Personalnot in der Abwehr

Hertha muss einen Balanceakt aus dem Tiefstand meistern

Weil auch Rekik ausfällt, muss Hertha-Coach Dardai gegen Freiburg die Abwehr umbauen. Hält die Statik des Berliner Spiels das aus?

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Berlin.  Als Hertha BSC im August in die Saison startete, gönnten sich die Berliner nicht weniger als drei Innenverteidiger auf dem Platz. Niklas Stark, Karim Rekik und Jordan Torunarigha thronten in der Abwehr als kaum zu bezwingendes Zentralmassiv, doch nun, vor dem Heimspiel am Sonntag gegen den SC Freiburg (15.30 Uhr, Olympiastadion), ist davon nichts mehr übrig. Seit Freitag steht fest: Nach Torunarigha und Stark wird auch Rekik ausfallen. Herthas Abwehrblock ist dahingeschmolzen wie ein Gletscher im Rekordsommer, übrig geblieben sind nur noch Routinier Fabian Lustenberger (30), der gesetzt ist, und Zugang Derrick Luckassen (23), der erst drei Minütchen Bundesliga-Erfahrung vorzuweisen hat. Eigengewächs Florian Baak (19) werden eher theoretische Chancen eingeräumt.

Nun zählt Freiburg nicht zu jenen Teams der Liga, die den Gegnern mit ihrem Angriffsspiel schlaflose Nächte bereiten. Trotzdem treffen Hertha die Ausfälle hart, denn trotz der neuentdeckten Lust auf Offensive ist die stabile Abwehr die Basis des Berliner Erfolgs geblieben. Nur Mainz 05 (vier) kassierte in dieser Saison weniger Gegentore als der Hauptstadtklub (sieben, nur zwei aus dem Spiel, keins nach Kontern) – nicht zuletzt der Verdienst der gut harmonierenden Innenverteidigung, die die Räume vor dem Tor sehr eng gemacht hat. Tatsächlich stand keine Verteidigungsreihe bislang tiefer als die Berliner. Der Abstand zur Torauslinie betrug im Durchschnitt nur 31,6 Meter.

Neben Lustenberger wird Zugang Luckassen spielen

Als die Freiburger im August in die Saison starteten, war der wichtigste Akteur nicht dabei. Trainer Christian Streich verpasste die ersten zwei Spiele wegen einer Bandscheiben-Operation. Die Bilanz ohne den Chef: zwei Niederlagen, 1:5 Tore. Mit seiner Rückkehr an den Spielfeldrand brachte Streich seine Spieler jedoch schnell zurück auf Linie, vor allem die Viererkette, die inzwischen nur einen Meter weiter im Feld steht als die Berliner. Das Resultat: acht Zähler aus fünf Spielen, mit Siegen gegen Schalke und Wolfsburg und einem Punktgewinn gegen Leverkusen, jeweils erkämpft mit aufopferungsvoller, disziplinierter Verteidigungsarbeit.

„Christian Streich macht seit Jahren einen herausragenden Job“, sagt Herthas Manager Michael Preetz, ohne die Leistung seines eigenen Trainers kleinreden zu wollen. Dardai stehe genauso für Konstanz, setze dabei immer wieder neue Impulse. Jene zeigen sich in dieser Saison im verbesserten Kombinations- und Konterspiel. Dass Hertha nach Borussia Dortmund die zweitmeisten Kontertore geschossen hat, hängt jedoch auch mit der tiefstehenden Verteidigung zusammen, die den Gegner weit aus der eigenen Hälfte lockt.

Dardai: „Entscheidend wird sein, dass Derrick das Tempo annimmt“

Weil Freiburg jedoch auf dasselbe Stilmittel setzt, werden die Berliner aus ihrem Tiefstand heraus einen Balanceakt meistern müssen: einerseits als Heimteam das Spiel machen, andererseits nicht selbst in die Konterfalle tappen. Rechtsverteidiger Valentino Lazaro stellt sich auf ein Geduldsspiel ein. „Wir brauchen Seitenwechsel und schnelle Kombinationen“, sagt der Österreicher, „aber wir haben zuletzt bewiesen, dass wir variantenreich spielen können.“

Personell bleiben Trainer Dardai indes kaum Varianten. Vollends überzeugt wirkt er von Luckassen noch nicht. „Entscheidend wird sein, wie er das Tempo und die Zweikampfführung in der Bundesliga annimmt“, sagt der Ungar, „das ist schwer einzuschätzen.“ Viel wird daher auf den erfahrenen Lustenberger ankommen, der mit seinem 197. Bundesliga-Einsatz in der klubinternen Rangliste Ex-Stürmer Preetz (196) überholt. Der Manager macht aus seinen Erwartungen kein Geheimnis. „Freiburg genießt von unserer Seite ­große Wertschätzung“, sagt er, „das ­einzige Problem ist, dass sie auch ein unangenehmer Gegner sind. Das wird auch am Sonntag so sein.“