Immer Hertha

Der Bundestrainer, der die Balance verlor

Die prägende Figur des Fußballjahres 2018 war Joachim Löw. Eine Biografie untersucht seinen Aufstieg und Fall.

Foto: picture alliance/Reto Klar/BM Montage

An Bord der LH343, die den abgestürzten Weltmeistertrainer von Moskau-Wnukowo zurück nach Frankfurt fliegen sollte, streikte vorn die Toilette. Es war, als beweise das Flugzeug einen Tag nach dem 0:2 der deutschen Nationalelf gegen Südkorea einigen Sinn für schwarzen Humor. Ein defektes Klo als Strafe für die ultimative Bruchlandung.

Denn Joachim Löw, der erste Bundestrainer, der mit einer DFB-Auswahl in einer WM-Vorrunde scheiterte, musste den Weg bis ans Flugzeugende antreten – vorbei an uns mitreisenden Journalisten. Für die allermeisten Protagonisten der Profibranche ist der Gang durch ein solches Reporterspalier nach einer schweren Niederlage wie eine symbolische Steinigung. Alle Blicke werden auf den Geschlagenen geworfen, und dann wird notiert, wie er damit umgeht. Löw hielt sie aus. Er lächelte hier mal, nickte dort mal grüßend. Damals, Ende Juni, hätte man ahnen können, dass er nicht zurücktreten würde.

Wenn man auf das Fußballjahr 2018 zurückblickt, so kurz, bevor es endet, dann sticht Joachim Löw als prägende Figur hervor. Und man kann aus ihr etwas für 2019 lernen. Dass immer eine Gefahr darin liegt, wenn aus Selbstvertrauen Selbstüberschätzung wird. Aber auch, dass man sich dem eigenen Scheitern durchaus stellen kann.

Der „Stern“-Reporter Mathias Schneider, seit 17 Jahren Begleiter der Nationalelf, hat dazu das passende Buch vorgelegt: „Löw. Die Biographie“ (Ullstein extra, 334 Seiten, 20 Euro) heißt es. Ursprünglich sollte es im Oktober erscheinen, aber erst im November kam es auf den Markt. Das hatte damit zu tun, dass im Sommer dieser radikale Absturz in Russland dazwischenkam, mit dem weder der Autor noch die Restwelt gerechnet hatte. Aus einer Erfolgsgeschichte wurde so eine vom Aufstieg und Fall. Das hat zwar dem deutschen Fußball nicht gutgetan, dafür aber dem Buch. Es ist eine Suche nach dem Menschen Löw im Spannungsfeld zwischen Erfolg und Misserfolg geworden. „Tatsächlich wird man den frühen Löw mit dem Bundestrainer Löw gemeinsam auf eine bislang 58 Jahre währende Reise schicken müssen, will man verstehen, wie aus dem selbstbewussten, doch oftmals zaudernden Sohn eines Ofensetzers ein Mann wurde, der erst tief in seiner Bundestrainerzeit wirklich seine Selbstgewissheit erlangen konnte“, schreibt Schneider. „Eine Selbstgewissheit, die im Sommer 2018 zur Falle wurde. Wie konnte es so weit kommen?“

Das ist Schneiders These: Dass Löw vor Russland die in seinem Leben erworbene Balance verloren hat, die ihn einst stark machte. Schneider zeichnet ein Bild von Löw als einen Menschen zwischen Selbstzweifel und Selbstvertrauen. Dass gerade darin der Motor für Weltkarrieren liegt, ist oft beschrieben worden. Schneider nennt es bei Löw die „Dialektik seiner Persönlichkeit“. Aber die Zweifel treten beim Bundestrainer nach dem WM-Titel 2014 in den Hintergrund. 22 Partien blieb seine Elf bis kurz vor der WM 2018 ungeschlagen. Das machte Löw blind für die Tempodefizite und die mentale Müdigkeit im eigenen Team. Aber auch für die Mängel seiner eigenen Spielidee. Ausgekontert, mit „simplem Achtzigerjahrefußball“, wie Schneider schreibt, wird Deutschland von Mexiko und Südkorea aus dem Turnier geworfen.

Aber Löw blieb Bundestrainer und hob damit die Mechanismen der Branche auf. Schneider hat dafür Sympathien: „Löw hat hoch gereizt, indem er nach der WM nicht zurückgetreten ist“, schreibt der Biograf. „Ein Rücktritt nach der WM und das Gesamtwerk hätte umgehend eine Würdigung erfahren. Der WM-Sieg wäre in der Bewertung nach vorn gerückt, Russland nach hinten.“ Löw aber riskierte mit seinem Verbleib, dass er sein 2014 errichtetes Denkmal selbst demoliert. Und im Oktober, als er in Holland 0:3 verlor, war es auch fast so weit. Doch Löw machte einfach weiter, wie es wohl nur jemand kann, der sich seiner Stärken irgendwann auf seinem Karriereweg gewiss wurde. Was in Russland zur Falle wurde, hat Löw somit einen Neuanfang ermöglicht.