Bundesliga

2:0 - Hertha erringt ersten Sieg gegen Bayern seit 2009

Überraschungs-Coup von Hertha: Die Berliner siegen im Olympiastadion gegen Bayern München.

 Herthas Per Skjelbred (r.) gegen Münchens Renato Sanches.

Herthas Per Skjelbred (r.) gegen Münchens Renato Sanches.

Foto: Soeren Stache / dpa

Anders als seine Spieler stellte Niko Kovac (46) den eigenen Bewegungsdrang Mitte der zweiten Halbzeit ein. Fassungslos schaute der Trainer des FC Bayern auf das Geschehen, welches sich in unmittelbarer Nähe vor ihm abspielte. So hatte sich Kovac, einst Spieler von Hertha BSC, seine Rückkehr ins Berliner Olympiastadion nicht vorgestellt. Gegen seinen ehemaligen Mitspieler Pal Dardai (42) und dessen Berliner kassierte Kovac seine erste Niederlage als Verantwortlicher des deutschen Rekordmeisters. Hertha gewann 2:0 (2:0) und hätte den Bayern beinahe sogar die Tabellenführung entrissen. Am Ende fehlte nur ein Tor zur Ablösung.

Dass es ein ganz und gar ungewöhnlicher Fußballabend werden sollte, war zunächst nicht abzusehen. Hertha versuchte zwar, die Gäste durch frühes Stören vom eigenen Strafraum fernzuhalten, aber Jerome Boateng (13.) und Robert Lewandowski (17.) kamen per Kopf doch zu passablen Möglichkeiten.

Boatengs Foul gegen Kalou leitet den Coup ein

Die Wende leitete ausgerechnet ein Profi mit Berliner Vergangenheit ein: Boateng, der einst für Hertha sein Bundesliga-Debüt gab, senste Salomon Kalou völlig uninspiriert im Strafraum um. Schiedsrichter Marco Fritz (Korb) blieb gar keine andere Wahl, als auf den Punkt zu zeigen. „Das darf nicht passieren“, bemängelte Kovac. Den folgenden Elfmeter verwandelte Vedad Ibisevic sicher, 1:0 (23.).

Erstaunlich war, wie die Bayern mit diesem Gegentor umgingen. Sie reagierten geschockt. Die phasenweise Lethargie, die sich schon unter der Woche beim Remis gegen Augsburg angedeutet hatte, erreichte in Berlin andere Dimensionen. Aus dem Mittelfeld heraus wurden kaum kluge Angriffe initiiert. Renato Sanches, James Rodriguez und Thiago hatten gegen die emsigen Berliner Per Skjelbred, Arne Maier und Ondrej Duda fast immer das Nachsehen. Einzig Franck Ribéry mühte sich auf seiner linken Seite redlich, aber in Valentino Lazaro hatte der Franzose einen eifrigen Gegenspieler. Einen, der defensiv keinen Zweikampf scheute und der offensiv dazu noch Akzente zu setzen verstand. Nach einem feinen Steckpass von Kalou tankte sich Lazaro kurz vor der Pause bis zur Grundlinie durch und fand mit einem Rückpass an die Fünfmeterlinie den heranstürmen Ondrej Duda, der aus kurzer Distanz auf 2:0 erhöhte (44.). „Wir haben in den wichtigen Momenten wichtige und schöne Tore geschossen“, lobte Dardai voller Stolz. Für Duda war es bereits der fünfte Saisontreffer. Nur am Dienstag in Bremen hatte er nicht getroffen. Prompt verlor Hertha an der Weser mit 1:3.

Überhaupt zeigte sich Hertha im Vergleich zum Bremen-Spiel in allen Bereichen verbessert. Skjelbred, der Fabian Lustenberger im Zentrum ersetzte, lief unermüdlich Räume zu und bügelte beinahe alle Fehler seiner Mitspieler aus. Auch Dardais zweite Veränderung griff. Herthas Trainer hatte anstelle des erfahrenen Marvin Plattenhardt den 21-jährigen Maximilian Mittelstädt als linken Verteidiger aufgeboten. Mittelstädt erledigte seine Aufgaben derart gründlich, dass sein Gegenspieler Arjen Robben nach der Pause durch Thomas Müller ersetzt wurde. „Wir hatten heute eine richtige gute Tagesform“, sagte Dardai, „man hat von Anfang an gesehen, dass wir richtig spritzig sind.“

Bayern erhöhte den Druck, aber gefährliche Situationen gab es für die Berliner trotzdem kaum zu überstehen. Es dauerte bis zur 68. Minute, ehe Thomas Kraft bei einem Kopfball von Boateng beherzt eingreifen musste. Kraft zeigte gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber eine sichere Vorstellung, wobei das eigentlich Überraschende seine Beschäftigungslosigkeit war. Vor ihm erstickten Karim Rekik und Niklas Stark jede Gefahr schon im Keim, was dazu führte, dass Bayerns Torjäger Lewandowski kaum einmal in Erscheinung trat. Lediglich zehn Minuten vor dem Ende besaß der Pole eine große Chance, als er nach einer Ecke an den Ball kam. Kraft war aber zur Stelle.

Die Berliner stürzen Bayerns Trainer Kovac in die erste Krise

Der Rest war nur noch Münchner Verzweiflung. Süles Schuss aus 30 Meter war nicht mehr als Aktionismus. Die Berliner Fans im erstmals seit März 2017 wieder ausverkauften Olympiastadion feierten zu diesem Zeitpunkt längst schon ihre eigene Party. Ausgelassen stimmen sie alte Hits wie „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ und „Oh, wie ist das schön“ an. Als der ehemalige Herthaner Sandro Wagner ins Spiel kam, pfiff das Publikum aus Leibeskräften, aber anders als bei einem zurückliegenden Auftritt mit Darmstadt konnte Wagner seinen alten Klub nicht ärgern. Zu souverän agierten die Berliner auch in der Schlussphase. „Es ist einfach ein Gänsehautgefühl, nach so einem Spiel zu feiern“, sagte Mittelstädt kurz nach dem Schlusspfiff. Kapitän Ibisevic sagte: „Wir haben alles auf dem Platz gelassen, die Jungs sind todmüde. Das war unglaublich. Wir haben Freude, miteinander zu spielen.“

Niko Kovac war zu diesem Zeitpunkt längst in den Katakomben entschwunden. Die Rückkehr nach Berlin ist für ihn eng mit seiner ersten Ergebniskrise als Trainer des FC Bayern verbunden. Sein knapper Kommentar: „Das passiert.“ Nur eben nicht alle Tage. Für Hertha ist es der erste Sieg gegen Bayern München seit 2009.