Bundesliga

Hertha gegen Leverkusen: Duell der beständig Unbeständigen

Hertha BSC und Gegner Bayer Leverkusen zählen zu den wankelmütigsten Teams der Bundesliga. Wer findet am Sonnabend seine Form?

Foto: Thomas Eisenhuth / picture alliance / ZB

Berlin.  Um Rudi Völler in Rage zu bringen, reichten drei einfache Worte. „Sind Sie sicher?“, wurde der Sport-Geschäftsführer von Bayer Leverkusen am Mittwochabend gefragt, und schon war es um Völlers Contenance geschehen. Was folgte war ein einmütiger Schlagabtausch mit einem Sky-Reporter, den man wahlweise kindisch oder angebracht finden konnte, aber unterhaltsam war er allemal. Über die Frage, wessen man sich wirklich sicher sein kann, lässt sich nun mal trefflich streiten – ob es nun um das Anstellungsverhältnis eines Trainers geht oder das eines Reporters.

Eine Frage der Einstellung

In Völlers Fall zielte die Frage „Sind Sie sicher?“ auf eine weitere Beschäftigung von Bayer-Coach Heiko Herrlich (47) ab, der mit seinem Team im Mittelmaß der Liga herumdümpelt. Vor dem letzten Spiel des Jahres am heutigen Sonnabend gegen Hertha BSC (15.30 Uhr, Sky) rangiert die Werkself nur auf Rang zehn. Viel zu wenig für den Europa-League-Starter, der eigentlich in die Königsklasse will. „Natürlich weiß auch der Heiko, dass wir uns nach dem letzten Spiel zusammensetzen und ein Fazit ziehen“, sagte Völler. Bedingungsloses Vertrauen klingt anders – zumindest das lässt sich mit ziemlicher Sicherheit festhalten.

Ansonsten bleibt jedoch vieles rätselhaft in Leverkusen, wo eines der talentiertesten Teams der Liga beständig an der eigenen Wankelmütigkeit scheitert. Nach verkorkstem Saisonstart mündete die aufsteigende Form zwar zunächst in Gala-Siegen gegen Bremen (6:2) und Mönchengladbach (5:0), doch was folgte, waren empfindliche Pleiten gegen Hoffenheim (1:4) oder Leipzig (0:3).

„Wann immer wir den Anschluss herstellen können, gibt es wieder einen Rückschlag“, sagt Torwart Lukas Hradecky, der vor allem mit der fehlenden Körperlichkeit hadert. „Wir wollen auch so männlich spielen wie Frankfurt“, sagte er nach dem 1:2 gegen die Eintracht am vergangenen Wochenende, „aber das ist eine Qualität, die uns noch ein bisschen fehlt.“ Von der Aggressivität, die Völler zuletzt am Mikrofon ausstrahlte, war die Bayer-Elf oft weit entfernt. Eine Einstellungsfrage.

Ex-Berliner Weiser schwankt zwischen Licht und Schatten

Tatsächlich macht es den Anschein, als verlasse sich das Team zu oft auf sein überbordendes Potenzial. Julian Brandt und Kai Havertz zählen zu den größten Versprechen des deutschen Fußballs, Leon Bailey und Karim Bellarabi gelten ebenfalls als Unterschiedspieler. Und dann ist da ja noch Mitchell Weiser (24), der Hertha im Sommer für stolze zwölf Millionen Euro verließ, um nach höheren Zielen zu streben, nämlich der Champions League.

„Leverkusen hat eine andere Qualität und eine ganz andere Spielweise“, sagte er bei seiner Ankunft. Nun aber muss er registrieren, dass Hertha als Tabellenachter vor seinem neuen Klub steht. Er selbst schwankt in seinen Leistungen zwischen Traumtoren und haarsträubenden Abwehrfehlern. Ein Bild, das zum Bayer-Ensemble passt.

In Berlin trauert Weiser, der sich durch lustlose Auftritte ins Abseits gebracht hatte, niemand mehr hinterher. Abgesehen davon ist aber auch bei Hertha nicht allzu viel sicher. Ähnlich wie in Leverkusen greift das Phänomen: Nichts ist so beständig wie die Unbeständigkeit. Einerseits holte die Mannschaft von Pal Dardai gegen das Top-Trio FC Bayern (2:0), Mönchengladbach (4:2) und Dortmund (2:2) in dieser Halbserie mehr Punkte als jedes andere Team. Auf der anderen Seite kamen die Hauptstädter gegen vermeintlich schlagbare Gegner nicht ans Leistungsoptimum.

Auf Unentschieden gegen Mainz und Freiburg folgten bittere Pleiten gegen Düsseldorf und Stuttgart, Resultate, die die Verantwortlichen mächtig wurmten. „Wir haben Punkte liegen gelassen, die echt ärgerlich waren“, monierte Manager Michael Preetz, „das hat eine noch bessere Ausgangslage verhindert.“

Bayer-Coach Herrlich droht im Winter das Aus

Anders als bei Bayer sind es in Berlin jedoch weniger die Köpfe, die Probleme verursachen, sondern die Körper. Das Verletzungspech war beträchtlich. Derzeit fehlen mit Niklas Stark, Karim Rekik, Marko Grujic und Salomon Kalou vier Stammkräfte, dazu noch Senkrechtstarter Javairo Dilrosun. Ausfälle, die die Mannschaft zuletzt nicht mehr kompensieren konnte. Mit der Hinrunden-Ausbeute sind sie bei Hertha trotzdem zufrieden – oder gerade deshalb.

In Leverkusen kann von Zufriedenheit keine Rede sein, dort steht Trainer Herrlich womöglich vor seinem Endspiel. Als Nachfolger werden bereits Peter Bosz (zuletzt Dortmund) und Marco Rose (Red Bull Salzburg) gehandelt. Ein furioser Sieg gegen Hertha scheint das Einzige zu sein, was Herrlich noch im Amt halten könnte.

Bleiben die Berliner ihrem typischen Muster treu, dürfte daraus allerdings nichts werden. Zwei Enttäuschungen im Rücken und ein starker Gegner vor der Brust – eine typische Situation, in der die Mannschaft positiv überrascht. Nur sicher sein, nein, das kann man sich auch dabei nicht.

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