Kolumne Immer Hertha

Manchmal muss es wehtun

Hertha begeistert mit attraktivem Fußball, darf aber nicht in Schönheit sterben. Ein Plädoyer fürs das gute, alte Begrüßungsfoul.

Foto: Sven Simon/Reto Klar/BM Montage

Berlin. Wie man es als Fußballer zu Weltruhm bringt? Nun, gemessen an den Klick-Zahlen des Videoportals Youtube vor allem durch sensationelle Dribblings und spektakuläre Tore. Gewitzte Ronaldinho-Tricks, kraftvolle Ibrahimovic-Fallrückzieher und Präzisions-Freistöße à la Zinédine Zidane stehen bei internetaffinen Fußball-Junkies hoch im Kurs, zeigen sie den Sport doch als Kunstform, ästhetisch und elegant. Seit dieser Woche aber haben die Stilisten einen neuen Konkurrenten im Wetteifern um „Gefällt mir“-Bewertungen und Likes, einen, der nicht zur feinen Klinge greift, sondern zur Axt.

Der Mann, der die sozialen Netzwerke unlängst zum Glühen brachte, hört auf den Namen Eric Dier, ist englischer Nationalspieler und hält sich als Defensivkraft vorwiegend in der eigenen Hälfte auf. Am Montag aber gönnte sich Dier einen beherzten Ausflug. Im Länderspiel gegen Spanien sprintete er mit 14 Schritten Anlauf in den gegnerischen Strafraum und hatte dabei nur ein Ziel: Spaniens Kapitän Sergio Ramos. Den Ball konnte der Engländer in dieser Situation bestenfalls über die spanische Torauslinie grätschen (was er auch tat), doch sein Anliegen war ein anderes. Dier wollte seinen Kontrahenten symbolträchtig auf die Matte schicken, um ein Zeichen zu setzen – und das gelang. Ramos, selbst kein Kind von Traurigkeit, schaute sich genauso verwundert um wie seine Teamkollegen. Die jungen Engländer hingegen setzten zu einem Sturmlauf an und führten zur Halbzeit bereits 3:0. Am Ende stand Spaniens erste Heimniederlage seit 15 Jahren.

Die Frage lautet: Wer ist hier der Boss?

Diers Anteil an diesem Coup war dabei wohl mindestens so groß wie der der Torschützen, weil er ein Stilmittel einbrachte, das zwar viele Namen trägt, aber nur von wenigen beherrscht wird. Das Begrüßungsfoul, wahlweise auch als Respekt- oder Dominanzgrätsche bekannt. Einziger Sinn und Zweck: dem Gegner zeigen, wer heißer und entschlossener ist, wer den Ton angibt, kurz: wer der Boss ist. Das schnelle Aufstehen zählt dabei zu den essenziellen Bestandteilen des Begrüßungsfouls. Eigene Schmerzen werden als Kollateralschaden verbucht, Marke „juckt mich nicht“.

Einer, der diese Gattung meisterhaft beherrschte, war Stefan Effenberg. Der Weg des FC Bayern zum Champions-League-Sieg 2001 war gepflastert von effenbergschen Machtdemonstrationen, nie gegen irgendwen, sondern stets gezielt gegen ein Alphatier des Gegners. Im Viertelfinale gegen Manchester Uniteds David Beckham. Im Halbfinale gegen Real Madrids Luís Figo. Im Endspiel gegen Valencias Kapitän Gaizka Mendieta. „Mit Effenberg“, sagte Teamkollege Mehmet Scholl einmal, „fühlst du dich unbesiegbar.“ So wie die Engländer Montag in Spanien.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich bin kein Freund überzogener Härte oder gar unfairen Spiels. Sicher, legendäre Treter wie Uli Borowka, Jens Jeremies oder Steffen Freund genießen rückblickend Kultstatus, aber gegen sie zu spielen, hätte man seinen ärgsten Feinden nicht gewünscht. Effenberg traf indes meist das richtige Maß, genau wie Dier gegen Ramos. Respektgrätsche ja, Horrorfoul nein.

Und Gier und Galligkeit geht’s nicht

Manchmal muss es eben wehtun auf dem Weg zum Erfolg, das gilt auch für Hertha BSC, wenngleich die Zeiten von Eisenfüßen wie Maik Franz längst vorüber sind. Heute suchen die Berliner eher spielerische Mittel, aber ohne Einsatzwillen, Leidenschaft und Galligkeit wird es nicht gehen. Wie sagte Mittelfeldmalocher Per Skjelbred erst vor zwei Wochen? „Wir sind ja nicht Barcelona.“

Nein, Hertha braucht weiterhin Mentalitätsmonster, Spieler wie Kapitän Vedad Ibisevic, die die nötige Gier ausstrahlen und im Zweifel eher selbst rumschubsen, als sich rumschubsen zu lassen. Erst recht wenn es gegen Gegner aus der Kategorie „unangenehm“ geht, so wie Sonntag im Heimspiel gegen den widerspenstigen SC Freiburg. Dass Hertha die Gäste locker flockig auseinanderkombiniert, ist eher unwahrscheinlich. Warum also nicht mit einem gepflegten Begrüßungsfoul starten? Könnte zum Klick-Hit werden!