E-Sport

Herthas Aufbruch in eine neue Dimension

Hertha BSC steigt in die E-Sport-Branche ein. Der Bundesligist will künftig in einer eigenen Akademie Profi-Spieler ausbilden.

E-Sport-Profi Elias Nerlich (l.) beim Spiel mit Fußball-Profi Jordan Torunarigha. Wie viel er als Zocker verdient, will er nicht verraten, aber beschweren wolle sich der 20-Jährige nicht

E-Sport-Profi Elias Nerlich (l.) beim Spiel mit Fußball-Profi Jordan Torunarigha. Wie viel er als Zocker verdient, will er nicht verraten, aber beschweren wolle sich der 20-Jährige nicht

Foto: City-Press GbR

Berlin.  Ein wenig befremdlich wirkte das Bild schon: hier der Profi, der ausnahmsweise in die Rolle des Amateurs schlüpft, dort der bisherige Amateur, der eine Karriere als Profi startet. Die Rede ist von Jordan Torunarigha (21), derzeit verletzter Bundesliga-Fußballer von Hertha BSC, und Elias Nerlich (20), Kapitän von Herthas erster E-Sport-Mannschaft, die sich der Fußball-Simulation „Fifa“ verschrieben hat. Am Freitag lieferten sich beide ein beherztes Duell am Spiele-Controller, das Torunarigha knapp mit 0:2 verlor. „Er ist schon nicht schlecht“, sagte Neu-Profi Nerlich danach und verriet: „Die Jungen bei Hertha, Jordan oder Sidney Friede, sind in ihrer Freizeit ständig online, um zu zocken.“

An die virtuellen Einsatzzeiten von Nerlich werden sie trotzdem nicht heranreichen. Für den gebürtigen Berliner ist Fifa-Spielen ab sofort kein Hobby mehr, sondern Job – für Heerscharen von Freizeit-Gamern ein Traum. Ermöglicht wurde dieser Schritt durch Herthas neugegründete E-Sport-Akademie, die Freitag offiziell eröffnet wurde.

Um auf dem hochlukrativen Markt einzusteigen, hat der Klub ein Ausbildungszentrum ins Leben gerufen, das professionelle E-Sportler hervorbringen will, am liebsten Jungs aus Berlin. Bewerber gab es zuhauf. Zu den Auswahlturnieren kamen mehr als 2000 Spieler, von denen letztlich vier den Zuschlag erhielten. Gemeinsam werden sie Hertha ab Januar in der virtuellen Bundesliga vertreten.

Aus „Fifa“-Fans sollen blau-weiße Anhänger werden

„Das hier ist absoluter Luxus“, schwärmt Nerlich über seinen neuen Arbeitsplatz, einem Raum auf der Geschäftsstelle. Fünf Schreibtische, beste Monitore, Beamer, ergonomische Stühle, eine neu verlegte Glasfaserleitung, Spielekonsole – mehr braucht es nicht für das Gamer-Schlaraffenland. Zudem dürfen die E-Sportler sämtliche Fitness-Einrichtungen der Fußballer nutzen. Dem Vorwurf, dass E-Sport eher körperliches Anti-Training sei, wollen sie bei Hertha etwas entgegenhalten. Ein Fitnessprogramm gehört ebenso zur Ausbildung wie Kurse in gesunder Ernährung. „Statt zu Chips und Cola greifen wir eher zu Nüssen“, sagt Nerlich und grinst, natürlich kennt er die Klischees über Computerspieler. Um auf Nummer sicher zu gehen, hat Hertha eine Gesundheitskasse als Kooperationspartner ins Boot geholt.

Die Frage, warum nach diversen anderen Bundesligisten auch Hertha einen E-Sport-Zweig braucht, erklärt Paul Keuter, Mitglied der Geschäftsleitung und verantwortlich für Digitale Transformation. „Die einfache Antwort ist, dass wir neue Zielgruppen erobern möchten“, sagt er, „aber uns geht es um sehr viel mehr.“ Zu den Grundwerten des Klubs zähle nun mal auch der Fortschritt, „deshalb setzen wir uns auch immer mit neuen Themen auseinander, die unsere Branche betreffen“.

Themen wie E-Sport eben, ein Phänomen, das in der Altersspanne von 13 bis Ende 20 längst massentauglich ist. Und abwegig ist der Gedanke ja nicht: Wer sich für eine Fußball-Simulation begeistert, kann sich vermutlich auch für realen Fußball und Hertha begeistern. Folgt man dem Twitter-Kanal von Herthas E-Sport-Akademie, finden sich dort auch allerhand Querverweise zum Bundesligateam. „Über unsere Social-Media-Kanäle haben wir eine Reichweite von über eine Millionen Menschen“, sagt Maurice Sonneveld, Herthas Leiter für Digitale Medien. Wie viele Follower man zu Stadionbesuchern machen könne, mag er jedoch nicht prognostizieren. Das sei aber auch nicht das Hauptziel.

Die Branche entwickelt sich in einen Milliardenmarkt

Tatsächlich geht es wohl eher darum, auf einem spannenden Wachstumsmarkt mitzumischen. E-Sport-Events sind ein Publikumsrenner, füllen gigantische Hallen wie die Berliner Mercedes-Benz Arena und begeistern Millionen Fans auf Videoportalen wie Youtube oder Twitch. Branchenkenner erwarten, dass der Umsatz mit E-Sport in Deutschland bis 2020 auf 130 Millionen Euro pro Jahr wächst. „Weltweit wird sich E-Sport zu einem Milliardengeschäft entwickeln“, heißt es in einer Studie der Beratungsgesellschaft Deloitte. Verbands- und Liga-Strukturen sind zunehmend professionalisiert, der E-Sport rückt aus der Nische. Die Branchenmesse Gamescom wurde 2017 von Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet, zudem flirten die E-Sportler bereits mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und dem Internationalen Olympischen Komitee.

Sportsimulationen wie „Fifa“ machen allerdings nur einen kleinen Teil der Industrie aus, die von Fantasy-Strategie- und sogenannten Ballerspielen dominiert wird. „Wir wollten als Fußballverein einen authentischen Einstieg“, sagt Sonneveld, „aber das soll nicht heißen, dass die Tür für andere Spiele zu ist.“ Ballerspiele schließe er jedoch kategorisch aus.

Vorerst liegt der Fokus allerdings auf „Fifa“. Für Elias Nerlich, der gerade sein Abitur gebaut hat, heißt das: Training, Training, Training – bis zu sieben Stunden pro Tag vor dem Monitor. „Du musst gegen Leute spielen, die besser sind als du, nur so kannst du dich steigern“, sagt er. Sein Ziel: Mit Hertha so gut wie möglich in der virtuellen Bundesliga abschneiden, vor allem aber die Qualifikation für die „Fifa“-WM. Spätestens dort wird deutlich, in welchen Dimensionen sich die virtuellen Kicker bewegen. Zuletzt gewann der Weltmeister ein Preisgeld von 500.000 Euro.