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Hertha-Euphorie: Jenseits der Wumpe-Zeit

Siege gegen Bayern und Schalke haben in Berlin für einen neuen Anspruch gesorgt. Dabei benötigt Hertha Geduld.

Wann wurde Ihnen das letzte Mal ein Witz erzählt mit folgender Ankündigung. „Jetzt pass auf, der ist echt witzig.“ Wetten, Sie haben nicht gelacht? Bei wirklich witzigen Witzen ist es nicht nötig, sie als witzig zu deklarieren. Die Lacher kommen von ganz allein.

Genau so verhält es sich mit Ereignissen, die wir als legendär einstufen. In den vergangenen Tagen war immer wieder von der „jetzt schon legendären Pressekonferenz“ zu lesen, wenn es um das bizarre Schauspiel ging, das sich am vergangenen Freitag in München abgespielt hatte. Sie wissen schon, die „Menschenwürde-Rede“ von Karl-Heinz Rummenigge, in deren Zuge Uli Hoeneß recht menschenunwürdig den Spieler Juan Bernat („Scheißdreck“) abkanzelte. Und alles nur, um die bayerische Wagenburg gegen den Luzifer in Pressegestalt wieder hochzuziehen.

Jene Teile der Journaille also, mit denen die Bosse lange gekungelt hatten. Sofort wurden Vergleiche hergestellt zur Flasche-leer-Pressekonferenz von Giovanni Trapattoni vor 20 Jahren. Die war tatsächlich legendär. Sagt jedenfalls das Internet, unser Gradmesser der Gegenwart. Wer bei Google den Suchbegriff „Trapattoni“ eingibt, der wird sofort auf „legendäre Wutrede“ verwiesen.

Negativ-Schlagzeilen nach Unentschieden gegen Freiburg

Mit Legenden verhält es sich wie mit selbst gebranntem Fruchtschnaps. Beide brauchen ihre Zeit. Wenn ich über den Jahrgang 2018 sage, er sei jetzt schon legendär, die Jahrgänge 19, 20 und 21 aber viel besser werden, ist der Achtzehner retrospektiv nicht mehr legendär. Keine Sorge, ich will hier keine Angst schüren, dass die Münchner Freidenker schon bald zum nächsten grotesken Rundumschlag ansetzen. Ich möchte nur ausdrücken, dass wir vielen Dingen heute nicht mehr genügend Zeit einräumen, nicht mal bei der Bewertung von Pressekonferenzen. Die werden nicht über Nacht zu Legenden, Fruchtschnäpse nicht nach einem Tag gut und Hertha BSC nicht in wenigen Wochen zur Spitzenmannschaft.

Nach dem 1:1 gegen Freiburg gab es Stimmen, die sich genau darüber wunderten. „Hertha zeigt, dass man noch nicht zur Spitze gehört“, lautete eine Zeile, oder: „Berliner längst noch kein Topteam.“ Nach dem Motto: „Das kann jetzt aber nicht sein.“ Wer die Bayern schlägt, der muss auch Freiburg die B­ 5 entlang aus der Stadt jagen.

Es ist gerade mal sieben Monate her, da wurde ein Remis gegen Freiburg als relativ normal hingenommen. Besser als nüscht. So ein Punkt reichte, um nicht in größere Abstiegsgefahr zu rutschen. Dass damit nach oben nicht viel ging, war auch irgendwie wumpe. In Berlin wurden zu dieser Zeit kleinere Schrippen gebacken.

Es darf wieder geträumt werden

Nun, nach einigen rauschhaften Auftritten in dieser Saison, ist der Appetit wieder größer. Siege gegen Schalke, Gladbach und die Bayern führten zu einer Euphorie, in deren Zuge so mancher schon mal heimlich die Flugverbindungen nach London oder Barcelona ausgecheckt hat. Man will ja nicht der Letzte sein, wenn es doch was wird mit dem Europapokal. Dass wieder geträumt werden darf, liegt auch daran, dass die Verantwortlichen zuletzt eine ganz aufregende Mischung von Talenten in den Warenkorb gepackt hatten. Herthas Fußball macht wieder Lust auf mehr, und die rund 53.000 Zuschauer im Olympiastadion am Sonntag verdeutlichten das. In der Wumpe-Zeit, also vor sieben Monaten, waren noch 15.000 weniger gegen Freiburg erschienen.

Nur benötigen junge Teams auf ihrem Weg nach oben unbedingt auch Steine, die ihnen der Gegner vor die Füße wirft. Die müssen sie wegräumen, nur so können sie wachsen. Aus Enttäuschung entsteht Ehrgeiz, aus Ehrgeiz entstehen Siege. Das ist die Formel, nach der Sport funktioniert. Also nicht ungeduldig werden, diese Hertha-Jungs werden den Berlinern noch viel Freude bereiten. Wem das Warten zu lang wird, der kann sich die Zeit zwischendurch ja mit einem Fruchtschnaps verkürzen.

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