Immer Hertha

Und zur Bescherung Dortmund gegen Bayern

Der Fußball gibt den Fans keine Zeit mehr zum Luftholen. Statt anderen Sportarten mal das Feld zu überlassen, rollt permanent der Ball.

Dortmunds Marco Reus (l.) gegen die Bayern Leon Goretzka und Franck Ribéry (r.)

Dortmunds Marco Reus (l.) gegen die Bayern Leon Goretzka und Franck Ribéry (r.)

Foto: Bernd Thissen / dpa

Zu meinen liebsten Beschäftigungen über Weihnachten gehört, alte Fußballspiele anzuschauen. Im Fernsehen laufen dann Klassiker aus den Jahren 1993, 1994 oder irgendwas um die Jahrtausendwende. Mein Held dieser Zeit hieß Stéphane Chapuisat, ein kleiner Stürmer aus der Schweiz, der für Borussia Dortmund spielte. Die Trainer rauchten damals am Spielfeldrand noch Zigarre, und so manches Trikot sah aus, als hätte es jemand durch den Tuschkasten gezogen. Wer sich die Spiele ansieht, wird feststellen, wie rasant sich der Fußball in den vergangenen 20 Jahren ­entwickelt hat.

Aber vielleicht schaut auch niemand hin, wenn die Klassiker laufen. Zeit, um in Erinnerungen zu schwelgen, lässt der Fußball seinen Fans nicht mehr. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, nie war der alte Herberger-Satz so aktuell wie heute. Die Bundesliga endet am 23. Dezember, einen Tag vor Weihnachten. Wer das für kompletten Irrsinn hält, hat recht, gilt den Verantwortlichen der Gegenwart aber als Ewiggestriger. In Zeiten der modernen Super­arenen, überdacht und mit Rasenheizung ausgestattet, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Bundesligaspiele zwischen den Jahren ausgetragen werden.

Die immer kürzer werdende Winterpause ist nur ein Vorbote. Früher ging die Rückrunde Mitte Februar los, jetzt ist es Mitte Januar. Hertha begann das Kalenderjahr 2018 am 13. Januar beim VfB Stuttgart. Aber solange die Zuschauer bei Minusgraden trotzdem ins Stadion strömen, wird die Entwicklung nur noch weiter voranschreiten. Zur Bescherung gibt’s dann irgendwann Dortmund gegen Bayern, zu Silvester Hertha gegen Schalke. Oder einen anderen Knaller.

In England warten vier Spiele in zehn Tagen

In England ist das längst Realität, dort wird zum Jahresausklang mit so hoher Frequenz gespielt, dass nicht wenige sagen, in dieser Zeit entscheidet sich die Meisterschaft. Vier Spiele in zehn Tagen: Weihnachtsspeck setzt in der Premier League garantiert niemand an. Fußball in der Endlosschleife hat dort Tradition, vor allem das Gekicke am zweiten Weihnachtsfeiertag. Boxing Day heißt das Spektakel, und natürlich gibt es alles inzwischen auch bei uns zu sehen. Im Fernsehen, auf Internetplattformen, kein Tor, keine Aktion bleibt ungesehen – wenn man denn will.

Nur, will man das? Gibt es nicht Wichtigeres als Arsenal gegen Liverpool? Freunde treffen? Familie? ­Machen, was man schon lange machen wollte, wofür man aber im Trubel des Alltags keine Zeit fand?

Zeit zum Zurücklehnen ist nicht vorgesehen. Die Bundesliga wird der Premier League sicher kaum mehr lange das Monopol der Weihnachtsbespaßung überlassen. Auch andere Sportarten haben die zweite Dezemberhälfte längst für sich entdeckt. ­Basketball, Handball, Eishockey. Alba, Füchse, Eisbären, in Berlin gibt es gefühlt jeden Tag Spitzensport und eine Halle, die um Besucher buhlt. Ihr Kinderlein kommet.

Andre Sportarten suchen verzweifelt Nischen

Diesen Sportarten sei zugutegehalten, dass sie sich mit dem immer mächtiger werdenden Fußball in einem Konkurrenzkampf befinden, den sie nicht gewinnen können. Sie kranken am mangelnden Interesse der breiten Öffentlichkeit und suchen bewusst ­Nischen. Wollen wenigstens etwas ­Aufmerksamkeit zwischen Gans und Silvesterpunsch.

Der Fußball braucht diese Nischen um die Weihnachtszeit nicht. Nicht hier in Berlin und nicht dort in London. Er könnte sich eine Zeit lang rar machen, um dann umso kraftvoller wieder auf dem Bildschirm zu erscheinen. Am Ende ist es mit dem Lieblingssport nichts anderes als mit dem Lieblingsessen. Jeden Tag zu sich genommen, geht der Genuss irgendwann verloren. Wer nur Filet serviert bekommt, wird sich wieder nach der Pellkartoffel sehnen. Ich mache in diesem Jahr eine Nulldiät und lasse den Fernseher aus. Die Premier League ist für mich kein Appetitmacher.