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Hertha vs. Stuttgart: Reine Kopfsache

Die Berliner reisen als das kopfballstärkste Team der Liga nach Stuttgart. Der VfB hat Abstiegsangst und Not in der Abwehr.

Foto: dpa Picture-Alliance / Michael Sohn / picture alliance/AP Photo

Berlin.  Davie Selke musste sich mächtig strecken. Auswärtspartien in Stuttgart sind für den gebürtigen Schwaben nun mal emotionale Heimspiele, also war Herthas Angreifer als Organisator gefragt. „Ich musste ein paar Karten mehr besorgen“, sagt Selke, „ich bin ja in Stuttgart aufgewachsen, das ist meine Heimat.“ Und klar, Freunde und Familie wollen dabei sein, wenn der verlorene Sohn am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky) ins Ländle zurückkehrt – allein schon deshalb wird die Partie bei seinem einstigen Jugendklub etwas Besonderes sein für Selke. Nur ist er nicht der einzige Berliner, der unter speziellen Vorzeichen Richtung Süden reist.

Trainer Pal Dardai beispielsweise würde in Stuttgart gern einen persönlichen Makel tilgen. Als Chefcoach verantwortete er bislang drei Gastspiele beim VfB, doch gewonnen hat er dort noch nie. Seine frustrierende Bilanz: zwei Niederlagen, ein Unentschieden, null Tore. „Na wenn das so ist, klappt es dieses Mal zu einhundert Prozent“, sagt der Ungar und grinst.

Trainer Dardai lockt seine Mannschaft mit einer Wette

Woher er diesen Optimismus nimmt? Vielleicht aus dem Ehrgeiz seiner Mannschaft. Er selbst hatte dem Team nicht allzu viel Druck machen wollen, forderte aus den drei Spielen bis Weihnachten (Stuttgart, Augsburg, Leverkusen) vier Punkte. Seine Spieler aber wollen mehr und korrigierten die Zielsetzung intern auf sieben Punkte. „Wenn sie das schaffen“, verspricht Dardai, „gebe ich ihnen ein Essen aus.“

Wille und Einstellung stimmen also schon mal, aber gegen Stuttgart dürfte der Kopf auch in anderer Hinsicht zum Schlüsselelement werden. Nach den bisherigen 14 Spieltagen ist der VfB in der Luft das anfälligste Team der Liga, kassierte bereits sieben Gegentreffer per Kopf. Eine eklatante Schwäche, die bestens zu einer der größten Berliner Stärken passt. Mit 44 Torschüssen per Kopf stellt Hertha den Top-Wert der Liga, und die fünf erzielten Kopfballtreffer werden einzig von Rekordmeister FC Bayern getoppt (6).

Stuttgart fehlen in der Abwehr kopfballstarke Spieler

„Schon gegen Hannover haben wir zweimal per Kopf getroffen und gegen Frankfurt zuletzt auch“, sagt Rechtsverteidiger Valentino Lazaro, „also hoffe ich, dass wir diese Schwäche der Stuttgarter ausnutzen können.“ Ob das gelingt, wird auch von der Qualität seiner Flanken abhängen. Der Rechtsverteidiger tritt die Eckbälle von der rechten Seite. In Hannover bereitete der Österreicher so das Kopfballtor von Jordan Torunarigha vor.

In Torunarigha (1,91 Meter), Vedad Ibisevic (1,88) und Selke (1,94) verfügt Hertha über drei echte Leuchttürme. Stuttgart hat dem nicht allzu viel entgegenzusetzen. Mit Weltmeister Benjamin Pavard (1,86 Meter) und Holger Badstuber (1,90 Meter) fallen zwei kopfballstarke Abwehrspieler verletzt aus. Gefordert ist nun vor allem das junge Verteidiger-Duo Timo Baumgartl (22) und Marc Oliver Kempf (23).

VfB-Coach Markus Weinzierl und seinem Trainerteam dürfte nicht nur deshalb der Kopf rauchen. Zu den aktuellen Ausfällen (insgesamt fehlen mindestens sechs Profis) kommt eine bedenkliche Grundatmosphäre beim Traditionsklub. Die Aufbruchstimmung des Sommers, als 35 Millionen Euro in neue Spieler investiert wurden, ist längst verflogen, und das zarte Pflänzchen Hoffnung, das Anfang Dezember nach einem 1:0 gegen Augsburg keimte, wurde mit dem 0:3 in Mönchengladbach gleich wieder dem Erdboden gleichgemacht. Unterm Strich stehen bedrückend schlechte Zahlen: schlechtester Angriff (nur neun Tore), drittschlechteste Abwehr (29 Gegentore) und Tabellenplatz 16. Woher soll man da Mut schöpfen? Wohl am ehesten aus den Problemchen des Gegners.

Mittelstädt soll verletzten Kalou ersetzen

Denn auch wenn Hertha mit zwei Siegen in Folge einen kleinen Lauf gestartet hat: Rund lief diese Woche weiß Gott nicht. Mit Salomon Kalou (Risswunde auf dem Spann) und Marko Grujic (Sprunggelenk) fallen zwei Leistungsträger aus. Für Kalou dürfte Maximilian Mittelstädt spielen, im Fall von Grujic wägt Trainer Dardai noch ab. „Mit Per Skjelbred hätten wir einen starken Sechser“, sagt er, „und mit Ondrej Duda einen Spieler, der die Bälle nach vorn leiten kann.“ Im Training am Donnerstag erhielt Duda den Vorzug. Ein weiteres Indiz dafür, wie es um die Berliner Psyche bestellt ist. Während Stuttgart die Verunsicherung eines Abstiegskandidaten anzumerken ist, setzt Hertha auf Attacke.

Damit, dass der Hauptstadtklub in der Vergangenheit oft ähnlich gute Gelegenheiten ausließ, will sich Selke nicht weiter beschäftigen. „Wir haben ein richtig breite Brust und wollen in Stuttgart Druck entwickeln“, sagt der Stürmer. Hohe Bälle werden dabei eine wichtige Rolle spielen. „Valentino Lazaro und Marvin Plattenhardt haben beide ihre Vorzüge“, sagt Selke über die potenziellen Flankengeber, „wichtig ist nur, dass der Ball am Ende gut kommt.“ Das Strecken wird dann er übernehmen. So wie zuletzt bei den Tickets für die Familie.

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