Hertha BSC

Davie Selke: „Ich bin Hoffenheim ewig dankbar“

Hertha-Stürmer Davie Selke über das Duell mit seinem Ausbildungsklub und Lehrstunden von Horst Hrubesch.

Davie Selke (Nr. 27) kam in dieser Saison bisher nur als Einwechselspieler zum Zug, hier in der Partie gegen Wolfsburg.

Davie Selke (Nr. 27) kam in dieser Saison bisher nur als Einwechselspieler zum Zug, hier in der Partie gegen Wolfsburg.

Foto: Swen Pförtner/dpa

Berlin.  Davie Selke (23) kommt gut gelaunt zum Gespräch. Zuvor hatte der Stürmer von Hertha BSC noch eine Textnachricht an seinen Kumpel Joshua Kimmich geschickt. Es ging dabei wohl um Oberlippenbärte, die Selke für sich kategorisch ausschließt. Während des Interviews wird er dann ernster, als es um seine Lungenverletzung, den für ihn persönlich schwierigen Saisonstart und Herthas Heimspiel heute gegen seinen Jugendklub (2009-12) Hoffenheim geht (15.30 Uhr/Sky).

Herr Selke, sind Sie ein geduldiger Mensch?

Davie Selke : Nein. Gar nicht.

Vor diesem Hintergrund muss diese Saison nicht einfach sein. Bisher standen Sie noch kein einziges Mal in der Startelf.

Die Saison ist nicht gut gestartet für mich persönlich. Dann haben sich die Jungs in einen Lauf gespielt. Aber jetzt habe ich mich ganz gut zurückgekämpft. Ich glaube, mehr kann man nicht machen als Joker. Tor gemacht in Düsseldorf, Elfmeter rausgeholt in Dortmund. Mehr geht momentan nicht.

Schmerzte es, zuschauen zu müssen, als die Mannschaft von Sieg zu Sieg eilte?

Zuerst, als ich noch nicht fit war, musste ich von der Tribüne auszusehen. Das war am Schlimmsten, weil ich da nichts beisteuern konnte. Auf der Bank war es schon ein wenig besser, weil ich dort die Gewissheit hatte, noch rein kommen und Helfen zu können. Aber auf Dauer ist das nicht mein Anspruch.

Die Rolle des Jokers wird also nicht Ihre Lieblingsrolle?

Mein Ziel ist es, meine Situation schnellstmöglich zu ändern. Dafür tue ich alles. Joker ist auch nicht meine absolute Stärke. Ich bin ein Spieler, der über den Kampf ins Spiel kommt. Ich brauche diese ersten Minuten, die ersten Bälle, die ersten Zweikämpfe. Ich weiß, es gibt Spieler, die lieben die Jokerrolle. Ich zähle eher nicht dazu.

In Sommer kollabierte ihre Lunge, Sie mussten operiert werden. War es mental noch belastender als die Fußverletzung in der vergangenen Spielzeit?

Ja. Damals ging es relativ schnell, dass ich schmerzfrei war. Vom Gefühl her hatte ich auch nicht so viel Kondition verloren, das Zurückkommen fiel mir nicht sehr schwer. Dieses Jahr war es schwieriger. Ich habe schnell gemerkt, dass ich nach der Operation konditionell viel nachholen musste. Meine Werte haben das auch bestätigt. Es war also die deutlich schlimmere Verletzung, ich hatte richtig zu kämpfen.

Gibt es Momente, an denen man anfängt, mit dem Schicksal zu hadern?

Für mich war es ärgerlich, wieder mit einer Verletzung zu starten und sich wieder zurückkämpfen zu müssen. Dann habe ich noch einen Stürmer vor mir, der nicht ganz so schlecht ist mit Vedad Ibisevic. Sie verstehen, was ich meine?

Ibisevic hat über viele Jahre seine Treffsicherheit in der Bundesliga nachgewiesen. Zudem ist er Herthas Kapitän.

Genau das meine ich. Er ist nicht irgendein Spieler, hat es in meiner Abwesenheit richtig gut gemacht und getroffen. Jetzt muss ich mich wieder rankämpfen. Im letzten Jahr hat das ganz gut geklappt. Im Moment liegt mein Schnitt ungefähr bei 20 Minuten, da kann gern noch was dazu kommen. Ein Startelfeinsatz in der Bundesliga würde ganz gut tun.

Sie haben eine hervorragende Debütsaison hingelegt mit zehn Toren in der Bundesliga. Derzeit liegen Sie bei einem Tor. Empfinden Sie diese Spielzeit als Rückschritt?

Als Rückschritt nicht, aber natürlich ist die Saison bis jetzt nicht optimal gelaufen. Das liegt aber eben auch an den Spielminuten. Ich brauche schon Spiele, um wieder reinzukommen. Alles kommt mit den Einsätzen, mit dem Spielfluss. Ein Startelfeinsatz ist anders, als wenn du weißt, du hast nur noch 20 Minuten und musst in dieser Zeit alles zeigen.

Die Mannschaft hatte einen tollen Start. Warum ist sie vom Kurs abgekommen?

Jede Mannschaft erlebt im Laufe einer Serie einen Hänger. Leider ist das bei uns gerade der Fall. Wir sind sehr, sehr gut gestartet, haben eine Selbstsicherheit entwickelt, die darin gipfelte, dass wir fest daran glaubten, Bayern schlagen zu können, was dann eingetreten ist. Zu dieser Zeit hat alles geklappt. Dann konnten wir den Schwung nicht mitnehmen. Solche Phasen gibt es leider, aber für uns bricht da keine Welt zusammen. Wir können das einschätzen und damit umgehen. Ich hoffe, dass es gegen Hoffenheim wieder besser läuft.

Beeinflussen das Team die Nebengeräusche, die den Verein derzeit umgeben? Gegen Hoffenheim ist nach der Aufhebung des Verbots für Spruchbändern und Blockfahnen wieder mit einer stimmungsvollen Kulisse zu rechnen.

Gegen Leipzig war es für uns Spieler schon ein bisschen komisch. Niemand kommt gern ins Stadion, um leise zu sein. Ich denke, dass ist für beide Seiten wichtig. Wir brauchen die Fans, und sie wollen uns auch nach vorne peitschen. Für uns ist einfach wichtig, dass wir ihre Unterstützung kriegen. Alles andere ist Kreisliga B.

Nun kommt mit der TSG eine weitere Spitzenmannschaft.

Das ist eine Mannschaft mit einem sehr guten Trainer, die immer Lösungen parat hat. Das wird eine richtige Aufgabe für uns werden. Aber wir wollen mutig spielen, sie vor Probleme stellen, unser mutiges Heimgesicht zeigen und gewinnen.

Sie haben in der Jugend einst für die TSG gespielt. Welche Rolle nahm der Verein auf Ihrem Weg zur Profikarriere ein?

Eine große. Ich hatte dort vier richtig gute Jahre mit sehr guten Leuten zu tun wie Alexander Rosen, die mich sehr geprägt haben. Beim VfB Stuttgart bin ich mit 13 noch weggeschickt worden, Hoffenheim gab mir die Möglichkeit, weiter an meinem Traum zu arbeiten. Dafür bin ich dem Klub ewig dankbar.

Hoffenheim galt in Sachen Jugendausbildung als unheimlich fortschrittlich. Wie haben Sie die Ausbildung dort wahrgenommen?

Alles war top, eine ganz andere Welt. Ich war auf dem Internat, uns fehlte es an nichts. Wir hatten Physiotherapeuten, gut ausgebildete Trainer, einfach alles. Ich kam von meinem kleinen Heimatverein. Wenn ich da einen Pferdekuss bekommen hatte, hieß es: Davie, lauf mal raus das Ding. In Hoffenheim hattest du gleich mehrere Leute, die sich dann um dich gekümmert haben.

Trotzdem haben Sie nie ein Spiel für Hoffenheim in der Bundesliga bestritten.

Am Ende hat es nicht mehr gepasst, weil ich schnell nach oben wollte und sie einen langsameren Weg für meine Entwicklung vorgeschlagen hatten.

Wie sah dieser Weg aus?

Nach meinem ersten A-Jugendjahr wollte ich direkt in die U23. Die Verantwortlichen wollten aber, dass ich weiter A-Jugend spiele. Das war der Grund für meinen Wechsel nach Bremen.

Welche Eigenschaft wurde in Hoffenheim besonders geprägt?

Mentalität. Ich war damals nicht ganz so einfach, ein richtiger Heißsporn, wollte immer alles sofort und bin gern auch mal übers Ziel hinausgeschossen. Sie haben sich aber immer Zeit für mich genommen und mit mir geredet, weil sie wussten: Wenn der klar in der Birne ist, trifft er auch. Sie wussten, mich dort gut zu nehmen.

Es heißt, Horst Hrubesch wusste das auch?

Auf jeden Fall. Als ich zu ihm in die U-Nationalmannschaft kam, dachte ich, dass ich weiß wo das Tor steht. Er hat mich am Anfang aber recht kühl behandelt. Er wollte mich ganz schnell auf den Boden zurück bringen. Das ist ihm auch sofort gelungen (lacht).

Wie?

Wir haben Torschüsse gemacht, so ungefähr von der Sechzehnerkante. Ich habe sechs von zehn getroffen und dachte: Siehst du, ich kann’s! Er meinte aber nur. Du musst zehn von zehn machen! Dann hat er sich zehn Bälle hingelegt und alle zehn reingehauen. Zack, Zack, Zack. Da war ich ruhig. Danach hatten wir ein super Verhältnis, er hat es immer gut mit mir gemeint und wollte mich pushen.

Es hieß lange, der echte Stürmer sei nicht mehr gefragt. Hatten Sie auch das Gefühl?

Nein, nie. Wo auch immer ich gespielt habe, war dieser Spielertyp gefragt. Ich habe noch nie erlebt, dass meine Mannschaft mit einer falschen Neun spielt und ich nicht mehr gefragt war als Typ. Ich glaube, dass jede Mannschaft vorne einen richtigen Neuner braucht. Das wird auch immer so sein.

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