Früherer Hertha-Star

Baumjohanns neues Glück in Australien

Alexander Baumjohann war einst eines der größten deutschen Talente. Heute spielt der Ex-Berliner in Australien.

Alexander Baumjohann (M.) spielt jetzt für Sydney Wanderers

Alexander Baumjohann (M.) spielt jetzt für Sydney Wanderers

Foto: Actionplus / picture alliance / Actionplus

Das Läuten im Telefon klingt so weit weg, als müsse der Ton den Weg in die Vergangenheit zurücklegen. Dann aber hebt Alexander Baumjohann in Sydney doch ab. Bei ihm ist es gerade 7.30 Uhr. Eben hat der ehemalige Mittelfeldspieler von Hertha BSC seine Töchter in die Schule gefahren. Gleich ist Training bei seinem neuen Klub, den Western Sydney Wanderers. Im Sommer war Baumjohann nach Australien in die A-League gewechselt, von der er selbst sagt: „Das Niveau hier ist etwa auf dem Level der Zweiten Liga in Deutschland.“ Baumjohann sagt das ohne Arroganz. Er ist niemand, der sich in seine Vergangenheit zurückzieht wie auf einen Hochsitz und von dort verächtlich hinunterschaut auf die Gegenwart. Das hier, die fußballerische Zweitklassigkeit an einem zugegeben erstklassigen Ort, sieht der 31-Jährige als Chance. „Ich will hier nicht meine Karriere ausklingen lassen“, sagt er. „Ich habe den Anspruch, auf meinem besten Level zu spielen, und ich habe das Fußballspielen nicht verlernt.“

Alexander Baumjohann war einmal eines der größten deutschen Talente. 2008 schoss er ein Tor, das die Aufmerksamkeit der Branche auf ihn zog wie beim englischen Stürmer Wayne Rooney, als er mit 16 für Everton gegen Arsenal aus 30 Metern in den Winkel traf und der TV-Kommentator schrie: „Merken Sie sich diesen Namen!“ Bei Baumjohann war es ein Dribbling über 60 Meter und an unzähligen Gegnern vorbei. Ein Tor des Monats, das ihn berühmt machte. Er war 21, wechselte wenig später von Mönchengladbach zum FC Bayern. Schalkes Manager Rudi Assauer hatte ihn mal den „neuen Michael Ballack“ genannt. Nun sah es so aus, als könne er vielleicht hineinwachsen in diese großen Erwartungen.

Bei Hertha machte er in vier Jahren nur 39 Pflichtspiele

Zehn Jahre später erkennt Baumjohann in Sydney niemand auf der Straße. Das Interesse am Fußball ist in Australien viel kleiner als in Europa. Australian Football, Rugby und Cricket sind beliebter. Die heimischen Talente verlassen die Liga früh wie Mathew Leckie, Herthas Flügelspieler, der mit 20 nach Deutschland ging. Zurück bleiben viele Durchschnittskicker und ein paar alternde ausländische Helden wie der Japaner Keisuke Honda (32) oder der Schwede Ola Toivonen (32) bei Melbourne Victory. Wie in der US-Liga unterliegen die Klubs einer Gehaltsobergrenze. Das macht die A-League kaum attraktiv für Stars. Von ganz oben 2008 nach Down Under 2018 ging es für Baumjohann. Aber er sagt: „Es war die absolut richtige Entscheidung.“

Die Gründe dafür klingen schlicht, jedoch nur aus der Perspektive desjenigen, der lediglich das Oben und nicht das Unten kennt. Baumjohann kennt das Unten gut. Erstens ist er jetzt gesund, was er selten war. Als er 2013 von Kaiserslautern zu Hertha wechselte, riss ihm im vierten Ligaspiel das Kreuzband. Er arbeitete sich zurück, aber das Kreuzband riss 2014 erneut. Eigentlich war Baumjohann ein Spieler, der so zart den Ball behandeln konnte, wie wenige vor ihm in Berlin. Doch nach dem doppelten Totalschaden im Knie blieb er nur Ersatzmann, bis sein Vertrag 2017 auslief.

Bei den Bayern konnte er sich nicht durchsetzen

Grund Nummer zwei ist sein Chef. Markus Babbel, der ehemalige Hertha-Trainer, holte Baumjohann zu den Wanderers und baute die Elf um den Spielmacher herum. „Mit ihm habe ich endlich einen Trainer, der auf mich setzt. Das war in den letzten Jahren nicht immer der Fall“, sagt Baumjohann. Als er 2009 zu den Bayern wechselte, fragte ihn am ersten Tag der damalige Trainer Louis van Gaal, wer er denn sei. Dessen Vorgänger, Jürgen Klinsmann, hatte ihn noch verpflichtet.

Nach einem halben Jahr ging Baumjohann zurück zu seinem Ausbildungsverein Schalke 04, kam dort unter Felix Magath aber ebenfalls nicht zurecht. Es folgten Kaiserslautern 2012, dann Hertha, wo er in vier Jahren auf nur 39 Pflichtspiele kam. Von dort ging es 2017 nach Brasilien. Doch da lief „alles schief“, sagt Baumjohann. Probleme mit dem Visum, ein Handbruch, ein Faserriss, ein Abstieg mit dem Coritiba FC, ein Wechsel zum EC Vitoria, aber nur drei Einsätze. „Das Jahr hat gereicht“, sagt er. Baumjohann, der oft von vorn beginnen musste, brauchte den nächsten Neuanfang und fand ihn in einem Land, in dem vorher nie war.

Die Wanderers gewannen 2014 die asiatische Champions League. Derzeit liegen sie zwar nur auf Platz acht von zehn in der A-League. Am zweiten Weihnachtsfeiertag holten sie bei Adelaide United mit dem deutschen Trainer Marco Kurz (Hoffenheim) ein 2:2 vor 8000 Zuschauern. Für Baumjohann läuft es also. Alle neun Pflichtspiele hat er bestritten, zwei Treffer erzielt sowie einen weiteren vorbereitet. Und der Verein hat Perspektive. „Ich glaube, dass der Klub demnächst der führende in Australien sein wird“, sagt Baumjohann. Ein neues Stadion wird nächstes Jahr eröffnet, ein neues Trainingszentrum auch.

Australien soll ein Sprungbrett sein

Ob Baumjohann selbst davon noch viel haben wird, ist ungewiss. Er hat absichtlich vorerst nur einen Vertrag bis Sommer unterschrieben. Australien ist für ihn kein fußballerisches Aussteigerland, in das er vor dem Profifußball in Europa geflohen ist wie Thomas Broich, der seine einstmals so verheißungsvolle Karriere bei Brisbane Roar beendete. Baumjohann sieht Sydney als Sprungbrett: „Man kann hier auf sich aufmerksam machen für Ligen, in denen das Niveau und die Bezahlung besser sind wie in China oder Japan“, sagte er. Die Bundesliga sei zwar für ihn vorbei, aber seine Karriere nicht. „Ich will noch fünf, sechs Jahre spielen“, sagt Baumjohann. Die zwei Jahre, die ihm die Kreuzbandrisse gestohlen haben, will er sich zurückholen.

Neulich hat Baumjohann mit einem seiner besten Freunde, Christian Pander, über ihre Profizeit gesprochen. Pander wurde einst bei Schalke Nationalspieler, verletzte sich aber so schwer, dass er seine Laufbahn früh beenden musste. Beide kamen zu dem Schluss, dass es eine Sache der Perspektive sei, wie man eine Profikarriere sieht: „Die Leute gucken immer nur auf das, was nicht gut lief, aber nie auf das, was viel schlechter hätte laufen können“, sagt Baumjohann. Er tue das nicht, obwohl ja gerade bei ihm vieles schlechter lief als gehofft. „Ich hatte Höhen, Tiefen und Pech in meiner Karriere. Und ich habe sicher auch den ein oder anderen Fehler gemacht“, sagt Baumjohann, „aber wenn ich noch einmal von vorn beginnen dürfte, würde ich alles wieder so machen.“

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