Fussball

„Eisen Karl“ und das Leben nach dem Wettskandal

Einst stieg Steffen Karl mit Hertha in die Bundesliga auf und versank dann im Hoyzer-Skandal. Heute arbeitet er für eine Brauerei.

Steffen Karl spielte beim Traditionsmaster für den BVB.

Steffen Karl spielte beim Traditionsmaster für den BVB.

Foto: Jan Huebner/Lakomski / Jan Huebner

Berlin.  Sein Schuss ist immer noch gewaltig. „Eisen Karl“ haben sie Steffen Karl (48) früher genannt, wegen seines harten Vollspannhiebs. Kaum jemand hatte in den Neunzigern so einen Hammer, die Kraft ist ihm geblieben. Wann immer sich die Möglichkeit dazu bietet, macht er davon Gebrauch, nur kommt er nicht allzu oft in günstige Positionen beim AOK Traditionsmasters, wo er am Freitag und Sonnabend für Borussia Dortmund aufläuft. Karl steht hinten, sorgt für den Spielaufbau, meist aus dem Stand. Die Schritte fallen ihm schwerer als anderen an diesen zwei Tagen in der Schmeling-Halle. Zu behaupten, Steffen Karl wäre noch in Form, würde nicht der Wahrheit entsprechen. Gelebt hat er nie danach, schon zu Spielerzeiten nicht, als er wegen Alkoholeskapaden in Ungnade fiel. Aber darum geht es ihm jetzt auch nicht. „Das hier soll Spaß machen. Alte Bekannte treffen, über vergangene Zeiten plaudern, beim Bierchen, darauf freue ich mich“, sagt er.

Mit dem Fußball hat er ansonsten abgeschlossen – und der Fußball mit ihm. Karl kam 1995 als einstiger deutscher Meister mit Borussia Dortmund über den Umweg Sion zu Hertha BSC. Die Berliner spielten damals noch in der Zweiten Liga. Karl half mit bei der langersehnten Rückkehr in die Bundesliga, trainiert wurde die Mannschaft von Jürgen Röber. „Eine schöne Zeit. Wir waren eine geile Truppe, im Team stimmte es, und so sind wir dann auch aufgestiegen“, sagte er. Was später kam, war weniger schön. Drei Jahre hielt es ihn in Berlin, dann folgte eine Odyssee über Norwegen, Bulgarien, hin zum Chemnitzer FC.

Karl war 2005 in den Manipulationsskandal um den Berliner Schiedsrichter Robert Hoyzer verwickelt, einen der größten Skandale der deutschen Fußballgeschichte. Er gestand zwei Manipulationsversuche, wurde verurteilt und seine Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Zeitweise befand er sich in Untersuchungshaft. Über sein Mitwirken am Wettskandal sagt Steffen Karl heute: „Das war ein Fehler, und jeder macht mal Fehler.“ Kurz und knapp, allzu sehr ausholen will er nicht bei diesem Thema. Ein Mann der vielen Worte war er ohnehin nie. So ist es geblieben.

Bewährungsstrafe nach zwei Manipulationsversuchen

Karl lehnt an einer Wand in den Katakomben der Schmeling-Halle, sein Trikot ist verschwitzt, die Schuhe hat er ausgezogen. Aus der Kabine dringen die Stimmen der Mitspieler. David Odonkor, Giovanni Federico, Frank Mill, der zwar nicht spielt, aber trotzdem überall zu sehen ist. Karl mag die alten Frotzeleien unter Spielern. Dass seine Karriere im Zuge des Hoyzer-Skandals 2005 mit einer Verhaftung und der Vertragsauflösung in Chemnitz abrupt endete, sei nicht schön gewesen, aber ändern ließe sich das eben auch nicht mehr.

Wenn er nicht gerade bei Traditionsturnieren spielt, verfolgt er Fußball nur noch im Fernsehen. „Am liebsten den BVB“, sagt er. Hertha schaue er auch regelmäßig, Pal Dardai leiste gute Arbeit. Jener Dardai, den Karl einst noch als ganz jungen Mann in Berlin erlebte. „Er hat seinen Weg gemacht“, sagt Karl über den heutigen Cheftrainer.

Karl ist zufrieden mit der Gegenwart, jedenfalls macht er den Eindruck. Seine zwei Kinder sind erwachsen beziehungsweise auf dem Weg dorthin, er arbeitet bei einer Brauerei in Chemnitz im Vertrieb. „Das ist ein ganz normaler Job, ich habe viel zu tun, aber auch geregelt frei“, sagt er. Das Unstete, das viele Unterwegssein, das der Profifußball mit sich bringt, vermisst er nicht. „Das hatte ich 20 Jahre lang, das reicht“, sagt Karl. Dann trabt er unter die Dusche. Am Abend steht im Hotel noch eine Spielerparty an. Zu erzählen hat Steffen Karl dort sicher genug.

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