Bundesliga

Herthas Rekik ist Berlins jüngster Chef

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Sebastian Stier
Herthas Karim Rekik (r.) macht auch vor großen Namen wie Thomas Müller vom FC Bayern nicht Halt

Herthas Karim Rekik (r.) macht auch vor großen Namen wie Thomas Müller vom FC Bayern nicht Halt

Foto: Thomas Eisenhuth / picture alliance / ZB

Der Niederländer Karim Rekik (23) ist Herthas unumschränkter Abwehrchef und soll die Hintermannschaft auch gegen Mainz organisieren.

Berlin.  Auf einen Anruf von Ronald Koeman hat Karim Rekik (23) in den vergangenen Tagen vergeblich gewartet. Auf eine SMS ebenso. Nichts war zu hören vom niederländischen Nationalcoach, eine Nominierung für die Länderspiele gegen Deutschland und Frankreich blieb aus für den Verteidiger von Hertha BSC. Die drei Wochen Verletzungspause, die Rekik im September einlegen musste, waren dann doch zu lang für eine Einladung. Nun ist es nicht so, dass Rekik sehnsüchtig jede halbe Stunde auf sein Telefon geschaut hätte, dafür ist er mit seiner ausgeglichenen Art nicht der Typ, aber ein Spiel gegen Deutschland wäre schon ganz nett gewesen. Gerade jetzt, wo er dabei ist, sich hierzulande immer stärker einen Namen zu machen.

Karim Rekik gehört zu den talentiertesten Innenverteidigern der Bundesliga. Spätestens seit er und seine Mitspieler Bayerns Robert Lewandowski beim 2:0 vor einer Woche komplett aus dem Spiel nahmen, hat sich die Sicht auf ihn noch mal verändert. Darauf angesprochen sagt er: „Es geht nicht darum, einen Einzelnen zu stoppen, sondern den Gegner als Team von unserem Tor fernzuhalten. Wenn uns das gelingt, sehen wir alle gut aus.“

Sätze wie dieser sind es, die ihn zum unumstrittenen Anführer einer Hintermannschaft machen, die mit einem Durchschnittsalter von 23,5 Jahren zu den jüngeren der Liga zählt. Sollte am Sonnabend in Mainz (15.30 Uhr, Sky) Maximilian Mittelstädt (21) statt Marvin Plattenhardt (26) auflaufen, würde der Schnitt noch weiter sinken.

Nach Europa-Odyssee in Berlin angekommen

Verantwortung übernehmen, seine Nebenleute führen, genau das ist es, was man sich bei Hertha von Rekik wünscht und was in der Sommerpause auch noch stärker eingefordert wurde. Der Niederländer gehört zu jener Gruppe von Spielern, die in ihrem zweiten Berliner Jahr einen weiteren Schritt nach vorn machen und sich als Führungsfiguren etablieren sollen. So überzeugend wie Rekik gelingt es aber niemanden, diese Rolle auszufüllen.

Das hängt auch mit dessen Persönlichkeit zusammen. Wenn man so will, ist Rekik der älteste 23-Jährige der Bundesliga. Nicht vom Geburtsdatum her, sondern vom Habitus. Ihn umgibt eine außergewöhnliche Aura, er zeigt viel Reife, seine Worte klingen überlegt, nicht selten haben sie was von Lebenshilfetipps für junge Fußballprofis. Etwa wenn Rekik sagt: „Es gibt im Sport immer Höhen und Tiefen, aber du darfst nie den Glauben an deine Fähigkeiten verlieren.“ Oder: „Wenn du nur hart genug trainierst, kommt der Rest irgendwann von ganz allein.“

Er kann so was sagen, ohne das es bei ihm nach Ayurveda klingt. Rekik hat in jungen Jahren schon so ziemlich alle Gefühlswelten durchlebt, die eine Profi-Karriere bereithält. Mit 16 ist er weg aus den Niederlanden, danach folgte eine Odyssee. England, Rückkehr in die Niederlande, Frankreich, Deutschland. Stationen, die andere während einer kompletten Karriere nicht erleben. All das hat ihn früh erwachsen werden lassen. In Berlin, bei Hertha, fühlt er sich angekommen.

Kalou lobt den Verteidiger

„Wir haben wirklich eine besondere Chemie im Team, gehen viel zusammen raus, was essen oder treffen uns so in der Stadt.“ Zu seinen besten Freunden in der Mannschaft gehören Vedad Ibisevic (34) und Salomon Kalou (33), die absoluten Führungsfiguren und neben Torwart Rune Jarstein (34) die ältesten im Team. Die zehn Jahre Altersunterschied merkt man nicht. „Karim besitzt ein Leader-Gen“, sagt Kalou.

In Mainz wird diese Führungsqualität wieder gefordert sein, gegen diesen Gegner gelang Hertha bei den letzten drei Gastspielen kein Tor, zwei Mal hieß es 0:1. Vergangene Saison verloren die Berliner sogar beide Spiele gegen Mainz. Auch für Rekik sind die 05er keine Erinnerung wert. In Mainz verursachte er vor rund einem Jahr einen Elfmeter, der zur Niederlage führte. „Das war ein mieses Gefühl, weil wir auf keinen Fall schlechter waren und es sich so anfühlte, als hätten wir leichtfertig Punkte liegen gelassen“, sagt Rekik.

Am Sonnabend soll es besser laufen. „Wir wollen dort gut spielen, auf unsere Art“, so Rekik. Soll heißen: offensiv mit schnellen Umschaltbewegungen. In diesem Bereich, glaubt der Verteidiger, sei Hertha deutlich weiter als vor einem Jahr. „Inzwischen will jeder den Ball haben, jeder fühlt sich gut“, sagt Rekik. Alle würden ihre Aufgabe hundertprozentig erfüllen. „Wir müssen diesen Lauf ausnutzen und versuchen, ihn so lange wie möglich beizubehalten. Irgendwann werden sich auch schwächere Phasen einstellen, das ist im Laufe einer langen Saison ganz normal“, sagt Rekik. Er selbst hat das schon oft genug erlebt.