Große Fan-Liebe

Walter Frankenstein hat Hertha ein Leben lang im Herzen

Schon in der Nazi-Zeit war Walter Frankenstein ein Fan von Hertha. Noch heute wünscht er sich im Stadion auch politische Bekenntnisse.

Foto: Reto Klar

Berlin.  Was Walter Frankenstein über sein Leben erzählt, taugt zum Stoff für großes Hollywood-Kino. Als Kind erlebte der Jude den aufkommenden Nationalsozialismus in einem Waisenhaus in Prenzlauer Berg, ehe er den Nazis unter dramatischen Bedingungen im Berliner Untergrund entkam. Später verschlug ihn das Schicksal nach Palästina und Schweden, doch so turbulent sein Leben auch verlief – eines hat den 94-Jährigen auf seinem Weg stets begleitet. Die Liebe zum Fußball, und zu Hertha BSC.

Die Liaison mit Berlins alter Dame beginnt, als Frankenstein noch ein kleiner Junge ist. Im Sommer 1936, gerade frisch zugezogen, sitzt er vor den Toren des Auerbach’schen Waisenhauses an der Schönhauser Allee und wird von anderen Kindern angesprochen. Bist du neu hier? Kannst du Fußball spielen? „So einfach war das“, sagt Frankenstein, „aber klar war auch: Um mitreden zu können, musste ich mit zu Hertha.“ Also ging er mit den anderen Jungs ins Stadion am Gesundbrunnen, mit in die „Plumpe“. Ein Erweckungserlebnis. Hertha, deutscher Meister von 1930 und 1931, eroberte sein Herz im Sturm. „Ich wusste vorher nicht, wer oder was Hertha war“, sagt er, „aber ich war sofort begeistert. So eine Mannschaft hatte ich vorher noch nie gesehen.“ Die Spielernamen von damals hat er sofort parat. Hermann Hahn, die Brüder Werner und Rudolf Schneider und – na klar – „Hanne“ Sobek, der große Star des Teams.

Die Nazis machten ihm den Stadionbesuch unmöglich

Frankenstein war Hertha verfallen, und bis heute lässt ihn die Kraft des Fußballs nicht los. In seinem jetzigen Wohnort Stockholm verfolgt er die Spiele des Berliner Bundesligisten noch immer – vor dem Fernseher, trotz starker Sehschwäche, ganz nah vor dem Bildschirm. Womöglich ist er der älteste lebende Hertha-Fan der Welt.

Wer sich mit Frankenstein unterhält, ist von ihm wohl ähnlich fasziniert wie Frankenstein einst von Hertha. Sein Alter ist ihm allenfalls körperlich anzumerken, sein Geist wirkt so weise und wach, dass man ihm stundenlang zuhören möchte. Und zu erzählen hat Frankenstein, geboren 1924, allerhand. Von seiner frühen Kindheit in der westpreußischen Kleinstadt Flatow und dem Tante-Emma-Laden seiner Eltern, dessen Scheiben die Nazis schon 1933 demolierten. Von dem guten Bekannten der Familie, der ihm Jiu-Jitsu beibrachte und das Angsthaben abtrainierte. Vom Umzug ins Waisenhaus in Prenzlauer Berg und den Tränen der ersten Nacht fernab der Mutter. Und natürlich von Hertha. „Das Auerbach war eine Insel in einem braunen Meer“, sagt Frankenstein, „und bei Hertha war es zunächst ähnlich. Ich habe mich im Stadion als Herthaner gefühlt und nicht als Jude. Da ging es nicht um Politik, sondern um Fußball.“ Nur sollte es nicht mehr lange so bleiben.

Frankenstein tauchte mit Frau und Kindern unter

Spätestens 1941, mit der Einführung des Judensterns, wurden die Besuche in der „Plumpe“ auch für Frankenstein und seine Freunde zu riskant. „Wenn wir ihn abgenommen hätten und erwischt worden wären, wären wir deportiert worden“, erinnert er sich. Soweit möglich, verfolgte er die Spiele dennoch – im Waisenhaus am Radio.

Als 1943 auch die letzten Oasen des jüdischen Lebens in Berlin austrocknen, tauchen er und seine Frau Leonie mit ihrem wenige Wochen alten Sohn ab. Sie finden illegal Unterschlupf, bleiben unter dem Radar und zeugen sogar noch ein zweites Kind, ehe sich Frankenstein vorübergehend im Grunewald versteckt. Über die Jahre schlägt er den Nazis so manches Schnippchen. Mehrfach gerät er mit Wehrmacht oder Gestapo aneinander, reagiert aber schlagfertig genug, um nicht geschnappt zu werden.

In Schulen berichtet er von seinen Erfahrungen aus der NS-Zeit

Witz, Charme und Tatendrang versprüht Frankenstein auch heute noch, mit 94. Fünf, sechs Mal pro Jahr kommt er nach Deutschland und besucht Schulen, um von seinen Erfahrungen zu erzählen. Frankenstein will sensibilisieren, warnen, aufrütteln, weil er in Gesellschaft und Politik „dieselben Anzeichen wie Anfang der 1930er-Jahre“ registriert. Die politische Gleichgültigkeit. Die dünnen Wahlbeteiligungen. Das weit verbreitete Gefühl, dass „sowieso nichts anders wird“ und die demokratischen Parteien auf der Stelle treten. „Ich sage den jungen Leuten: Ihr müsst selbst denken. Glaubt nicht blind an Menschen, die gegen demokratische Parteien schimpfen, aber keine Ideen haben, wie man es besser machen kann.“

Er selbst würde gern noch vieles besser machen, oder zumindest Entwicklungen anstoßen. „Hertha hat viele Fans“, sagt er, „das ist ein offenes Tor. Ich wünsche mir noch viel mehr politisches Engagement der Profi-Klubs. In der heutigen Zeit muss man Stellung beziehen.“ Dass Hertha den braungefärbten Teil der Klubgeschichte aufarbeitet und mehrfach Zeichen gegen Rassismus gesetzt hat, findet Frankenstein gut und wichtig, denn schon oft hat er erlebt, „wie wenig junge Menschen über den Nationalsozialismus wissen“.

Die Söldnermentalität der heutigen Profis mag er nicht

Im modernen Profi-Fußball selbst stößt ihm ebenfalls manches auf. Die Söldner-Mentalität vieler Spieler, die „den Sport als Beruf und nicht als Berufung sehen“, oder das finanzielle Ungleichgewicht zwischen den Teams – von den Feindseligkeiten unter Fans ganz zu schweigen. „Das“, sagt Frankenstein, „ist das Gegenteil von dem, was ich am Fußball liebe.“ Die Treue wird er ihm trotzdem halten. Und Hertha sowieso.

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