Eigengewächs

Maximilian Mittelstädt bei Hertha auf dem Vormarsch

Herthas Eigengewächs konkurriert mit Confed-Cup-Sieger Marvin Plattenhardt um die Position als linker Verteidiger.

Reif für die große Bühne: Herthas Maximilian Mittelstädt (l.) im Duell mit Bayerns Serge Gnabry

Reif für die große Bühne: Herthas Maximilian Mittelstädt (l.) im Duell mit Bayerns Serge Gnabry

Foto: Thomas Eisenhuth / picture alliance / ZB

Berlin.  Gemütlich schlenderte ­Maximilian Mittelstädt (21) nach dem Training die Hanns-Braun-Straße hinunter, geradewegs Richtung U-Bahn, Station Olympiastadion. Seine Mitspieler waren da entweder zu Hause oder machten sich in ihren flotten Sportwagen gerade auf den Weg. Mittelstädt wählte an diesem Tag die Öffentlichen, um Heim zu kommen.

Es gibt in Berlin nicht viele Fußballprofis, die sich mit der U-Bahn fortbewegen, aber zu Mittelstädt und dessen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit passt das. Da ist dieser Berliner Junge, in der Stadt geboren, auf­gewachsen und sportlich sozialisiert, und natürlich wählt der die Berliner Verkehrsmittel. Das hat was von ­Bodenhaftung, aber auch von Jungenhaftigkeit. In die andere Richtung interpretiert könnte es heißen: Der ­Mittelstädt ist noch nicht reif genug zum Autofahren.

Plattenhardt kommt auf 176 Bundesliga-Einsätze

Sportlich verlief der Beginn seiner ­Profikarriere genau so. Während sich Mittelstädt durch den Verkehr stotterte, brausten andere auf der Überholspur an ihm vorbei. Seine Bremsklötze waren frühe Gelbe Karten, Unkonzentriertheiten und dadurch bedingt fehlendes Selbstvertrauen. Nicht selten saß er nach den Spielen in der Kabine, den Kopf gesenkt und haderte mit sich, der Welt und der scheinbaren Un­möglichkeit, diese Profikarriere irgendwie ins Laufen zu bringen.

Als wäre das nicht ­Herausfor­derung genug, war da noch Marvin Plattenhardt (26) auf der Position des Linksverteidigers. Begnadeter Linksfuß, Nationalspieler und Leistungsträger bei Hertha BSC (176 Bundesliga-Einsätze). An dem vorbeizukommen war für Mittelstädt – 29 Erstliga-Einsätze – lange Zeit unmöglich. Wann immer Plattenhardt fit war, spielte er. In der vergangenen Saison war das in der Bundesliga 33 Mal der Fall.

Doch kein Wechsel nach England

Inzwischen ist Dynamik in die lange so starre Konstellation gekommen. Plattenhardt erlebte einen unschönen Sommer. Mit Deutschland schied er früh bei der Weltmeisterschaft aus, verpasste einige Wochen von Herthas Vorbereitung und wurde dann, obwohl recht prominent ins Fenster gestellt, doch nicht Inhaber eines Arbeits­platzes in der finanziell so lukrativen Premier League. Nationalspieler ist Plattenhardt nicht mehr, beim Neuaufbau von Bundestrainer Joachim Löw spielt der Herthaner derzeit keine Rolle. Unlängst forderte auch Herthas Trainer Pal Dardai eine Leistungssteigerung, beim 2:0 gegen den FC Bayern musste Plattenhardt zum ersten Mal seit sehr langer Zeit von der Bank aus zusehen, obwohl er fit war.

Mittelstädt nutzte dieses Spiel, um den Abstand zum Konkurrenten zu verkürzen, obwohl darauf wieder Plattenhardt erste Wahl war. Dardai erklärte, er wolle in Zukunft je nach Gegner entscheiden, wer links verteidigt. Das heißt, wer besser zum jeweiligen Kontrahenten passt. Ob Plattenhardt oder Mittelstädt am Sonntag gegen Freiburg beginnen darf (15.30 Uhr), wollte Dardai noch nicht verraten. Plattenhardt gilt als Favorit. „Mein Gefühl war lange so, dass Marvin besser für die Heimspiele passt und Maxi eher auswärts, aber ich muss noch mal darüber nachdenken“, sagt Dardai. Zuletzt war es genau umgekehrt gewesen – Plattenhardt spielte auswärts, Mittelstädt daheim.

Debüt in der U21-Nationalelf

Dass Hertha einem Verkauf von Plattenhardt im Sommer nicht abgeneigt war, hängt auch mit der Entwicklung zusammen, die Mittelstädt gerade durchläuft. „Er ist ruhiger geworden und bekommt nicht mehr so schnell Gelbe Karten. Das Anlaufen bei hohem Tempo, das wir im Training oft üben, kommt ihm entgegen“, sagt Dardai. Nach regelmäßigen Nominierungen für die U20 wurde Mittelstädt auch zur U21 eingeladen und gab am Dienstag gegen Irland (2:0) sein Debüt. Es ist also nicht völlig aus der Luft gegriffen, wenn Dardai über einen „vielleicht zukünftigen A-Nationalspieler“ spricht.

Mittelstädts konstante Nominierungen für verschiedene Nachwuchsteams des DFB verdeutlichen, dass auch Trainer außerhalb von Berlin eine hohe Meinung von ihm haben. Er wird nun anders wahrgenommen, als U-Nationalspieler mit besten Zukunftsperspektiven. Seine Entwicklung aufzuhalten, um Plattenhardt weiter den Status quo einzuräumen, macht aus Berliner Sicht keinen Sinn und würde auch nicht zum dem Weg passen, den Hertha gerade geht. Selbst Plattenhardt profitiert von der neuen Situation. Mehr Konkurrenz könnte ihn wieder näher an sein ­früheres Leistungsniveau führen.

Trainer Pal Dardai hat die Wahl

Pal Dardai freut sich über die verschiedenen Qualitäten, die beide Spieler mitbringen. „Maxi besitzt ein höheres Laufpensum. Er ist auch kopfballstärker und dabei etwas mutiger als Platte. Für Marvin sprechen die Erfahrung und seine Flanken. Auf seine Standards können wir nicht verzichten“, sagt Herthas Trainer. Ursprünglich hatte er mit Mittelstädt auf der offensiveren Position links vor Plattenhardt geplant. Dort hat sich aber Javairo Dilrosun festgespielt. Für Dardai ist dieses Überangebot auf der linken Seite so ungewohnt wie U-Bahnfahrten für die meisten Fußballprofis.