Stimmungs-Boykott

Hertha fühlt sich fremd im eigenen Wohnzimmer

Hertha kassiert beim 0:3 gegen Leipzig die erste Heimpleite der Saison – und vermisst den Beistand der Fans.

Gegen Leipzigs Timo Werner (r.) hatten die Berliner mehrfach das Nachsehen. Der Nationalstürmer erzielte die ersten beiden Treffer.

Gegen Leipzigs Timo Werner (r.) hatten die Berliner mehrfach das Nachsehen. Der Nationalstürmer erzielte die ersten beiden Treffer.

Foto: Matthias Koch/Michael Hundt

Berlin. Herthas bester Spieler hatte schlechte Laune. Missmutig stapfte Rune Jarstein in die Kabine. Vorbei an den Reportern, vorbei an den eigenen Leuten. Seine Miene verriet auch aus größerer Entfernung, dass es kein gelungener Abend für ihn und seine Mannschaft gewesen sein konnte. Hätte der Torwart nicht als einziger eine ausgesprochen gute Tagesform erreicht, Herthas Niederlage gegen RB Leipzig wäre deutlich höher ausgefallen. So blieb es bei einem 0:3 (0:1). „Sechs, sieben, vielleicht acht Spieler hatten heute eine schlechte Tagesform, geistig und körperlich“, sagte Trainer Pal Dardai: „Das geht auf meine Kappe, wenn so viele Spieler nicht die richtige Form haben. Das war keine richtige Zweikampfführung, keine Aggressivität.“ Den Leipziger Sieg schätzte er als verdient ein.

Die erste Heimniederlage der Saison hat für Hertha ein Abrutschen auf Tabellenplatz acht zur Folge. Nachdem die Mannschaft in den bisherigen Spitzenspielen gegen den FC Bayern (2:0) und Borussia Dortmund (2:2) ihre besten Leistungen abrufen konnte, lief gegen Leipzig wenig zusammen – abgesehen von einer guten Phase Mitte der ersten Halbzeit. „Wir waren nicht so von Anfang an im Spiel, wie wir das gewohnt sind. Gegen Bayern oder in Dortmund waren wir sofort da, das war heute leider nicht der Fall“, sagte Davie Selke. Der Stürmer erlebte die erste Stunde gegen seinen Ex-Klub von der Bank aus, später konnte auch er das Spiel nicht mehr drehen. Einmal lief er allein aufs Tor zu, da hatte Schiedsrichter Aytekin aber längst Abseits gepfiffen. Für Leipzig war es der dritte hohe Sieg beim dritten Spiel im Olympiastadion. Nach 4:1 und 6:2 nun 3:0.

Leipzig dominierte nicht nur auf dem Rasen, sondern hatte auch auf den Rängen die Stimmhoheit (s. Text rechts). Leittragende der beinahe 90 Schweigeminuten des Berliner Anhangs waren Herthas Spieler. Sie fremdelten im eigenen Wohnzimmer, so als hätten sie im Hausflur aus Versehen die falsche Tür aufgeschlossen. Die ungewohnte akustische Leipziger Dominanz trieb die Gäste sofort nach vorn. Schon nach 55 Sekunden musste sich Jarstein bei einem Versuch von Timo Werner mächtig strecken. Es war der Auftakt zu einem Privatduell, bei dem Jarstein im Einzelnen oft Sieger blieb, am Ende aber doch der Verlierer war.

Dass Werner öfter vor im auftauchte, als ihm lieb sein konnte, lag vor allem daran, dass Jarsteins Mitspieler in der Anfangsphase kaum in die Zweikämpfe kamen. „Gegen den Ball waren wir immer zu spät“, sagte Dardai. Leipzig war aggressiver, wacher und ging früh verdient in Führung, wenn auch auf etwas kuriose Weise. Eine hohe Eingabe beförderte Maximilian Mittelstädt zuerst aufs eigene Tor, dann trat er über den Abpraller, ehe Werner per Knie die Leipziger Führung gelang (7.). Vielleicht wäre vieles anders gelaufen, hätten Salomon Kalou kurz darauf nicht frei vor dem Tor die Nerven versagt (9.). Vorausgegangen war ein toller Pass von Vedad Ibisevic, der die komplette Leipziger Abwehr aufriss. Jener Kalou, der vor einer Woche noch so abgeklärt beide Treffer beim 2:2 in Dortmund erzielt hatte.

Aber an diesem Abend war ohnehin vieles anders als in der Vorwoche. Hertha begann in einer ungewohnten Anordnung. Trainer Dardai hatte drei Dreierketten aufgeboten, dazu Ibisevic als einzige nominelle Spitze. Marvin Plattenhardt und Mitttelstädt begannen beide auf links, Fabian Lustenberger organisierte die Verteidigung. Flankiert wurde er von Karim Rekik und Niklas Stark.

Es dauerte 20 Minuten, ehe Hertha ins Spiel fand. In der besten Berliner Phase zwischen der 20. und der 40. Minute hätten Kalou (21.) und Ibisevic (41.) den Ausgleich erzielen müssen, scheiterten aber an RB-Torwart Peter Gulacsi. Leipzig zeigte zwar auch in diesem Abschnitt die bessere Spielanlage, hatte aber mit vertikalen Pässen der Berliner immer wieder Probleme.

Torwart Jarstein verhindert eine noch höhere Niederlage

Den vergebenen Möglichkeiten der ersten Halbzeit trauerte Hertha nach dem Seitenwechsel hinterher. Der zweite Abschnitt gehörte ausschließlich Leipzig. Werner hätte sofort erhöhen müssen, scheiterte aber zweimal an Jarstein (48., 51.), ehe er nach feinem Zuspiel von Bruma zum 2:0 traf (53.). „Sie haben im richtigen Moment getroffen. Wir dagegen haben es versäumt, in der ersten Halbzeit das 1:1 zu machen“, sagte Dardai.

Nach Werners zweitem Tor war das Spiel praktisch entschieden. Hertha kam nicht mehr nennenswert vor das gegnerische Tor, Leipzig besaß dafür einige vielversprechende Kontergelegenheiten. Wieder scheiterte Werner gegen Jarstein (73.), doch was aus Nahdistanz nicht klappte, gelang Cunha mit einem Gewaltschuss aus 20 Metern. Gegen diesen Einschlag war dann selbst Jarstein machtlos (75.).

Mehr über Hertha BSC:

Davie Selke: „Die Unterstützung der Fans hat gefehlt“

Scharfe Einlasskontrollen: Hertha-Fans mussten warten