Immer Hertha

Leichtsinn verzeiht die Bundesliga nicht

Wenn die hochtalentierte Mannschaft von Trainer Pal Dardai nicht konstanter wird, gibt es keinen Fortschritt, warnt Sebastian Stier.

Hertha hat in der Hinrunde gezeigt, dass von ihr alles zu erwarten ist, beobachtet Sebastian Stier.

Hertha hat in der Hinrunde gezeigt, dass von ihr alles zu erwarten ist, beobachtet Sebastian Stier.

Foto: dpa/Reto Klar

Berlin. Orakel waren stark gefragt in den vergangenen Tagen, und selbst wenn sie nicht gefragt wurden, meldeten sie sich zu Wort. Was da nicht alles zu hören war. Krisen, Krankheiten, Katastrophen, selbst die Streuobsternte wurde vorausgesagt. Äpfel und Pflaumen soll es reichlich geben 2019, Birnen auch.

Mit dem Fußball tun sich die Sterndeuter dagegen immer schwer. Hertha BSC tauchte in den Prognosen kaum auf. Im Bezug auf Ergebnisse muss ich Sie an dieser Stelle ebenfalls enttäuschen. In die Zukunft kann ich nicht schauen. Nur so viel: Was die Streuobsternte angeht, bin ich eher skeptisch. Hertha bleibt dagegen unvorhersehbar.

Die Mannschaft hat in der Hinrunde gezeigt, dass von ihr alles zu erwarten ist. Das heißt, alles und nichts. Sie kann wunderbaren, offensiven Fußball spielen und die ganz Großen der Bundesliga in die Knie zwingen. Sie kann mitreißende Aufholjagden starten und plötzlich, wie aus dem Nichts, in sich zusammenfallen gegen die Schwächsten. Wenn Hertha spielt, geht es auf dem Platz zu wie im Pärchenklub. Alles kann, nichts muss.

Wer Jugend zur Philosophie erhebt, muss mit Wachstumsschmerzen leben

Daran wird sich vermutlich in den kommenden Monaten wenig ändern. Die Mannschaft ist mit vielen jungen Spielern gespickt. Einige mögen in ihrer Entwicklung weiter sein als andere, aber am Ende befinden sich alle noch in einem Lernprozess. Das ist vom Verein so gewollt, Hertha hat sich der Ausbildungsarbeit verschrieben und gibt sich gern als der Klub mit der höchsten Durchlässigkeit von der Akademie zu den Profis. Wer Jugend zur Philosophie erhebt, muss mit Wachstumsschmerzen leben. Bestes Beispiel ist Verteidiger Jordan Torunarigha. Der spielte nach langer Verletzungspause so, als wolle er Hertha konstant den Spiegel vorhalten. In Düsseldorf desolat, nur wenig später in Hannover dann der beste Mann auf dem Platz und mit einem Tor und einer Vorlage entscheidende Figur.

Zum Abschluss packte er in Leverkusen beide Extreme in ein Spiel. Erst verschuldete er einen Gegentreffer, dann gelang ihm selbst mit einem eigenen Tor die Wiedergutmachung, nur um dann wieder zu patzen. Torunarigha verfügt über großartige Anlagen, aber er wird sich stabilisieren müssen, sonst wird er auf Dauer seine großen Möglichkeiten nicht ausschöpfen können. Ähnlich sieht es bei Maximilian Mittelstädt oder Niklas Stark aus. Konstanz zu lernen, darum wird es für Hertha 2019 in erster Linie gehen. Um dann zum ersten Mal unter Trainer Pal Dardai mehr Punkte in der Rückrunde zu holen.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn man aufgrund von Anfängerfehlern mit 24 Punkten zur Winterpause genau so viele auf der Habenseite hat wie ein Jahr zuvor, weil die Mannschaft deutlich besseren Fußball spielte. Waren die 24 Zähler vor zwölf Monaten auch wegen der Europapokalbelastung ein gefühltes Maximum, werden sie nun als Minimum wahrgenommen. In Stuttgart wurde der Sieg leichtfertig vergeben, und wer oben dabei sein will, muss Heimspiele gegen Freiburg und Augsburg gewinnen. Sicher, es hätten gut und gern auch 30 sein können. Leichtsinn wird in der Bundesliga nicht verziehen, weil sie ein Wettbewerb ist, bei dem 16 von 18 Mannschaften Woche für Woche an ihre Grenzen gehen müssen, um zu gewinnen. Dortmund und Bayern ausgenommen. Auch deshalb hat Manager Michael Preetz in den letzten Tagen immer wieder an die Mentalität des kickenden Personals appelliert. Nur nicht zu schnell zufrieden sein.

Tun es Herthas Spieler den Bürgern dieser Stadt gleich, muss Preetz in dieser Hinsicht nichts befürchten. Laut Glücksatlas der Deutschen Post gehören Berliner zu den unzufriedensten Menschen Deutschlands. Steigende Mieten, sinkende Löhne, zu viele Touris, zu wenig Streuobstwiesen. Um vorauszusagen, dass sich daran 2019 nichts ändert, muss man nun wirklich kein Orakel sein.

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