Hertha BSC

Athletik-Coach Kuchno sucht den Rückrunden-Schlüssel

Wie Athletik-Coach Henrik Kuchno mit neuen Methoden gegen Herthas Rückrundenschwäche und die vielen Verletzungen kämpft

Foto: Mathias Renner / City-Press GmbH

Berlin.  Das Thema treibt ihn um, und das nicht zum ersten Mal. Seit Jahren schon holt Hertha BSC in der Rückrunde zuverlässig weniger Punkte als in der Hinserie, aber eine Erklärung dafür fällt Henrik Kuchno schwer. „Mich nervt das auch unglaublich“, sagt der Athletik-Trainer des Fußball-Bundesligisten, „zumal in der Diskussion häufig auf die Fitness geschielt wird. Ich glaube aber nicht, dass es daran liegt. Da sind andere Faktoren im Spiel.“

Die physiologischen Parameter der Berliner Profis geben dem Sportwissenschaftler recht, zumindest förderten die Leistungsdaten bislang keine Auffälligkeiten zutage. Damit das auch in dieser Spielzeit so bleibt, lässt sich Kuchno (44) nicht nur von der Rückrundenschwäche umtreiben, sondern treibt seinerseits Herthas Spieler um – nämlich um den Schenckendorffplatz.

Am Dienstagvormittag machte er nach dem Mannschaftstraining zusätzliche Intervallläufe mit den Innenverteidigern Jordan Torunarigha (21) und Florian Baak (19), was er jedoch keinesfalls als Strafarbeit verstanden wissen wollte. „Wir versuchen, die Individualität mehr und mehr in den Vordergrund zu stellen“, erklärt er.

Belastungssteuerung immer individueller

Welcher Spieler braucht wann noch einen zusätzlichen Reiz? Welchen Anforderungen muss er auf seiner Position gerecht werden? Welche körperlichen Voraussetzungen bringt er mit? Fragen wie diese beschäftigen Kuchno und seinen Kollegen Hendrik Vieth (35) ständig in der täglichen Arbeit, natürlich auch jetzt, in der Wintervorbereitung.

Im Vergleich zu 2018 hat sich das Fitness-Duo etwas Neues einfallen lassen. „Der Weihnachtsplan war einen Tick anders als zuletzt“, sagt Kuchno. „Wir haben versucht, die Jungs nicht zu viel machen zu lassen, aber das, was sie machen sollten, war intensiv.“ Erledigt wurden die Hausaufgaben offenbar gewissenhaft. Die Werte der Spieler sind im Soll, und dass sich einzelne Profis durchmogeln können, so wie es dem früheren Nationalspieler Stefan Kießling nach eigenen Angaben häufiger gelang, hält Kuchno heute für ausgeschlossen. Zu viele Messdaten, zu hohe Anforderungen – „das würd’ ich merken“, sagt der Mann mit der Drill-Sergeant-Stimme trocken.

Tatsächlich steht der medizinischen Abteilung inzwischen eine gewaltige Fülle an Informationen zur Verfügung, etwa durch Pulsuhren oder GPS-Sender, die die Laufleistung erfassen. Schon nach dem Aufstehen geben die Spieler in einer App an, wie sie geschlafen haben und sich fühlen. Später wird in der Kabine die Herzratenvariabilität gemessen, die Auskunft darüber gibt, wie das Training des Vortags verkraftet wurde. Bei Bedarf folgen Blutabnahmen oder persönliche Gespräche. Bei zu hoher Beanspruchung trainieren einzelne Profis individuell im Kraftraum, statt mit der Mannschaft.

Neues Trainingszentrum für eine Million Euro

„Prävention zählt bei den Jungs zwar nicht zu den Lieblingsübungen“, weiß Kuchno, „aber das Verständnis dafür wächst.“ Die Spieler haben gemerkt: Das Thema Verletzungen ist bei Hertha ähnlich gegenwärtig wie die chronische Rückrundenschwäche.

Auch für Kuchno sind die vielen Ausfälle stärker ins Blickfeld gerückt. „Kontaktverletzungen wie bei Marko Grujic oder Davie Selke lassen sich kaum vermeiden“, sagt er, „muskuläre Verletzungen aber schon eher.“ Aktuell sind Mathew Leckie und Javairo Dilrosun von Muskelblessuren betroffen. Der gerade ins Training zurückgekehrte Karim Rekik verpasste vor der Winterpause sechs Spiele wegen eines Faserrisses. Kuchno will das Krafttraining daher anpassen und alternative Methoden ausprobieren.

Besonders freut sich Herthas Schleifer dabei auf sein neues Reich: Im Januar soll das neue, eine Million Euro teure Trainingszentrum in der Nachwuchsakademie eröffnen. „Für einen Sportwissenschaftler ist das ein Paradies“, sagt Kuchno, „das lässt mein Herz wirklich höher schlagen.“

Neue Tools für mehr Schnelligkeit

Er selbst war bei der Planung von Beginn an involviert. Nun bekommt er Geräte, die er sich lange gewünscht hat – von einem „Speed-Court“ für verbesserte Orientierung und Handlungsschnelligkeit bis zu einer Sprintstrecke mit Lichtschranken. Gerade im Komplex Schnelligkeit sieht der Fitness-Coach noch viel Potenzial, vor allem durch gezieltes Training in der Jugend. „Mit der neuen Einrichtung brauchen wir uns in der Liga vor niemandem zu verstecken“, sagt er.

Durch den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt liebt Kuchno, der schon von 2008 bis 2013 bei Hertha arbeitete und 2015 nach einem Intermezzo auf Schalke zurückkehrte, seinen Job mehr denn je. Demnächst wird er sich im Bereich Neuroathletik (Nervensystem-Training) fortbilden, und seine Datenbanken füttert und interpretiert er ohnehin so ausgiebig, dass es „zu Hause schon böse Blicke“ gibt. Das nimmt er in Kauf. Für weniger Verletzungen und mehr Rückrunden-Punkte – wohlwissend, dass sein Einfluss Grenzen hat. „Bei Schlaf, Ernährung und Fokus“, sagt Kuchno, „muss jeder Einzelne ein Profi sein.“