Immer Hertha

Zusammenhalt ist der größte Trumpf

Sebastian Stier über Herthas bevorstehende Mitgliederversammlung und Pokerspiele in der Berliner Führungsetage.

Sebastian Stier,  Fußballreporter

Sebastian Stier, Fußballreporter

Foto: pa/Reto Klar

Berlin. Am kommenden Montag lädt Hertha BSC zur Mitgliederversammlung. Solche Veranstaltungen sind nicht immer schön. Es wird geredet und nicht immer zugehört, es gibt sinnige und unsinnige Beiträge, es wird gemeckert und manchmal auch geflucht. Eines aber ist gewisser als Selfiestick-Touristen rund ums Brandenburger Tor: Herthas Mitgliederversammlung ist immer auch ein Stimmungsbarometer der Gegenwart.

Viel Fantasie gehört nicht dazu, um sich vorzustellen, dass nicht nur Jubel die Messehallen fluten wird. Einiges ist passiert in den vergangenen Monaten, was das Binnenklima belastet. Die Ausschreitungen in Dortmund, der Stimmungsboykott gegen Leipzig. Dass die Fans im Heimspiel gegen Hoffenheim wieder Spruchbänder und Fahnen mitbringen dürfen, ist als gereichte Hand seitens des Vereins zu verstehen. Es ist das richtige Zeichen. Ein mucksmäuschenstilles, von Hoffenheimern akustisch dominiertes Olympiastadion kann niemand wollen.

Sportlich läuft es nicht mehr wirklich rund, aus den vergangenen sieben Spielen hat Hertha nur sechs Punkte geholt. Die Zahl der Verletzten ist groß, und dann war da noch der energische Abwerbungsversuch des VfB Stuttgart, der Co-Trainer Rainer Widmayer lockt. Widmayer wollte gehen, musste aber bleiben. Sportlich verständlich, aber auch diese Personalie sorgte nicht unbedingt für ein Stimmungshoch.

Grau in grau statt eitel Sonnenschein

Jeder einzelne Vorgang fügt sich zu einem Bild, dessen Farbe mit der des Berliner Himmels im November übereinstimmt. Umso bedauerlicher, weil vor wenigen Wochen noch das knallige Gelb des Spätsommers dominierte. Nur verderben zu viele Nebengeräusche am Ende den Ton.

Hertha ist nicht der erste Verein, der diese Erkenntnis bewältigen muss. Fußballklubs sind wie alle anderen Zusammenschlüsse immer dann stark, wenn sie in allen Bereichen Einigkeit demonstrieren. Nach dem Motto: Wir gegen den Rest der Welt.

Beim FC Bayern gehörte es viele Jahre zu den ausgewiesenen Vorzügen, dass immer dann die Mauern der Wagenburg hochgezogen wurden, wenn vermeintliche Feinde von außen am stärksten dran wackelten. Mia san Mia ist inzwischen längst Mythos und dazu Synonym für innere Stärke. Daran können selbst Pressebeschimpfungskonferenzen und Menschenrechtswürdereden nichts ändern.

Bloß nicht verzocken

Borussia Dortmund erlebt auch wieder eine dieser Hochphasen, die dem Klub in unregelmäßigen Abständen gewiss sind. Der Verein ruht gerade in sich und das, obwohl nicht mal gesichert ist, ob Trainer Lucien Favre an den von Joachim Watzke turnusmäßig veranstalteten Kartenspiel-Runden teilnimmt. Die galten immer als Indikator für das Betriebsklima. Thomas Tuchel wurde der Überlieferung nach auch zum Verhängnis, dass er den Männerabenden mit der Dortmunder Chefetage nur zu gern aus dem Weg ging.

Die Ära Tuchel endete unschön, mit anonymen Stimmen aus Spielerkreisen, die alle wenig Schmeichelhaftes über den Trainer erzählten. Sie waren das letzte und deutlichste Anzeichen für das Bröckeln der einstigen Wagenburg. Statt echter Liebe gab es echte Hiebe, verbal ausgeteilt von Watzke. Im Fall von Peter Bosz lief die Trainer-Trennung etwas geräuschloser ab. Peter Stöger war danach ohnehin nur eine Zwischenlösung. Erst jetzt, da die Dortmunder intern wieder zur Ruhe gekommen sind und auch auf der Trainerposition Kontinuität zu herrschen scheint, ist der Erfolg zurückgekehrt.

Wer bei Hertha mit wem gern Karten spielt, ist nicht überliefert. Auch nicht, ob Poker, Skat oder Schafkopf das favorisierte Spiel ist. Wichtiger sind die Entscheidungen, die dem Verein bevorstehen. Sei es, was den Umgang mit den Fans angeht oder sei es bezogen auf den Stadionneubau. Und das diejenigen, die sie treffen müssen, sich nicht verzocken.

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