre unter Dieter Hoeneß oder die Trennung von Trainer Lucien Favre („wenn ich alle Anekdoten zu ihm erzähle, haben wir drei Tage Spaß in den Gazetten“) hat die Zeit zwar inzwischen genügend Gras wachsen lassen, doch Stichworte wie Stadion, Imagekampagne oder Digitalisierung nehmen Preetz jede Lockerheit. Wie auf Knopfdruck greift er nun zu gut erprobten Sätzen, die zwar sachdienlich sind, aber so kühl und berechnet wirken, als wären sie durch einen Empathie-Filter gejagt worden. Wer ist Michael Preetz, mag sich manch Fußball-Salon-Besucher fragen – und wenn ja, wie viele?

Angst vor Umzug in eine „Plastikarena“

Dass die Diskussion nun zunehmend um die Frage kreist, warum Hertha nicht mehr Fans begeistert, passt da irgendwie ins Bild, schließlich geht es dem Klub ja ähnlich wie seinem Manager: Wenn sich das Team nicht allzu streng ans taktische Protokoll hält, sondern Mut zur Improvisation entwickelt, weiß es zu begeistern.

Auch in der Außendarstellung lassen sich Parallelen finden. Nicht wenige Fans empfanden Herthas Werbeslogans zuletzt als zu bemüht und konstruiert, als nicht authentisch genug. Dem Manager ist das nicht verborgen geblieben. Um neue Anhänger zu gewinnen, brauche es vor allem eins, sagt er: „Mehr emotionale Fußball-Momente.“

Die abschließende Fragerunde zeigt am Dienstag allerdings, wie vielschichtig die Fan-Ansichten sind. Einer wünscht sich mehr politische Statements, ein anderer möchte unbedingt im Olympiastadion bleiben, statt in eine „Plastikarena“ zu ziehen. Allen kann es Preetz ohnehin nicht recht machen. Doch zumindest findet er am Ende seine Lockerheit wieder. Die Vorlage, dass in Berlin jeder tun könne, was er will, verwandelt er souverän. „Wenn das so ist“, sagt er, „kann er eigentlich auch zu Hertha BSC ins Stadion gehen.“ Das nennt man dann wohl Abschluss-Stärke.

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