Bundesliga-Statistik

Hertha ist das Team mit dem geringsten Laufweg

Die Datenanalyse zeigt: Trotz einiger guter Spiele sind Torschüsse, Jokertore und Laufaufwand bei Hertha weit unter Durchschnitt.

Die Stürmer Vedad Ibisevic und Davie Selke profitierten besonders von den Mittelfeldimpulsen eines Marko Grujic (v.l.)

Die Stürmer Vedad Ibisevic und Davie Selke profitierten besonders von den Mittelfeldimpulsen eines Marko Grujic (v.l.)

Foto: Thomas Starke / Bongarts/Getty Images

Der letzte Eindruck bleibt, und es war ein schwacher. Nach dem 1:3 in Leverkusen sprach Michael Preetz gar von einer „Katastrophe“. Der Manager ärgerte sich, dass die Mannschaft von Hertha BSC in den vergangenen Wochen mehrfach Einstellung und Fokussierung vermissen ließ. In der letzten Spielwoche des Jahres reichte es nur zu einem von neun möglichen Punkten.

Der Blick auf die gesamte Hinrunde zeigt ein differenziertes Bild. So war der Hertha-Kader im Sommer mit vergleichsweise wenig Geld verstärkt worden. Lukas Klünter (aus Köln) und Pascal Köpke (Aue) kamen für je zwei Millionen Euro. Beide spielten bisher keine Rolle. Wichtiger waren Javairo Dilrosun (ablösefrei vom Manchester City-Nachwuchs), der aus dem eigenen Nachwuchs gekommene Dennis Jastrzembski. Als Schlüsselspieler entpuppte sich die Leihgabe vom FC Liverpool, Marko Grujic. „Das ist der Mittelfeldspieler, den wir jahrelang gesucht haben“, schwärmte Preetz. Schade nur für Hertha und Grujic, dass er verletzungsbedingt nur sieben Mal dabei war. Herthas Ausbeute mit dem Serben: fünf Siege, zwei Remis. Bilanz ohne Grujic: ein Sieg, vier Remis, vier Pleiten.

Die Vereinsführung hatte Trainer Pal Dardai vor der Saison aufgegeben, nach Platz zehn im Vorjahr diesmal besser, also auf einem einstelligen Rang, einzulaufen. Außerdem soll Hertha attraktiver spielen, um mehr Zuschauer anzulocken. Zur Halb­serie lässt sich sagen: Dardai liefert – teilweise.

Hertha hat sich durchgehend in der oberen Tabellenhälfte aufgehalten, an den meisten Spieltagen im oberen Drittel. Die Mannschaft bot mehrere Spiele, die den Fans in Erinnerung bleiben werden. Etwa das eiskalt herausgespielte 2:0 bei Vizemeister Schalke. Das spektakuläre 4:2 gegen Gladbach. Das mutige 2:2 bei Herbstmeister Borussia Dortmund. Das beherzte 3:3 gegen Hoffenheim. Und natürlich der historische Sieg über den FC Bayern. Auch, wenn es heute schon wieder aus dem Gedächtnis entschwunden ist: Als Tabellenführer war Niko Kovac mit den Münchenern in Berlin angereist. Das 0:2 im Olympiastadion war der Beginn einer veritablen Bayern-Krise. Während Hertha den ersten Sieg über die Münchener seit 2009 feierte. Verantwortlich waren zwei Torschützen, bei denen vorab nicht klar war, wie wichtig sie sein würden. Team-Routinier Vedad Ibisevic (34) füllte mit sechs Toren die Lücke, die die Lungenverletzung von Davie Selke gerissen hatte, vorbildlich. Und Ondrej Duda, Sorgenkind der vorherigen Saisons, fuhr mit sieben Treffern sogar als bester Torschütze der Hertha-Hinrunde in den Winterurlaub.

Preetz fordert deutlich mehr Fortschritte von Dardai ein

Ein weiterer Gewinner der Hinserie ist Valentino Lazaro. Der Österreicher spielte einen der besten rechten Verteidiger, den die Bundesliga derzeit hat. Schnell und durchaus auch mit Spielmacher-Qualitäten versehen, stellt Lazaro die Gegner regelmäßig vor Probleme. Kein Wunder also, dass der AC Mailand um Lazaro buhlt. In diesem Winter, da legte sich Hertha fest, „wird es keinen Wechsel von Valentino Lazaro geben“. Ein gutes Zeichen, das hoffen lässt.

Andererseits gab es auch Turbulenzen. 1:4 in Düsseldorf, 1:2 in Stuttgart, 1:3 in Leverkusen – das waren ärgerliche Niederlagen. Ob Selke, Grujic, Niklas Stark, Karim Rekik, Jordan Torunarigha – anhaltende Verletzungsprobleme verhinderten, dass personelle Kontinuität bei Hertha entsteht. Der Manager hat Trainer und Team in die Pflicht genommen: „Wir sollten mal den Beweis antreten, dass wir in der Lage sind, eine bessere Rückrunde als Hinrunde zu spielen.“ Verbesserungspotenzial gibt es schließlich genug: Ballbesitz und Torschüsse blieben unter Durchschnitt, Hertha hat die wenigsten Jokertore – und den geringsten Laufaufwand aller Teams. Das Verhältnis zwischen Preetz und Dardai wird in der Rückrunde auch aus anderen Gründen genau zu beobachten sein. Der Trainer jedenfalls betonte prompt vorm Feiertagsurlaub am Plattensee: „Wir sollten gar nicht so viel darüber reden (über die Rückrundenschwäche, d.Red.). Je mehr wir darüber sprechen und die Spieler es im Kopf haben, desto schwieriger wird es, daran etwas zu ändern.“

Fast die gesamte Halbserie hindurch blieb die Beziehung zwischen Kluboffiziellen und Fans schwierig. Preetz räumte erst Ende November ein, dass die Veränderungen beim ersten Saisonspiel im August bei der Einlaufmusik („Dickes B.“ statt „Nur nach Hause“) „ein Fehler“ gewesen sei. Rund 150 Personen sorgten in Dortmund im Hertha-Block für einen rabenschwarzen Nachmittag. Nach verbotener Pyroshow zu Beginn der Partie entfachten sie wüste Prügelszenen mit der Polizei und teilweise lebensgefährliche Angriffe auf Beamte, als die eine Fahne am Gästeblock sicherstellen wollten. Der Deutsche Fußball-Bund verurteilte Hertha zu 100.000 Euro Strafe sowie zusätzlich zur Zahlung von 35.000 Euro an die Polizeistiftung NRW. Unter dem Eindruck der Ereignisse erließ Hertha für das Heimspiel gegen RB Leipzig ein Bannerverbot. Daraufhin reagierte die Fanszene mit Anfeuerungsboykott. Die Folge: Hertha verlor in gespenstischer Atmosphäre gegen Leipzig mit 0:3. Die ungute Entwicklung, in der es nur Verlierer gab, wurde zumindest vorerst gestoppt. Nach langer Gesprächspause sprechen seit November Geschäftsführung und Ultras wieder miteinander.

Auch ein anderes Thema wurde vorangetrieben, 2019 wird dafür nun ein Schlüsseljahr. Nur wenn Hertha eine Mehrheit im Abgeordnetenhaus von den Bauplänen im Olympiapark überzeugen kann, lässt sich der Zeitplan bis zur erhofften Einweihung einer eigenen Fußball-Arena im Juli 2025 einhalten.

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