Bundesliga

Kalou ist Herthas Mann für gewisse Momente

Der Ivorer beendet gegen Dortmund seine Torflaute – dabei sollte der 33 Jahre alte Angreifer eigentlich gar nicht spielen.

Foto: imago sport / imago/Matthias Koch

Berlin.  Einen einsatzfreudigeren Spieler als Davie Selke zu finden, ist eigentlich schwer, aber in dieser speziellen Situation hätte selbst er nicht unbedingt mit Salomon Kalou tauschen wollen. „Es gibt schönere Momente, als in Dortmund zum Elfmeter anzutreten“, sagte Herthas Rekordeinkauf. Sein Kollege Kalou aber schien die Situation fast zu genießen und verwandelte in der Nachspielzeit trocken zum 2:2 (1:1)-Endstand. Trotz der infernalischen Pfiffe in einem der lautesten Stadien des Kontinents. Trotz des Drucks kurz vor Schluss. Und trotz der großen Erschöpfung, die nach 92 umkämpften Minuten tief in die Beine gesickert war.

„Das war positiver Druck“, sagte Doppeltorschütze Kalou nach dem Coup beim derzeit erfolgreichsten und aufregendsten Team der Liga, „solche Situationen mag ich.“ Tatsächlich zeigte der Ivorer beim Tabellenführer seine bislang beste Saisonleistung, traf nicht nur vom Punkt, sondern erzielte kurz vor der Pause mit Klasse und Cleverness auch das 1:1 (41. Minute). Dabei bestach der 33-Jährige vor allem mit einer Qualität, die den Dortmundern abging: Effizienz.

Von seinen vier Torschüssen manövrierte Kalou zwei ins Netz – eine Quote, von der der BVB, bei dem am Ende nicht weniger als 19 Versuche zu Buche standen, nur träumen konnte. „Ich wusste, dass ich gegen ein Team wie Dortmund nicht viele Chancen bekomme“, sagte Kalou. Aber die, die sich ihm boten, nutzte er.

Trainer Dardai plante Einsatz von Davie Selke

Das Kuriose daran: Um ein Haar hätte Kalou im Topspiel des neunten Spieltags gar nicht auf dem Platz gestanden. „Ich habe mich schon am Montag für die Taktik mit zwei Stürmern entschieden“, verriet Trainer Pal Dardai am Sonntag mit breitem Grinsen, „aber eigentlich war der Plan, mit Vedad Ibisevic und Davie Selke zu spielen.“ Anders als beim Elfmeter hätte Selke in diesem Fall allzu gern mit Kalou getauscht, doch der Trainer entschied sich nach einem Gespräch mit Kalou um. Eigentlich hatte Dardai Kalou mitteilen wollen, dass er Selke als zweiten Stürmer für geeigneter hält. Kalou, sonst Flügelspieler, schaffte es jedoch, seinen Coach zu überzeugen. Er werde alle Entscheidungen akzeptieren, berichtete Dardai von Kalous Reaktion, aber er beherrsche auch die Rolle als zweite Spitze. Dardai entschied aus dem Bauch – und lag gut damit.

Dabei hatte die Statistik nicht unbedingt für den Altmeister gesprochen. In den ersten acht Saisonspielen war Kalou kein einziger Treffer gelungen, eine ziemlich lange Durststrecke für eine Offensivkraft seines Formats. Ex-Profi Dardai vertraute jedoch lieber seiner eigenen Statistik: „Wenn ein großer Torjäger so lange nicht trifft, macht er danach meist zwei Tore auf einmal oder zweimal in Folge eins. Das habe ich ihm schon vor dem Freiburg-Spiel gesagt, und weil er gegen Freiburg nicht getroffen hat, habe ich ihn in Dortmund noch mal daran erinnert. Sala, denk’ dran, zwei Tore.“

Nun sind Tore im Fußball natürlich die härteste Währung, doch Kalous Wert für Hertha lässt sich nicht allein an der Zahl seiner Treffer festmachen. Der höchstdekorierte aller Berliner Profis taugt zum Vorbild, weil er Professionalität und Teamgeist vorlebt, nicht zuletzt aber, weil er ein schier unerschütterliches Selbstvertrauen ausstrahlt. „Er hat immer eine enorm gute Körpersprache“, sagte Dardai, „er fordert immer den Ball.“ Auch und gerade in den großen, den besonderen Spielen. Was soll ihn, den Champions-League- und Afrika-Cup-Gewinner, auch noch beeindrucken? „Ich habe acht Spiele auf ein Tor gewartet“, sagte der Gelobte, „aber jetzt kamen die Treffer zur rechten Zeit.“ Er ist und bleibt ein Mann für gewisse Momente.

Im DFB-Pokal in Darmstadt sind die Berliner klarer Favorit

Mit Herthas Offensivleistung war Dardai nicht nur wegen seines Doppeltorschützen hochzufrieden. Defensiv sah es jedoch anders aus. „Die ersten 20 Minuten waren überhaupt nicht in Ordnung“, bemängelte der Coach, „da haben wir nicht nach vorn verteidigt.“ Auch im zweiten Durchgang taten sich im Mittelfeld große Lücken auf, Gift gegen ein so schnelles Team wie Dortmund. „Wir haben zu viele Bälle im Zentrum verloren“, monierte Verteidiger Karim Rekik, der deshalb „gefühlt so viel gerannt ist wie noch nie.“ Ein Einsatz, der sich lohnte – auch, weil dem BVB bei seiner Chancenfülle die Kaltschnäuzigkeit eines Kalou fehlte.

„Früher haben wir die Spiele gegen die Top-Teams verloren“, sagte Dardai, „im Moment sehen wir in diesen Partien richtig gut aus.“ Die Siege gegen Schalke, Gladbach und den FC Bayern sprechen für sich, genauso wie der Punkt in Dortmund. Nun aber schlüpft Hertha selbst in die Favoriten-Rolle, Dienstag im DFB-Pokal bei Zweitligist Darmstadt (18.30 Uhr). „Da“, sagte Dardai, „müssen wir gewinnen und das Unentschieden vergolden.“