Hertha BSC

Fabian Lustenberger: „Früher hat es öfter gescheppert“

Hertha-Dauerbrenner Lustenberger spricht im Interview über flache Hierarchien im heutigen Fußball und die Gelassenheit des Alters.

Fabian Lustenberger spielt seit elf Jahren und vier Monaten für Hertha BSC. Nur Franck Ribéry (elf Jahre und fünf Monate beim FC Bayern) ist länger bei seinem Klub.

Fabian Lustenberger spielt seit elf Jahren und vier Monaten für Hertha BSC. Nur Franck Ribéry (elf Jahre und fünf Monate beim FC Bayern) ist länger bei seinem Klub.

Foto: Fotostand / Weller / picture alliance / Fotostand

Berlin.  Als Schweizer ist Fabian Lustenberger (30) überraschenderweise kein Freund des Winters. „Ich bin eine ziemliche Frostbeule“, sagt er, als er dick eingepackt zum Interview erscheint. Lustenberger sucht sich einen Platz direkt an der Heizung, dann beginnt vor dem Spiel beim VfB Stuttgart (Sonnabend, 15.30 Uhr) ein Gespräch über die Lust am Verteidigen, seine erneute Renaissance als Stammspieler, jüngere Mitspieler und seine Zukunft bei Hertha BSC.

Fabian Lustenberger, im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ spielt Bill Murray einen Mann, der denselben Tag immer wieder erlebt. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Fabian Lustenberger: (lacht) Der Unterschied ist ja, dass ich im Gegensatz zur Filmfigur immer wieder mit neuen Leuten zu tun hatte. Neue Mitspieler, neue Trainer, neue Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle. Klar, mein Arbeitgeber ist immer derselbe geblieben, aber das Umfeld ändert sich Jahr für Jahr. Deswegen kommt da nicht so eine extreme Routine rein, wie im Film.

Sie sind seit 2007 bei Hertha. In den letzten Jahren hieß es vor jeder Saison, dass es für Sie nicht leichter wird, Spielzeit zu bekommen. Nun standen Sie auch 2018/19 in elf von 14 Spielen auf dem Platz.

Wenn es am Ende der Hinrunde 14 von 17 werden, wonach es gerade aussieht, kann ich sehr zufrieden sein.

Sind Sie nicht selbst etwas überrascht?

Ich hatte eigentlich von Anfang an ein gutes Gefühl. In der Vorbereitung habe ich zentral in der Dreierkette gespielt, eine Position, die ich sehr gut spielen kann. Dann war ich leider etwas angeschlagen und der Trainer begann mit Niklas Stark, Karim Rekik und Jordan Torunarigha da hinten. Die Situation ähnelte der aus dem Jahr davor. Da habe ich auch die komplette Vorbereitung mitgemacht, war topfit und kam in den ersten vier Spielen nicht zum Einsatz. Danach war ich Stammspieler und habe fast jedes Spiel gemacht.

Also werden Sie nicht mehr nervös, wenn Sie zum Start außen vor sind?

Mir geht es in erster Linie darum, dass ich mir persönlich nichts vorwerfen kann. Ich muss sagen können, ich trainiere gut, ich bin immer fit, ich gebe alles. Das ist die Voraussetzung. Wenn der Trainer mich dann nicht aufstellt, muss ich das akzeptieren. Klar, manchmal denke ich auch, ‘warum spiele ich jetzt nicht? Ich gehöre da rein.’ Aber das denken andere auch und deswegen bin ich dann am nächsten Tag nicht sauer oder trainiere schlechter. Das wäre der falsche Weg. Wenn man viel arbeitet, wird man auch belohnt. Das war schon immer so und wird auch so bleiben.

Vorrangig kommen Sie als Innenverteidiger zum Einsatz. Wie sehr haben Sie sich an diese Rolle gewöhnt?

Das ist immer auch ein bisschen launenabhängig. Es gibt bei mir auch Phasen, wo ich denke: ‘Boah, jetzt habe ich keinen Bock auf Innenverteidiger, heute würde ich am liebsten Sechser spielen. Rein ins Spiel, Action. Hin und her.’ Momentan bin ich aber in einer Phase, wo ich mich da hinten super wohl fühle. Solche Phase muss man genießen und das kann ich gerade, was natürlich auch daran liegt, dass wir Spiele gewinnen.

Sie haben nicht unbedingt Idealmaße. Wie kann man körperliche Unterlegenheit als Innenverteidiger wettmachen?

Man versucht, die Zweikämpfe intelligent zu bestreiten, im Idealfall so, dass man gar nicht wirklich in den Zweikampf muss. Etwa indem man dem Gegenspieler einen kleinen Raum lässt, dann aber trotzdem schneller da ist oder sofort Hilfe vom Mitspieler kriegt. Körperliche Unterlegenheit kann man auch zu seinen Gunsten ausnutzen. Wenn mich ein richtig großer, wuchtiger Stürmer hart angeht, sieht das automatisch schon so aus, als würde er mich foulen.

Welche Rolle spielt Erfahrung als Innenverteidiger? Ist das die Position, auf der man am stärksten davon profitiert?

Puh, schwierig. Ich glaube als Stürmer ist es auch Gold wert, wenn du weißt, was du machen kannst und musst, um Tore zu erzielen. Schauen Sie sich Vedad Ibisevic an, der ist das beste Beispiel dafür. Wenn du auf der Sechs Erfahrung hast, ist das auch wichtig, weil du weißt, dass du nicht mehr jeden Lauf mitmachen musst. Ich finde, Erfahrung hilft auf jeder Position. Erfahrung und Spielintelligenz.

Ihr Nebenmann ist der hochveranlagte Jordan Torunarigha. Wie funktionier das Zusammenspiel aus Ihrer Sicht?

Die Chemie ist gut. Aber ich finde es schon ein bisschen extrem, wie jetzt auf uns oder auf Jordan geschaut wird. Wir sind alle gestandene Bundesligaspieler und dann finde ich es verwunderlich, dass ein großes Ding daraus gemacht wird, wenn wir gut spielen.

Weil sie nach den Verletzungen der Stammkräfte Stark und Rekik noch immer als Ersatzmann wahrgenommen werden?

Es kommt immer so rüber, als wenn wir die Notbesetzung sind und die Mannschaft eigentlich Glück hat, dass wir trotzdem gewinnen. Das ist etwas, was ich nicht wirklich verstehe, weil wir beide genug Qualitäten haben, um in der Bundesliga zu bestehen. Es wird eher interessant, was passiert, wenn alle wieder gesund sind.

Sie reden während der Spiele viel, vor allem mit Torunarigha. Welche Rollenverteilung gibt es zwischen Ihnen?

Ich versuche schon, viel zu coachen, aber nicht nur Jordan, sondern auch das Zusammenspiel mit den Sechsern oder mit Valentino Lazaro auf rechts oder Marvin Plattenhardt auf links. Während der Unterbrechungen kommen wir oft kurz zusammen und bereden, was wir besser machen können. Jordan ist genauso, er kommt auch auf mich zu, wenn ihm etwas auffällt. Die Kommunikation funktioniert wirklich sehr gut. Ich bin aber nicht der Wortführer, der etwas für sich beansprucht oder sagt, so und so wird es gemacht. Das ist auch nicht mein Naturell.

Torunarigha ist neun Jahre jünger als Sie. Sie sind dreifacher Vater, er verbringt gern Zeit in Herthas E-Sport-Akademie. Worüber reden Sie außerhalb des Platzes?

Außerhalb haben wir nicht so viel Kontakt. Das ist auch gar nicht schlimm. Jordan ist einfach eine andere Generation, mit anderen Interessen, anderem Fokus. Abseits des Feldes habe ich eher mir Per Skjelbred zu tun, mit Vedad oder mit Thomas Kraft, also mit den Familienvätern. Man muss nicht eng befreundet sein, um auf dem Platz gemeinsam zu funktionieren.

Sie gehören in der jungen Mannschaft zu den Führungspersönlichkeiten. Wie sehr hilft Ihnen Ihre Erfahrung als Vater?

Ich weiß nicht, ob man das vergleichen kann. In der Kabine bin ich eher einer, der gern mal ‘nen Spruch macht, der lauter ist oder auch mal stichelt. Zu Hause bin ich ruhiger. Ich bin mit 23 zum ersten Mal Papa geworden, dadurch wird man automatisch reifer oder sieht viele Dinge gelassener.

Wie stark hat sich das Führen eines Teams in den letzten 15 Jahren verändert?

Komplett. Das ist eine andere Welt geworden, die Hierarchien sind viel flacher. Die Spieler sind alle jünger und weiter, körperlich wie mental. Sie haben schon viel mehr erlebt als die jüngeren Spieler früher und verdienen viel mehr Geld. Früher hat’s im Training öfter mal gescheppert, wenn die Alten was gesagt haben. Das ist nicht mehr so in der Häufigkeit der Fall.

Haben es Spieler wie Torunarigha zum Teil auch schwerer heute?

Früher hast du den Durchbruch mit 21, 22 geschafft und das war dann okay. Heute musst du mit 18, 19 schon funktionieren, sonst wird es eng. Der Druck für diese Spieler ist größer, weil sie eventuell auch schneller abgeschrieben werden.

Am Wochenende geht es zum Tabellen-16. nach Stuttgart. Mit Mannschaften aus der unteren Tabellenregion tat sich Hertha oft schwer dieses Jahr. Warum?

Gegen Düsseldorf kam alles zusammen, da waren wir einfach auch schlecht. In Mainz einen Punkt zu holen, ist in Ordnung, Nürnberg haben wir geschlagen. Ich finde, so schlecht ist die Bilanz nicht. Klar, gegen Freiburg hätten wir gewinnen müssen, aber insgesamt liegen wir im Soll.

Ihr Vertrag läuft am Saisonende aus. Gibt es Gespräche über eine weitere Zusammenarbeit?

Ein kurzes Gespräch gab es, ein erstes Abtasten, aber wir sind noch weit entfernt davon zu sagen, es gibt eine Richtung. Es wird noch weitere Gespräche geben.

Was wäre Ihre Idealvorstellung?

Letztlich will ich solange Fußball spielen, wie es geht. Ich bin jetzt in einem Alter, wo es nicht mehr nur darum geht, was ich will. Ich habe drei Kinder und da müssen wir schauen, was das Beste für die gesamte Familie ist. Wenn es das Beste ist, in Berlin weiterzumachen, dann sehr, sehr gern. Wenn das Beste etwas anderes ist, wieder in die Schweiz oder anderswo hinzugehen, dann wird sich da auch was ergeben. Ich möchte mir bei dieser Entscheidung wirklich Zeit lassen, weil es eine sehr wichtige ist.